„Das stille Land“ – mit Tom Drury in der Driftless Area

Das stille Land von Tom Drury

Das stille Land von Tom Drury

„Shale lag auf einer karstigen Hochebene, die man auch Driftless Area nannte, und nördlich davon liefen dicht bewaldete Höhenrücken… auseinander wie die gespreizten Finger einer Hand.“

Alles liegt hinter ihm und wenn er auf seine vergangenen 24 Jahre zurückblickt, erscheint ihm sein bisheriges Leben so trüb, wie bei einem Blick durch ein Milchglas. Eine gescheiterte Liebe, ein recht extravagantes Elternhaus voller Affären, die nun keine Rolle mehr spielen und die eigenen verpassten Chancen… Mehr bleibt ihm nicht.

Seine Eltern lebten emotional getrennt, starben jedoch zeitlich fast vereint. Er selbst kehrt nun nach fünf Jahren als Bachelor in Naturwissenschaften nach Shale zurück, jenen abgelegenen Ort in der Provinz, der ihn bisher keinen Schritt nach vorne gebracht hat. Kein Wunder also, dass er nun froh sein kann, als Barkeeper in einem Luxus-Nachtclub sein Auskommen zu finden.

Das stille Land von Tom Drury

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Shale. Die Driftless Area. Was für ein bezeichnender Name für eine Gegend, in der die Zeit stillzustehen scheint, in der sich wirklich kaum etwas bewegt und in der unter der Oberfläche doch mehr Bewegung zu vermuten ist, als das ruhige Packeis auf dem See vermuten lässt.

Pierre ist in den Ort zurückgekehrt, den er eigentlich niemals verlassen hatte. Manche Regionen verankern sich im Gedankengut der Menschen so sehr, dass sie heimatlos sind, wenn sie an einem anderen Ort Fuß zu fassen versuchen. Shale ist so ein Ort. Die Driftless Area eine solche Region. Absolut nichts bewegt sich und die scheinbar kleinen Geschichten des Alltags dominieren das Denken und Handeln der Menschen.

„Es galt als erwiesen, dass die Gletscher diese Gegend gänzlich verschont hatten… ihre blaue Stirn erhoben, die Lage peilten und sich dann nach links und rechts verteilten, um sich weiter unten wieder zu treffen.“

Das stille Land von Tom Drury

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Nichts bewegt sich. Driftless. So scheint sich im ersten Augenschein des Lesens auch die Handlung in den schieren Belanglosigkeiten des immer Wiederkehrenden zu verlaufen. Das Leben ist ein stiller ruhiger Fluss und Menschen in dieser Region neigen dazu, aus den Fliegen dieser banalen Welt die wahren Elefanten zu machen.

Eine Silvesternacht auf einer Party stellt den Wendepunkt einer Geschichte dar, die bis zu diesem Zeitpunkt noch gar keine ist. Aber wie sollte sie auch Fahrt aufnehmen? Wie soll das gehen? Doch bitte nicht in Shale. Jenem kleinen Ort, an dem alles dem immer gleichen Plan des Lebens folgt. Langeweile ist Programm.

Pierre feiert sich selbst ins neue Jahr, trinkt ein bisschen zu viel, verlässt die Party um ein wenig Luft zu schnappen, lernt auf einer Parkbank den seltsamen aber netten Tim kennen und möchte nur noch zurück ins Warme. Doch er verwechselt die Hauseingänge und landet auf der falschen Party. Ein kleiner Irrtum…

Das stille Land von Tom Drury

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Und nicht nur das! Er scheint in einem völlig falschen Leben zu landen, denn aus dem kleinen Versehen mutiert der größte Ärger seines Lebens. Hausfriedensbruch wird ihm von den unfreiwilligen neuen Gastgebern vorgeworfen, die Polizei wird eingeschaltet und aus der Mücke wird ein richtiger Elefant.

Pierre lässt sich auch jetzt treiben wie ein zielloser Eisblock. Nur dass er nicht treibt, sondern getrieben wird, ohne es zu merken. Die Gerichtsverhandlung steht an und einem einsamen Impuls folgend, versucht er selbst, Tempo aufzunehmen, schnürt seine alten Schlittschuhe und zieht seine Kreise auf dem gefrorenen See.

