„Sirius“ von Jonathan Crown – Ein Hundeblick aufs Dritte Reich

Sirius von Jonathan Crown

Sirius von Jonathan Crown

Die Bücher sind verbrannt, das Kristall des Reiches in der gleichnamigen Nacht von braunen Horden zerschlagen. Berufsverbote sind ausgesprochen. Die Vornamen geändert, weil es das Gesetz jetzt so befiehlt. Juden werden eingesammelt, barfuß durch die Stadt getrieben. Konzentriert in Lagern, so sagt man ihnen. Schutzhaft. Was für eine Lüge.

Selbst der Hund heißt jetzt anders. Sirius. Das klingt unverfänglich und nicht jüdisch. Man mag ihn nicht gefährden. Sein zweiter Name inzwischen, dabei hatte er sich so sehr an Levi gewöhnt. Und nun öffnet sich für seine neuen Herrchen die letzte Tür zur Flucht. Amerika. Nun gilt es im Eiltempo zu handlen. Unverzagt und schnell.

Doch was mitnehmen? Was zurücklassen? Die Menschen auf der Flucht handeln so unterschiedlich. Bisher Wichtiges wird unwesentlich. Unwichtiges mutiert augenblicklich zum letzten Strohhalm der Erinnerung. Die Rückkehr nach Hause scheint Illusion zu sein und jeder nimmt auf seine Art und Weise Abschied von der Heimat, die nun zur Falle für die jüdische Bevölkerung wird.

Sirius von Jonathan Crown

Sirius von Jonathan Crown

„Georg nimmt nichts mit. Gar nichts. Das wiegt am meisten.“

„Schlussendlich steht ein Koffer an der Tür. Ein kleiner Koffer. Die Vergangenheit muss sich einschränken, wenn sie in die Zukunft mitreisen will.“

Und Sirius? Der letzte Überlebende eines Wurfs, den sein Züchter lapidar „Drittes Reich“ nannte. Ist auch Platz für ihn? Platz für einen jüdischen Hund aus einer Welt, in der man nun auch von „Rasse“ spricht, wenn es nicht um Tiere geht. Eine Welt, in der man als kleiner Foxterrier dem Rasse-Ideal der braunen Machthaber eher entspricht, als eine Vielzahl von Menschen, die man nun zu herrenlosen und räudigen Hunden macht, die es nicht verdient haben weiterzuleben.

Natürlich muss man auch als Terrier das Spiel der Nazi-Schergen mitspielen. Nur dressiert lässt es sich ruhig leben. Die Pfote stets zum Gruß erhoben, ein kleiner Salto zur rechten Zeit und schwanzwedelnd in den Untergang. Das sichert die eigene Existenz. Die Rasse allein scheint nicht entscheidend zu sein. Schön angepasst und abgerichtet muss man schon sein, um nicht den Hundefängern in die Schlinge zu laufen. Einzig sein Baum, mit dem er beim Gassi-Gehen intensive Gespräche führt, vermittelt trügerische Sicherheit.

Sirius von Jonathan Crown

Sirius von Jonathan Crown

Doch dies ist nicht das Leben des jüdischen Professors Liliencron. Die Schlinge zieht sich von Tag zu Tag mehr um den Hals der Familie und viel zu spät erkennt er, wie sehr man inzwischen in der Falle sitzt. Angesichts der fortschreitenden Entrechtung und Verfolgung schmiedet man einen Plan, in letzter Sekunde das braune Land zu verlassen.

1938. Viel zu spät und ohne die Hilfe der prominenten Freunde der Familie wären sie ohne jede Chance gefangen, bevor man sie selbst gefangen nehmen würde. Die Deportationen haben längst begonnen. Und auch der Sohn der Familie läuft der Willkür der Machthaber in die offenen Arme. Jetzt gilt es, schnell zu handeln und die Flucht nach Amerika zu wagen.

Wo die Erinnerungen zurückbleiben und Persönliches zum Ballast der eigenen Fucht verkommt, gehört der kleine Foxterrier der Liliencrons wie selbstverständlich zur Familie und unter seinem neuen Namen Sirius verlässt nun auch der letzte überlebende jüdische Hund das Land seiner Väter. In wirklich letzter Sekunde, bevor die Nazis in Polen einfallen und der Holocaust mit voller Wucht über die Juden in Europa hereinbricht.

