„Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen“ – Die 55. Münchner Bücherschau mit Günter Grass

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Und dann sitzt er dir plötzlich gegenüber. Ganz leibhaftig und agiler, als man dies in Anbetracht seines Alters erwarten dürfte. Er nimmt die Bühne für sich ein, obwohl er kein Schauspieler ist, er dominiert den Raum mit seiner Ausstrahlung, auch wenn er kein einziges Wort sagt. Er lächelt verschmitzt, sucht direkten Blickkontakt und wirkt trotz des ausverkauften Saals gelassen und routiniert. Wobei Routine das Letzte ist, was sich in den nächsten zwei Stunden im Münchner Gasteig abspielen wird.

Günter Grass ist endlich da. Literaturnobelpreisträger und kritischer Wegbegleiter der deutschen Geschichte. Umstritten, geliebt, gehasst, verrissen, kritisiert, auf den Olymp gehoben, fallengelassen, erhöht, erniedrigt, bewundert und abgestempelt. Mal war er zu aktiv, ohne es einzugestehen, dann war er zu passiv und stand dazu. Mittelmaß war nie sein Ding. Ein großer Autor der Extreme mit gewagt polarisierenden Bild-, Wort- und Satzkonstruktionen. Weiser und Naiver seines Landes. All dies saß nun vor mir, vor uns – zum Greifen nah.

Er war hier, um im Rahmen der 55. Münchner Bücherschau seine Ausstellung „Radierungen zu den Hundejahren“ zu eröffnen. Er wollte ein bisschen erzählen darüber, wie die Bilder entstanden, wie sie einzuordnen sind und er sollte ein wenig lesen aus diesem großen deutschen Roman in drei Büchern. Vielleicht würde er sogar einen kleinen Blick hinter die Kulissen zulassen und sich im launigen Zwiegespräch mit dem Moderator einige Aussagen entlocken lassen, die dem geneigten Grass-Liebhaber neu wären. Vielleicht, so war mein Hoffen, würde dies sogar ein sehr wichtiger Abend für die Literatur.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Sein Auftritt selbst entbehrte jeglicher Allüren. Ein Grass kommt nicht durch den Bühneneingang. Er bewegt sich im Besucherstrom und gar nicht inkognito durch die Menschen, die gleich sein Auditorium sind. Ungezwungen, ansprechbar, freundlich und bescheiden inmitten der Betrachter seiner Bilder, die nun er als Besucher betrachtet – mit den Betrachtern als neuem Rahmen – als würde sein Publikum den Bildern durch seine Präsenz eine neue Dimension verleihen. So schlendert, staunt und plaudert er. So ist er. Und so plaudert er auch mit uns. Gelassen und locker. Kein Star….

Nicht unsere erste Begegnung. Nicht zum ersten Mal quasi nicht ungestört und doch vergleichbar, weil er mehr als nahe steht und gar nicht entrückt kein Bild des entrückten Autors vermittelt. Man muss das erlebt haben, seine Aura gespürt haben, um diese begeisterten Worte auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Obwohl ich meiner Chronistenpflicht folge, lasse ich mir doch selbst Spielraum für meine Bewunderung. Subjektiv wäre ich auch, würde ich neutral berichten. Da bin ich lieber kritisch verliebt!

Und mit Kristina habe ich eine profunde Grass-Kennerin an meiner Seite, die mich diesen Abend nicht allein erleben lässt, sondern gemeinsam mit mir in der ersten Reihe (Mitte) des Carl-Orffs-Saals Auge in Auge mit Günter Grass, diesem älteren Herrn mit selbstgestrickten Socken lauscht. Aus seinem selbstgestrickten Leben erzählend, seine Verstrickungen gestehend und dabei so sehr bestrickend zu wirken, dass er sein Publikum mit wahrer Literatur umgarnt.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Im Plauderton entwickelt sich ein moderiertes Gespräch, bei dem sich Grass gerne moderieren lässt und jederzeit moderat zu antworten weiß. Dann jedoch einmal in Fahrt gekommen, sich der Aufmerksamkeit seiner Zuhörer, -schauer und -fühler bewusst, immer weiter ausholt, ohne weit zu schweifen, immer tiefer greift, ohne zu versinken und immer bestimmter spricht, ohne dabei bestimmend zu wirken, wird aus dem Mann in der schmucklosen Cordhose eine Bühnenerscheinung, der man auf Schritt und Tritt folgt, ohne dass sie sich bewegt. Sein Geist bewegt sich erneut im Krebsgang einen Schritt zur Seite, zwei nach vorne und wieder einen zurück. Ihm zu folgen ist ein Vergnügen. Er setzt nicht voraus, dass man sein Lebenswerk inhaliert hat. Er erzählt auch für Menschen, die ihn zum ersten Mal sehen.

Er vermittelt Gefühl und Leidenschaft fürs Schreiben. Und er berichtet von seinem eigenen Leiden während des Schreibens, dem süßen Leiden eines Schriftstellers, der sich seiner Protagonisten nicht mehr zu erwehren weiß. Tulla Prokiefke wird plötzlich zum Thema, ebenjene Tulla, die eigentlich die Schwester von Oskar Matzerath in „Die Blechtrommel“ werden sollte, was ebenjener Oskar seinem Schöpfer Günter aber nicht gestattete.