Im falschen Leben ankommen heißt folglich auch, auf dem falschen Eis zu fahren. Die kleine Welt scheint aus den Fugen zu geraten. Es bricht. Der stille See verschluckt ihn und der Tod ist unausweichlich. Bis aus dem Nichts eine fremde Frau erscheint, bestens gerüstet für diese Situation und absolut in der Lage, sein Leben zu retten. Stella. Eine Frau, die ihn sofort fasziniert und in die er sich augenblicklich verliebt. Aber hatte er je eine andere Wahl?

Das stille Land von Tom Drury

Das stille Land von Tom Drury

„Vielleicht gab es einstmals, vor dem Beginn des individuellen Denkens, eine Zeit, in der das Gefühl in die Welt getreten war und alle es auf die gleiche Weise verstanden hatten. So ähnlich war es jetzt:

Diese Zeit wieder zu finden und sie eine Nacht lang zu durchleben. Sich zu vereinigen wie beim Ehegelübde. Es war wie dieses eine einzige Wort…, dieses Wort, das alles sagte, und dieses Wort war das Geräusch des Atmens.“

Ganz langsam beginnt Pierre zu realisieren, dass Stella eine Frau voller Geheimnisse ist. Niemals realisiert er, dass sein ganzes Leben einem Plan gefolgt ist, der ihn letztlich in Stellas Arme führen sollte. Die Begegnung mit Tim auf der Parkbank, die verwechselten Türen, das Einbrechen auf dem See. Keine Zufälle. Denn Pierre ist nicht in seinem Leben angekommen, das hier aus den Fugen gerät. Er ist ihrem Leben angekommen.

„Tim fuhr weg und Stella ging ins Haus und nach oben in ihr Bett. Sie lag lange im Dunkeln und dachte nach. Tim hatte recht. Pierre würde ihr nicht glauben, was ihr geschehen war. Niemand würde ihr glauben.“

Das stille Land von Tom Drury

Das stille Land von Tom Drury

Tom Drury erzählt in seinem Roman „Das stille Land(Klett-Cotta) eine Geschichte, die wie ein ruhiger, fast bewegungsloser Fluss auf ihren Leser zutreibt und ihn langsam in seinen Bann zieht. Es sind nur die ganz kleinen Andeutungen auf diesem Leseweg, die den Verdacht nähren, dass hier irgendetwas so ganz und gar nicht stimmt.

Twin Peaks lässt grüßen. Nichts ist wie es wirklich scheint und das Mysteriöse wird zur Realität. Wer gerne einen intensiven Blick in eine Welt des Undenkbaren wirft und vor dem Unvorstellbaren nicht zurückschreckt, der wird die ganz eigene Dynamik dieses Romans zu schätzen wissen. Leser, die Neil Gaiman und seinen Ozean am Ende der Straße mögen, werden auch hier auf die geheimnisumwitterten Kosten kommen.

Auch euer Eis wird brechen – auch ihr werdet gerettet, aber glaubt mir. Danach wird nichts mehr so sein, wie ihr es kanntet. Willkommen in der „Driftless Area“ zu einer der wohl paranormalsten Liebesgeschichten, die von der Vorsehung ersonnen wurden. Auch wenn mir das Cover im Vergleich zu der Originalausgabe nicht besonders gut gefällt, traut nicht dem Äußeren. Lasst euch treiben, auch wenn es ein anfänglich langsames Treiben mit sehr überraschendem und bewegendem Ende ist.

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4 Gedanken zu „„Das stille Land“ – mit Tom Drury in der Driftless Area

  1. Na jetzt aber ehrlich. Das Cover. Das Cover ist sehr gewöhnungsbedürftig. Aber inhaltlich fällt das Buch in mein Beuteschema. Mystery. Twin Peaks. Unerklärliches und Liebe. Wenn dien Bilder und Texte nicht wären. Ich hätte nicht nach diesem Buch gegriffen. Jetzt wunschlistet es.

  2. „Twin Peaks lässt grüßen. Nichts ist wie es wirklich scheint und das Mysteriöse wird zur Realität. Wer gerne einen intensiven Blick in eine Welt des Undenkbaren wirft und vor dem Unvorstellbaren nicht zurückschreckt, der wird die ganz eigene Dynamik dieses Romans zu schätzen wissen.“

    Das spricht mich jetzt aber ganz direkt an. Unvorstellbar, das Undenkbare nicht greifen zu können und nicht im Mysteriösen abdriften zu wollen. Das ist ganz mein Genre und ich verweigere mich beharrlich der realen Oberflächlichkeit. Meine neue Adresse lautet „Driftless Area“. Danke dafür.

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