„Der beste Roman des Jahres“ von Edward St Aubyn

Der beste Roman der Welt - Edward St. Aubyn

Der beste Roman der Welt – Edward St Aubyn

Man kann seine Leser schon gehörig an der Nase herumführen. Wenn der Titel eines Buches verheißungsvoll Der beste Roman des Jahres lautet, dann suggeriert dies ohne jeden Zweifel, dass genau jenes Werk gemeint ist, das man gerade selbst vor Augen hat. Derart provoziert, denn dieses Prädikat hat doch bitte das Buch nicht für sich selbst zu vergeben, beginnt man ziemlich neugierig und recht kritisch, sein Schätzchen auf Bücherherz und Lesebändchen zu testen, nur um schnell zum Ergebnis zu kommen: „NEIN – DAS IST ER NICHT!“

Womit ich nicht sagen will, dass es nicht der beste Roman des Jahres wäre, und der Piper Verlag somit seine Leser schon mit dem Buchtitel auf die bibliophile Schippe genommen hätte. „Der beste Roman des Jahres“ heißt nämlich erstens ganz anders (Lost for Words) und zweitens geht es um einen ganz anderen Roman, der in diesem Buch zum besten Roman des Jahres gekürt werden soll.

Um es mit den Worten des Originaltitels zu versuchen: man verliert sich schon in den Worten, wenn man Worte dafür finden möchte, warum die auf dem Buchtitel gewählten Worte am eigentlichen Sinn des Vermuteten vorbeizielen. Also halten wir fest: Edward St Aubyn schrieb mit „Der beste Roman des Jahres“ keinesfalls den besten Roman des Jahres, auch wenn er das sicherlich beabsichtigte.

Der beste Roman der Welt - Edward St. Aubyn

Der beste Roman der Welt – Edward St Aubyn

Edward St Aubyn verlor sich allerdings auch nicht in den Worten seines Romans, denn selten hat man über die Arbeit einer überforderten literarischen Jury, die in der Wortlawine der eingereichten Titel zu versinken droht, so sehr schmunzeln können. Tiefe Einblicke gewährt der versierte britische Schriftsteller in das Innenleben eines fiktiven und doch so repräsentativen Literaturpreises und der Juroren, die ihn völlig frei, gänzlich unbeeinflusst und losgelöst von allen Sachzwängen des Buchmarktes zu vergeben haben.

Und nicht nur das. Wie ein bibliophiles Chamäleon wechselt der Autor zwischen den einzelnen Kapiteln die Farbe und schlüpft in die Rollen seiner „Kollegen“, die sich auf der Shortlist des begehrten „Elysia Preises“ wiedergefunden haben und nun mehr oder weniger tatenlos erleben müssen, welche Welle die Shortlist in im Mutterland des „Elysia-Preises“ auslöst.

And the Nominees are:

  • „Der gefrorene Wildbach“ von Sam Black
  • „Das Enigma Rätsel“ von Robin Wentworth
  • „Die ganze Welt ist eine Bühne“ von Hermione Fade
  • „Was guckstu!“ Von Hugh Madonald
  • „Die glitschige Stange“ von Alistair Mackintosh
  • „Das Palast-Kochbuch“ von Lakshmi Badanpur

Ja, richtig gelesen… „Das Palast-Kochbuch“… und zwar ein indisches… dazu später mehr.

Der beste Roman der Welt - Edward St. Aubyn

Der beste Roman der Welt – Edward St Aubyn

Die Geschichte der Shortlist des „Elysia-Preises“ hat naturgemäß eine komplizierte Vorgeschichte, die unter der Überschrift „Die Longlist“ eigentlich schnell erzählt wäre. Aber das schnelle Erzählen gehört nicht zu den Stärken von Edward St Aubyn und das ist gut so, denn man muss die Vorgeschichte kennen, um die spätere Preisvergabe verstehen zu können.

Alles beginnt mit der Benennung des Vorsitzenden der Jury des „Elysia-Preises“ Malcolm Craig. Er betrachtet diese Aufgabe als große Chance, dem Hinterbänkler-Dasein des britischen Parlaments für ein paar Wochen zu entkommen und sich im Kreise der anderen Juroren (auf deren Auswahl er keinen Einfluss hatte) auf knapp 200 eingereichte Bücher zu konzentrieren um dann quasi rein demokratisch den „Besten Roman des Jahres“ zu finden.