Sirius von Jonathan Crown

Sirius von Jonathan Crown

Das Amerika dieser Jahre empfängt die entwurzelten Liliencrons nicht gerade mit offenen Armen. Ganz unten heißt es völlig neu anzufangen. Dankbar für die Rettung sind es Aushilfsjobs, mit denen man sich kollektiv über Wasser halten muss. Und doch sind es Jobs im Umfeld der Reichen und Schönen, die der geretteten Familie ein bescheidenes Auskommen sichern.

Hollywood ist der unglaubliche Gegenentwurf zum Nazi-Deutschland jener Tage. Glanz und Glamour, eine Filmindustrie auf dem Höhepunkt ihres Schaffens und eine unbekümmerte Naivität gegenüber den Ereignissen in Europa werden zum Rahmen, in dem sich das Leben der „Crowns“ nun abspielt. Das Liliencron hatte man abgelegt. Wie so vieles. Ein neues Leben. Was dann geschieht, kann selbst die Überschrift „Ironie des Schicksals“ nicht ausreichend beschreiben.

Sirius wird von Hollywood entdeckt. Unglaubliche Zufälle und sein Talent machen aus dem kunstfertigen Foxterrier den wohl berühmtesten Filmhund seiner Zeit. Wohlstand und Ansehen wirken sich auf „seine Familie“ aus. Die größten Schauspieler ihrer Zeit gehen in der neuen Villa ein und aus. Dank Sirius entwickelt sich das Leben zum Traum, während das Deutschland der Nazis die ganze Welt in den Abgrund zu reißen droht.

Sirius von Jonathan Crown

Sirius von Jonathan Crown

Als Sirius vom größten Zirkus der Welt für eine Tournee engagiert wird, geschieht das Unfassbare. Das Schicksal bringt ihn zurück an den Startpunkt seiner Flucht. Nach Hause kann man schwerlich sagen, denn inzwischen liegt eine Wolke aus Schutt und Asche über seiner Stadt. Nur der Baum ist geblieben. Sein Fixstern inmitten des Chaos. Als er dann plötzlich dem Monster persönlich gegenüber steht wird sich weisen, ob man der Geschichte die Zähne zeigen kann oder lieber den Schwanz einzieht. Sirius trifft auf Adolf Hilter. Rassehund steht Rassefanatiker gegenüber.

Jonathan Crown bewegt sich auf dem schmalen Grat des Perspektivwechsels und begibt sich auf Augenhöhe mit einem Hund. Auf weichen Pfoten durch das Dritte Reich, könnte man sagen. Doch genau dieser Blickwinkel macht es ihm möglich, den braunen Fanatismus so zu beschreiben, wie er bisher selten auf den Punkt gebracht wurde. Der scharfe Kontrast zum Luxusleben in Amerika, die Künstlichkeit und Naivität eines ganzen Landes im Konsumrausch, all dies lässt sich aus seinen Augen hervorragend schildern.

Und ganz nebenbei vermittelt der Autor eine Geschichtsstunde der besonderen Art. Der Zweite Weltkrieg wird in seiner Chronologie so brillant untergemischt, dass man als Leser eine mehr als verständliche und komprimierte Zusammenfassung des Strudels erlebt, der so viele Menschen in die Tiefe zog. Der große Erfolg des Romans liegt genau an diesem geschichtlich fundierten Hundeblick. Hier spürt man die große Wortgewalt des Journalisten Christian Kämmerling (SZ Magazin), der ebenso pseudonymisch wie die Liliencrons zu einem Mitglied der  Familie Crown mutiert und in der Emigration dem Nazi-Regime die gefletschten Zähne zeigt. Ein Roman mit Biss, den man nicht nur als Hundefreund besonders schätzen wird.

Sirius von Jonathan Crown - Lesen mit Flocke

Sirius von Jonathan Crown – Lesen mit Flocke

Sirius“ von Jonathan Crown – Kiepenheuer und Wisch – changiert dabei sprachlich zwischen Wochenschau, Polit-Journalismus, Klatschpresse, Zeitzeugenbericht, VIP-Kolumne und poetischem Dialog. Unglaubliche Tiefe erreicht der Roman im Gespräch zwischen Sirius und „seinem Baum“. Hier fühlt man sich an Antoine de Saint Exupéry erinnert. Der kleine Prinz kann auch ein Hund sein. Grandios emotional.

In seiner Botschaft „Gegen das Vergessen“ wird „Sirius“ den unzähligen Opfern des Holocaust gerecht. Ich weiß, wovon ich spreche, wenn ich dieses Prädikat vergebe. Glaubt mir!

Sirius von Jonathan Crown - Ein Beitrag "Gegen das Vergessen"

Sirius von Jonathan Crown – Ein starker Beitrag „Gegen das Vergessen“

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