Mein Name ist „Mo“ – Punkt…

Mein Name ist Mo - Punkt

Mein Name ist Mo – Punkt

Einmal im Jahr durfte sie raus. Wieder die Luft zu atmen, die ihr seit ihrer Kindheit so sehr fehlte und am frühen Morgen in eisiger Kälte und kristallklarer Luft in den Stall zu laufen, um noch ein wenig eher als der verschlafene Hahn den neuen Tag einzuläuten, fühle sich einfach gut an. Der Bauernhof ihres Onkels lag im „Nirgendwo“, was man daran merkte, dass dieses „Nirgendwo“ weder mit einem Bus noch mit dem Zug zu erreichen war. Abgelegen war genau das richtige Wort und auch der richtige Ort, wenn man selbst abgelegt war.

Es war nie leicht, die Erlaubnis zu bekommen, die Weihnachtszeit hier zu verbringen. Eigentlich sollte sie gar keinen Kontakt zu ihrer Familie haben, bis alles geklärt war. So nannten das die Erwachsenen, wenn sie verhindern wollte, dass Kinder verstanden, was eigentlich zu klären sei. Und genau so lange war sie im Heim untergebracht. Bis es geklärt war. Es.

Die Schläge und Verletzungen. Ihre leisen Schreie und Schmerzen und alles was man ihr zugefügt hatte, oder besser: Er, den sie niemals mehr mit dem Wort anreden würde, das andere Kinder so leicht vor sich hin plapperten. Papa. Nie wieder würde sie das zu ihm sagen. Und es wurde Zeit, dass alles geklärt wurde und vorbei war. Es dauerte schon viel zu lange. Seit drei Jahren „klärten“ sie vor Gericht, was nie geklärt werden kann. Was nie verheilt. Und solange war sie in der Obhut fremder Menschen.

So nannte man das im Heim. Obhut. Keine Schläge, keine Schmerzen… Nur das Innen blieb. Wie ein Loch in dem sich alles verkrampft. Da konnte die Obhut noch so groß sein. Liebevoll und vorsichtig. Der feste Ring um ihre Brust wurde nie lockerer. Und wenn sie zu Weihnachten andere Leute sah… Hand in Hand… lachend und Kinder mit glänzenden Augen, dann schloss sich dieser Ring. Ganz.

Ihr Onkel musste auf alle Götter schwören, dass er niemandem verriet, dass sie ein paar Tage auf seinem Bauernhof blieb. Im Nirgendwo gab es keine Nachbarn, keine Augen und Ohren. Nur sie beide und es war leicht, das Geheimnis zu bewahren. Fünf Tage raus. Fünf Tage Luft. Fünf Tage Stall, Erde, Heu, Futter… Schnee… einfach Leben. Und doch blieb der Krampf. Weil die Zeit verging und mit jeder Stunde wurde die Luft knapper. Das war vorletztes letztes Jahr so, letztes Jahr ebenfalls und warum sollte sich jetzt etwas ändern?

Mo trieb in einer unsichtbaren Wolke der Traurigkeit durch ihre Welt. Von jener kleinen Monika, die hier früher mit den Ziegen um die Wette lief und Hühner scheuchte, war wenig übrig geblieben. Mo war nur noch Mo. Wenig. Keine Verniedlichung, wie Moni oder Monerl. Hart und ohne Geschlecht. Erst 14 Jahre alt. Mo. Punkt. Den Rest hatte sie abgelegt, so wie sie abgelegt wurde. Und doch tat es ihr gut, hier zu sein. Wer sie nicht kannte, der merkte das nicht, aber ihr Onkel spürte die kleinen Risse in der dunklen Wolke. Auch wenn sie so klein waren, dass weder Licht heraus noch Wärme eindringen konnte. Irgendwann würden sie wachsen. Die Risse.

„Seit wann hast du den denn?“ rief sie aus dem Stall, während ihr Onkel die vereiste Schubkarre über den Hof wuchtete.

„Den Gaul? Einfach nicht beachten, Mo. Der wird schon bald wieder abgeholt. Taugt zu nichts. Sollte eigentlich unten im Forst helfen, wo kein Traktor hinkommt. Aber der zieht keine Baumstämme mehr. Der bewegt gar nichts. Sieht aus wie ein Riese, bricht aber schon zusammen, wenn er das Zaumzeug nur sieht. Dann dreht er hohl.“

Und schon war er verschwunden. Man hörte nur noch sein Ächzen und das polternde Geräusch der vom Rost angenagten Schubkarre.