In der Realität stellt sich diese Herausforderung jedoch völlig anders dar. Sie gleicht sogar eher einem Schachspiel, in dem die egozentrischen Jury-Mitglieder sich scheinbar selbstlos dabei helfen, die Favoriten ihrer Kollegen zuerst auf der Longlist zu platzieren, um sie dann im finalen Showdown durch das Bilden unheilvoller Allianzen von der Shortlist fernzuhalten. Und sollte dies nicht gelingen, die Reputation dieser Bücher und ihrer Autoren so weit zu schwächen, bis nur noch der eigene Favorit übrig bleibt. Klingt einfach.

Der beste Roman der Welt - Edward St. Aubyn

Der beste Roman der Welt – Edward St Aubyn

Wäre da nicht die nationale und internationale Presse, die während des unwürdigen literarischen Schauspiels ihre eigenen Meisterwerke und Favoriten medial begleitet und wie buchige Säue durch die Medienlandschaft des Landes treibt. Druck baut sich auf. Nicht nur von dieser Seite. Auch der Finanzier des Preises wünscht sich ein Buch auf dem ersten Platz, das den absolut laienhaften Ansprüchen des Geldgebers entspricht. Der Balanceakt zwischen Literatur, Jury-Schach und purer Intrige beginnt immer weitere Kreise zu ziehen.

Natürlich spielen auch die Schriftsteller selbst eine gewichtige Rolle. Da sind die einflussreichen nicht nominierten Autoren, die nun ihre Armeen in Stellung bringen; die unbekannten Schreiberlinge, die ihre Außenseiterchancen zu verbessern suchen und die völlig abgedrehten Nicht-Autoren, die mit der festen Absicht ins Land reisen, den „Elysia-Preis“ quasi im Vorbeigehen einzuheimsen, obwohl ihr Buch noch gar nicht erschienen ist.

Nehmen wir uns nur den 653. Maharadscha von Badanpur, dessen Roman „Der Maulbeerelefant“ nur ein einziges Mal existiert, der aber mit seinem sonnigen Gemüt und unter Begleitung seines Hofstaates in England einfällt um seine bereits fertige Dankesrede an die Jury und das ganze Volk zu richten. Die Nicht-Nominierung seines Meisterwerks lässt archaische Rachegedanken in ihm keimen und er schwört blutige Vergeltung.

Der beste Roman der Welt - Edward St. Aubyn

Der beste Roman der Welt – Edward St Aubyn

Während der innere Zirkel der Jury in immer enger werdenden Kreisen um die wenigen verbleibenden Bücher kreist, beginnen die Zufälle die Übermacht zu gewinnen. Die nicht nominierte Autorin Katherine Burns kann die Missachtung ihres Romans „Tragweite“ nicht verwinden und löst mit der Entlassung ihres Lektors eine Kette von Ereignissen aus, die in ihrer Tragweite die Tragweite von „Tragweite“ deutlich überstrahlt. Denn nur so gelangt letztlich das indische Palast-Kochbuch der Großmutter jenes 653. Maharadschas von Badanpur durch ein Versehen auf die Longlist des renommierten Literaturpreises… Eine Sensation bahnt sich an.

Edward St Aubyn hat sicher nicht den besten Roman des Jahres geschrieben. Er hat allerdings die vielschichtige Innenansicht der Vergabe eines fiktiven Literaturpreises so geschickt und pointiert zu seiner eigenen Geschichte gemacht, dass man ihm den „Elysia-Preis“ persönlich überreichen möchte. Er ist nicht nur in die Haut seiner Juroren geschlüpft, sondern eben auch noch in die Feder der nominierten Autoren, und was er da an Kostproben in Form von Zitaten aus den nominierten Büchern zum Besten gibt, ist mehr als eine Fingerübung.

Es zeigt, welche Stilrichtungen er beherrscht, in welchen Genres er sich sicher zu bewegen weiß und man kann sich doch vorstellen, wie sehr er dabei in sich hinein gelacht haben mag, als er die frei erfundenen Kollegen so sehr persiflierte und überzeichnete. Ein wundervolles Buch über die Liebe zur Literatur und auch darüber, was ein Literaturpreis mit dem Wesen des Lesens anzustellen vermag. Pflichtlektüre nicht nur für Autoren und Juroren. Pflichtlektüre für Leser, die gerne Bücher mit dem Aufkleber „Literatur-Preisträger“ kaufen…

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