Zu dominant sei der kleinwüchsige Protagonist bereits gewesen, als dass er eine Schwester neben sich geduldet hätte und so entstand mit Tulla eine Frauenfigur, die sich fortan nicht mehr wirklich von der Seite von Günter Grass entfernte. In jedem Roman der „Danziger Trilogie“ tritt sie auf. Sie durchzieht die „Blechtrommel“ ebenso wie „Katz und Maus“ und schließlich finden wir jene Tulla, für mehrere Tage in einer Hundehütte lebend, in den „Hundejahren“ wieder. Eine ewige Liebesgeschichte zwischen Autor und Figur, die lange währt. Denn sogar an Bord des sinkenden Flüchtlingsschiffs Wilhelm Gustloff in seinem Roman „Im Krebsgang“ taucht sie wieder auf. Wen wundert es ernsthaft, dass sie zu den wenigen Überlebenden gehört.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Davon erzählt er nicht nur. Er liest. Und wie er liest. Seine eigene Melodie verleiht dem Geschriebenen den eigentlichen grass´schen Rhythmus und nimmt die Zuhörer mit in einen unendlichen Erzählstrom, in dem die „Geschichte in die kleinbürgerliche Welt eingebrochen ist.“ Diese Erzählstimme muss man zumindest einmal im Leben gehört haben, um zu verstehen, warum Sätze so sein dürfen, wie Grass sie schrieb und warum es keinem Lektor gelang, sie zu begradigen
.
„Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen“ antwortet Günter Grass gut gelaunt auf Vergleiche mit südamerikanischen Autoren des großen Realismus, die „aber viel später als ich in der Blechtrommel angefangen haben realistisch zu schreiben“ und bemängelt das Fehlen großer deutschsprachiger Vorbilder wie den Schriftsteller Jean Paul. „Würden heutige Autoren ihn wieder zu lesen beginnen, könnten ihre Geschichten sich auch wieder ein wenig oberhalb des Bauchnabels abspielen.“ Sein Publikum hat er lachend hinter sich. Er hat es an diesem Abend nie aus den Augen verloren.

Auf seinen Umgang mit Kritik angesprochen spürt man die tiefen Verletzungen, die ihm von Marcel Reich-Ranicki zugefügt wurden, als dieser auf dem Cover des Spiegel den Grass-Titel Ein weites Feld zerriss. Er bringt den Namen nicht über die Lippen und spricht vom „Unglücklich in die Literatur verliebten Kritiker“! Diese Kritik hat ihn zurück zum Malen gebracht und in der inneren Einkehr entstanden die Fundsachen für Nichtleser – jene Aquadichte, über die ich ausführlich schrieb.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Das Multitalent Grass bewegt sich seit gefühlten Urzeiten bildhauend, malend und schreibend durch unser Leben. Einen lebendigen Querschnitt seines Schaffens präsentierte er im Münchner Gasteig. Inhaltlich geschlossen und in allerbester Form entsprach dieser Auftritt dem gerade erschienenen Prachtband Sechs Jahrzehnte aus dem Steidl Verlag. Ein Werkstattbericht, der Grass in all seinen Schaffensphasen zeigt, von der Skizze bis zum Meisterwerk, egal in welcher Kunstrichtung.

Grass ist und bleibt Kulturschaffender der ersten Kategorie in Deutschland. Von Altersstarrsinn keine Spur, von plötzlich aufkommender Gnade gegenüber sich selbst und anderen weit entfernt und als der Moderator sanft zu ihm sagt „Ich glaube unsere Zeit ist um“ erwidert Grass nur lakonisch „Ich gehe davon aus, dass sie nur die Redezeit meinen. Ich weiß, dass viele gerne hätten, dass ich aufhöre, aber den Gefallen tue ich ihnen nicht.“

Auf die abschließende Frage, welche Pläne er denn noch habe für die literarische Zukunft erhält man nur die überaus freundliche Antwort: „Das verrate ich doch nicht hier!“. Ich bin dankbar für diesen Abend in bester Gesellschaft. Sein Lebenswerk lag ausgebreitet wie ein Teppich auf der Bühne und dieser große Autor hat es verdient, dass man diesen Lebensteppich mit Hausschuhen betritt, auch wenn man an einigen Stellen darauf rumtrampeln mag. Respekt sollte die Schuhgröße definieren.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Und dann kommt er doch. Der Moment für einen leisen Abschied in aller Tiefe!

In memoriam Günter Grass - Die kleine literarische Sternwarte trauert

In memoriam Günter Grass – Die kleine literarische Sternwarte trauert

Sein Vermächtnis: „Vonne Endlichkait – Posthum erschienen und für mich viel mehr als nur ein Buch. Er arbeitete bis zuletzt und mit aller Kraft an diesem Werk.

Auf Bucfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Bucfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

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7 Gedanken zu „„Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen“ – Die 55. Münchner Bücherschau mit Günter Grass

  1. Lieber Sternenwarten-Bewohner.

    Wir saßen im gleichen Saal. Allerdings hatte ich nicht das Glück in der ersten Reihe sitzen zu dürfen. Und ich habe nicht das Glück, mir alles so gut merken und auch darüber schreiben zu können. Ich habe mir deinen Artikel ausgedruckt und in den Schuber mit den Hundejahren gelegt. Da gehört er hin, weil deine Worte meine Gefühle treffen. Es ist nichts hinzuzufügen.

    Und was Herrn Grass betrifft. Er hat so lange signiert und war dabei so wie du es beschrieben hast. Geduldig und einfach mehr als freundlich. Meine Hundejahre tragen sein Autogramm und dein Text wird mich immer an die Details dieses Abends erinnern.

    Ich nehme dich jetzt immer mit, wenn ich unterwegs bin. Dann habe ich einen tollen Tagebuchschreiber. Danke für diesen unglaublich schönen Artikel. Er bedeutet mir etwas.

  2. Herzlichen Dank für dieses Feedback. Ich nehme mir dann zukünftig immer frei, wenn du mit deinem persönichen Chronisten unterwegs sein möchtest. Es freut mich serh, dass deine Begegnung mit Günter Grass von den gleichen Gefühlen geprägt war..

    Ein schönes Nikoluaswochenende wünsche ich dir..

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