„Kindheit“ von Peggy Parnass – Mehr als eine wahre Geschichte

Kindheit - Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete - Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Die Geschichte mancher Bücher muss man eigentlich mehrfach erzählen. Auf der einen Seite natürlich, um ihren wichtigen Inhalt zu würdigen und diesen in den eigenen Lesehorizont einzuordnen, andererseits aber auch, um dem Buch als solches gerecht zu werden, wenn es sich dabei um ein außerordentlich wertvolles Gesamtkunstwerk handelt. Und dann gilt es noch darüber zu berichten, in welch perfekter Symbiose Wort und Bild gemeinsam eine Dimension des Lesens und Betrachtens ermöglichen, die eine unheilvolle Welt für Kinderaugen öffnen kann.

Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust anzuschreiben ist unverändert wichtig. Dies ohne erhobenen Zeigefinger zu tun, ohne junge Leser abzuschrecken und sich dabei auf ihre Augenhöhe zu begeben, das ist das große Geheimnis, eine wahre Geschichte erzählen zu können. Wenn man Kinder und Jugendliche dabei ernst nimmt und ihnen selbst Erlebtes aus längst vergangener Zeit erzählt, dann erreicht man, dass sie aufmerksam zuhören, lesen, betrachten, fühlen und sich in die Perspektive des Erzählers hineinversetzen.

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete nimmt seine Leser ernst. Peggy Parnass versammelt junge Menschen um dieses Buch und erzählt ihre eigene Geschichte. Sie spricht dabei Menschen jeden Alters an, da es ihr sprachlich gelingt an die alte Tradition der mündlichen Überlieferung anzuknüpfen. Man hat nicht das Gefühl, ein Buch zu lesen, wenn man ihren Worten folgt. Man sieht sich ihr gegenüber sitzen und fühlt, wie intensiv die Reise in die Vergangenheit für sie sein muss.

Kindheit - Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete - Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Gleichzeitig betrachtet man die Illustrationen der Brasilianerin Tita do Rego Silva, die auf den ersten Blick so gar nicht zu einer Geschichte passen, die den Holocaust im Nazi-Deutschland zum zentralen Thema hat. Gelb- und Orangetöne dominieren die Bilder, die in einer ganz besonderen Technik das helle Licht dieses Buches erblickt haben. Holzschnitte hat die Künstlerin geschaffen und dabei ein Verfahren gewählt, das aus der Vergänglichkeit heraus eine bleibende Dimension entstehen lässt.

„Aber es gibt eine besondere Technik, die Tita für ihre Kunst verwendet, nämlich die Technik der „verlorenen Form“. Dabei wird eine Vorzeichnung spiegelverkehrt auf die Holzplatte übertragen und die Linien ins Holz geschnitten. Dann kann die erste Farbe – Gelb – gedruckt werden. Die Auflage muss nun gut überlegt sein, denn anschließend wird in der gleichen Platte weitergeschnitten und damit die nächste Farbe – Orange – gedruckt. So geht das weiter bis zur letzten Farbe, immer weiter.“

Von der ursprünglichen Holzplatte bleibt nichts übrig – nichts kann wiederholt oder korrigiert werden. Dabei entsteht ein weiteres Problem. Während die Druckmaschinen laufen, verschwindet die Form Ebene um Ebene und am Ende der geplanten Auflage lässt sich das Werk in dieser Art und Weise nicht mehr reproduzieren. Die Erschaffung dieses Buches hat einen sehr endgültigen Charakter. Und doch – die Spuren im Holz erzeugen aus einer verlorenen Form ein ewig bleibendes Abbild in mehreren Ebenen.

Kindheit - Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete - Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Ebenso wie die Form verloren geht und ein immerwährender Eindruck bleibt, ging die Kindheit von Peggy Parnass verloren. Die Nazis haben in ihrem Leben so viele Kerben hinterlassen, dass die Gefahr bestand, dass nichts von ihr bleibt. Dass sie nun ihre eigene Geschichte erzählt und Tita Farbe in die dunkelgrauen Erinnerungen bringt, zeigt mit aller Macht die Fähigkeit zweier besonderer Menschen, gemeinsam aus etwas Verlorenem ein Stück bleibende und lebendige Geschichte zu erschaffen.

Peggy Parnass erzählt ihre ganz eigene Geschichte. Es ist die Geschichte eines fünfjährigen Mädchens im Hamburg des Jahres 1939. Es ist die Geschichte eines Mädchens, dessen Kindheit in einem Kindertransport nach Schweden endet. Es ist die Geschichte eines Mädchens, dessen Eltern von Nazis in Treblinka ermordet wurden. Es ist die Geschichte einer selbstlosen Mutter, die ihre beiden Kinder in letzter Minute zum Bahnhof bringt und sich von ihren Liebsten trennt, um sie vor der Judenverfolgung im Dritten Reich zu retten.

Es ist die Geschichte eines Kindes, das sich bei allen familiären Problemen zuhause geborgen fühlte und dabei ihre Mutter abgöttisch verehrte. Die kleine Peggy bemerkt die Veränderungen, die das einfache Leben ihrer Familie immer mehr einschränken. Die Verhaftungen ihres Vaters Pudl, der in vielfacher Hinsicht ins Visier der Machthaber geriet. Pole, Jude und leidenschaftlicher Spieler. Eine in jeder Hinsicht damals tödliche Kombination. Das Verbot für Juden, Schwimmbäder zu besuchen. Die Häme, gemeine Schmähungen und Verletzungen der Nachbarn. Peggy bemerkte all dies sehr schnell.