„Du drehst hohl?“ wandte sich Mo an das Pferd, das vor ihr Stand. Nur durch drei Querstangen von ihr getrennt, schnaubte es und fixierte sie mit den wachsamen Augen, während sich die Ohren drehten wie zwei kleine Radarantennen. Als Mo sich den Stangen näherte, begann das Pferd auf der Stelle zu tänzeln. Nervös. Und doch war da etwas Besonderes in den Bewegungen. Das war jedoch keine Panik. Das war kein Stress. Das war etwas, das Mo zuletzt im Zirkus gesehen hatte. Damals, als es noch nichts zu klären gab. Damals… nur, dass dieses Pferd kein Schimmel war.

„Onkel, ich will was versuchen“ schrie sie in den Hof hinaus. Und ihre Stimme klang anders. Laut und bestimmt, fast sogar aufgeregt. „Onkel, hörst du? Ich brauch` dich jetzt mal hier!“

Sie redete auf ihn ein, wie auf einen tauben Esel. Er legte den Kopf schief und schaute Mo zweifelnd an. Hörte ihr zu und schwieg. Bis er zustimmend nickte.

„Vielleicht sollten wir es versuchen, Mo! Vielleicht sollten wir das wirklich.“

Eine halbe Stunde später konnte man sie auf der großen Weide neben dem Haus beobachten. Das Mädchen und das Pferd, verbunden durch ein langes Seil, das als Longe herhalten musste. So hatte der Onkel das genannt. Mo stand unversehens in der Mitte eines unsichtbaren Kreises, während das stolze Tier in unterschiedlichen Gangarten um sie kreiste. Langsam, schnell, trabend, im Schritt, so als hätte dieses Pferd nie im Leben etwas anderes gemacht und nur auf diese Gelegenheit gewartet.

„Meinst du, ich kann ihn reiten? Meinst du es war ein Dressur- oder Zirkuspferd, bevor du es gekauft hast? Weißt du, wie es heißt?“ Die Fragen schienen kein Ende zu nehmen. Mo war völlig aufgewühlt und konzentrierte sich nur auf das andere Ende der langen Leine.

„Das hab ich gleich. Ich rufe den Pferdehändler an und du bleibst hier. Sei vorsichtig und mach einfach genau so weiter. Ich bin gleich wieder da, Mo… genau so weiter….“

Aus dem Küchenfenster hatte er einen perfekten Blick auf die Weide während er telefonierte. Er sah das Mädchen und das Pferd in immer engeren Kreisbahnen wie Trabant und Planet einander umkreisen. Er sah die Aufmerksamkeit und den trabenden Stolz des eleganten Tiers, und musste schwer schlucken, als er bemerkte, wie sich die Körperhaltung von Mo verändert hatte. Aufrecht und sich ihrer selbst bewusst hielt sie die Longe während ein Arm erhoben den Blick des Pferdes fesselte. Sie waren eins in ihrer Bewegung und verschmolzen im gefrierenden Nebel kleiner Atemwölkchen.

„Hat es funktioniert? Ich hab´s dir doch gesagt, Paul, diesem Pferd kann kein Kind widerstehen, ich wusste es Paul… Ich wusste es seitdem du mir von der Kleinen erzählt hast. Paul, hörst du mich? Hat es funktioniert? Paul?“

Aber Paul hörte schon lange nicht mehr zu. Die Stimme seines Freundes war schon mit dem Nichts verschmolzen während er das Fenster öffnete, den Hörer zur Seite legte und beobachtete, wie Mo die Leine immer kürzer fasste. Mensch und Tier näherten sich einander an. Er wollte etwas sagen, doch seine Stimme versagte. Stille breitete sich über Haus und Weide aus. Und diesmal war es wie die Stille vor einem Sturm, der ein Leben verändern sollte. Seine Tränen flossen bereits, als er die Stimme seiner Nichte hörte…

„Komm… Komm… Großer… Wie heißt du denn…? Hoooh… Ich bin die Moni… Und du?”

Editorial:

Margarete Neumeister hat mich gebeten, das 12. Türchen ihres Adventskalenders mit einer Geschichte aus meiner Feder zu befüllen. Ich habe sehr gerne zugesagt und mir ein Thema ausgesucht, von dem ich keine Ahnung habe. Pferde. Da Margarete jedoch eine sehr elegante Dressurreiterin ist, sah ich in dieser Auswahl die einzige Möglichkeit, ihr die Geschichte inhaltlich von ganzem Herzen zu widmen.

Für Margarete – Dezember 2014

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4 Gedanken zu „Mein Name ist „Mo“ – Punkt…

  1. Wasser im Gesicht. Arndt wie konntest Du wissen? Es sind so viele Wahrheiten über mich in dieser Geschichte verpackt. Ich bin sprachlos und mit großem Dank an Dich erfüllt

      • Ich wünsche Dir und Deiner Familie noch eine ganz besondere Adventzeit und nochmals – herzlichen Dank für Diesen wunderbaren Beitrag, der sicherlich auch tief in andere Herzen eindringen wird.

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