Ihre Mutter Hertha Parnass versuchte alles von den Kindern fernzuhalten. Einen schützenden Kokon um sie herum zu weben, aber als sie einsehen musste, dass die Gefahr für Peggy und ihren vierjährigen Bruder Gady zu groß wurde, kam nur noch die Trennung in Frage. Ein Abschied für immer. Für die Kinder der Beginn einer Odyssee. Für die Mutter das unweigerliche Todesurteil im Nazi-Deutschland.

Kindheit - Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete - Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Das mag der Rahmen dieser Geschichte sein. Vielleicht ist er das sogar. Wenn man allerdings beginnt, die Zeilen von Peggy Parnass aufmerksam zu lesen, dann spricht dort ein fünfjähriges Mädchen zu uns, nicht die versierte Kolumnistin, Gerichtsreporterin und Dolmetscherin von heute. Nein. Es ist die kleine Peggy, die wir erlesen und erleben dürfen. Trotzig, naiv, liebevoll, anhänglich, verzweifelt, ängstlich, zornig und wild. Und dabei durch tausend Bänder mit der geliebten Mutter verbunden.

„Sie war klein. Mit wuschelig krausem, schwarzen Haar. Sehr viel Haar. Meistens ein Knoten, um erwachsener und ordentlicher auszusehen. Riesige graue Augen. `ne große Nase. Und jede Menge Mund. Sie hat eine ganz duftende Haut gehabt, weil sie sich immer wusch… Und obwohl sie so abgearbeitet war, hatte sie Hände wie Lilien.“

Hier gilt es, sich auf die Erzählung einer Frau einzulassen, die wie in unter Hypnose zu schreiben scheint. Eine Frau, die ihre Kindheitserinnerungen wiederbelebt und Leser jeden Alters berührt, weil sie so unverfälscht erscheinen, dass es sehr schmerzt. Peggy Parnass schreibt über Liebe, Eifersucht und Angst. Sie beschreibt aber auch die vielen unvergessenen Momente, die aus ihrer Familie eben ihre kleine Familie gemacht haben. Zerstört und ausgelöscht.

Kindheit - Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete - Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Diese Worte in Verbindung mit den Bildern von Tita auf sich wirken zu lassen ist eine der wohl intensivsten Lese-Erfahrungen, die ich in meinem bisherigen Lesen „Gegen das Vergessen“ erlebt habe. Die volle Wucht der Verlustangst und der Verzweiflung, die Hilflosigkeit eines Kindes und seiner Mutter werden so greifbar, wie die Anzeichen von Gefahr auf den Holzschnitten im Buch. Davidsterne tauchen auf, Verbote, Hakenkreuze und die pure Angst macht sich breit. Wir werden nicht nur zu Zeugen der schmerzhaften Trennung am Bahnhof, sondern erleben auch den Verlust der letzten Andenken an ihre Mutter. Die letzten Postkarten aus Treblinka werden ihr genommen. Wutlesen setzt ein!

Die Odyssee führte Peggy Parnass über zwölf Pflegefamilien in Schweden, die Trennung von ihrem Bruder und die Flucht zu einem Onkel in England. Dem einzigen weiteren Überlebenden der Familie. Das nun vorliegende Buch wurde 2013 zu den schönsten Büchern Deutschlands gewählt. Dem Fischer Verlag ist es zu verdanken, dass die vergriffene Erstauflage nun einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Wir können viel erlesen und betrachten. Wir werden berührt und beschämt werden durch die Gefühle eines kleinen Mädchens. Wir werden aber keinen Hass im Buch entdecken. Es ist auch eine Liebeserklärung an die Vergebung.

„Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete“ schließt eine wichtige Lücke in den Erzählungen über den Holocaust. Die kindliche Sichtweise wurde selten so direkt vermittelt. Und gleichzeitig ist dieses große Buch eine Liebeserklärung an die Eltern von Peggy und Gady. Eine vollendete Liebeserklärung, die an einer besonderen Stelle in Hamburg zu einem greifbaren und bewegenden Mahnmal wird. Dort wo es keine Gräber gibt, finden sich drei Stolpersteine.

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Zwei mit den Namen der Eltern und ein dritter mit der Inschrift: „Die Liebenden“. Sprachlos – ich…

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2 Gedanken zu „„Kindheit“ von Peggy Parnass – Mehr als eine wahre Geschichte

  1. Unglaublich. Ich habe im Studium die fantastischen Gerichtsreportagen von Peggy Parnass gelesen (und gefressen) und nun sehe ich, dass sie etwas ganz anderes erschaffen hat. Danke für diesen Hinweis. Ein Buch, das bald bei mir wohnen wird. (Ich folge deinen Artikeln gegen das Vergessen schon länger. Großes Kompliment für dieses Engagement und die Qualität der Berichte.)

  2. Genial, dass man nun die Chance hat zu sehen, welches Kind hinter dieser facettenreichen und zweifelsohne großen Frau verborgen ist. Die Summe der Erlebnisse prägen einen Menschen und es ist schon bemerkenswert, dass eine Frau, die als Kind so viel Unrecht erfahren hat eine große Gerichtsreporterin wurde. Oder vielleicht ist es eigentlich logisch… Das Leben eben…

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