Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman

Der Ozean am Ende der Straße - Neil Gaiman

Der Ozean am Ende der Straße – Neil Gaiman

„Es war nur ein Ententeich, ein Stück weit unterhalb des Bauernhofs. Und er war nicht besonders groß. Lettie Hempstock behauptete, es sei ein Ozean, aber ich wusste, das war Quatsch…“

So beginnt „Der Ozean am Ende der Straße des britischen Autors Neil Gaiman, dessen Bücher meinen Lebensweg seit Jahren begleiten. Gespenstisch ging es häufig zu, ob ich nun sein Graveyard Buch las oder Coraline durch ihr dunkles Haus folgte. Zauberhaft ging es zu, als ich im kleinen Dörfchen Wall alleine das einzige Tor durch die Mauer durchschritt und zum Sternwanderer wurde. Geheimnisvoll ging es zu in Unter-London, als ich „Niemalsland“ betrat. Und mythologisch wurde es, als er versuchte mir den Glauben an die „American Gods“ zu vermitteln.

Der Leseweg an seiner Seite war nicht immer leicht. Ich fühlte mich als Leser stets herausgefordert und empfand viele seiner Geschichten zwar als sprachlich herausragend, inhaltlich jedoch manchmal zu wenig greifbar. Einzig „Sternwanderer“ hat mich in meinem Leserherzen niemals verlassen. Ich war verliebt in Victoria, habe mit Tristan jeden Stein umgedreht, um den Stern zu finden, nach dem die ganze Feenwelt sucht. Und ich habe einem ganz besonderen Sternenmädchen ewige Treue geschworen. Yvaine. Der Schwur hält bis heute.

Ich persönlich denke, man sollte vielleicht einige dieser Bücher kennen, um sich mit der richtigen Erwartungshaltung an den Ozean am Ende der Straße (Eichborn Verlag) zu wagen. Fantasy-Elemente durchsetzt mit kindlich naiven Gruselbildern und übernatürlichen Erscheinungen pflastern den Weg des großen Erzählers Neil Gaiman. Dabei schreibt er in einem eignen Rhythmus. Einer Melodie, der man gerne folgt und die lange im Herzen des Lesers nachklingt. Ich war also vorsichtig, als ich mich dem Ozean näherte. Nur inhaltlich vorsichtig… und es sollte sich vieles bewahrheiten, was ich bisher an seiner Seite erleben durfte.

Der Ozean am Ende der Straße - Neil Gaiman

Der Ozean am Ende der Straße – Neil Gaiman

„Kindheitserinnerungen liegen manchmal unter den Dingen verborgen, die später passiert sind, wie Spielzeug, das vergessen auf dem Boden eines Kleiderschranks liegt, aber nie ganz verloren ist.“

Dieses Zitat charakterisiert den gerade im Eichborn Verlag erschienen Roman „Der Ozean am Ende der Straße“ von Neil Gaiman, wie kaum eine weitere Zeile aus diesem Buch. Es beinhaltet alle Wahrheiten und Wahrnehmungsverschiebungen, denen wir unterliegen, wenn wir uns mit den eigenen Kindheitserinnerungen beschäftigen. Diese Erfahrung machen wir täglich.

Zeitlich nicht chronologisch geordnet kommt mir meine eigene Kindheit vor und bei Besuchen in meiner alten Heimat erscheint alles kleiner zu sein, was vormals riesig erschien. Entrückt, weil ich nun eine andere Perspektive einnehmen kann. Surreal empfinde ich meine Ängste von damals und doch… An den magischen Orten von einst erwachen viele Gedanken zu neuem Leben, die im Kleiderschrank meines Lebens tief vergraben waren.

Der Ozean am Ende der Straße - Neil Gaiman

Der Ozean am Ende der Straße – Neil Gaiman

Genau so ergeht es jenem Mann, der nach vielen Jahren wegen einer Beerdigung an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt. Viel mehr verrät uns Neil Gaiman nicht. Weder den Namen seines Protagonisten teilt er uns mit, noch erfahren wir, wer hier im Kreise der Familie beigesetzt wird. Das JETZT verschmilzt nahtlos mit dem EINST und verliert an Bedeutung, weil die Vergangenheit für diesen Mann eine Magie besitzt, der er niemals entfliehen konnte.

Er stiehlt sich davon. Er muss einfach wieder an den Ort, der so viel für ihn beutet hat und der bis heute nichts an seiner Magie verloren zu haben scheint. Eigentlich ist es wirklich nur ein kleiner Ententeich, an dem er jetzt nachdenklich verharrt. Aber im Alter von sieben Jahren war es „Der Ozean am Ende der Straße“. Zumindest für seine damals elfjährige Freundin Lettie Hempstock.

Und so, wie für den nachdenklichen Mann am Ufer des Teichs die Reise in seine Kindheit beginnt, so beginnt für uns eine Reise in einen typischen Erzählraum von Neil Gaiman. Hinter dem Tor im kleinen Dörfchen Wall lag das Feenland und aus jedem Wassertropfen des Ententeichs wird in den Erinnerungen des Mannes wieder der Ozean, den Lettie im wichtigsten Moment seines Lebens zu ihm brachte, weil er das rettende Ufer selbst nicht mehr erreichen konnte.

Der Ozean am Ende der Straße - Neil Gaiman

Der Ozean am Ende der Straße – Neil Gaiman

Fantasy und Realität gehen zeitlos Hand in Hand und während die Ängste eines Heranwachsenden greifbar werden, verschwimmt die Realität an der Haustür seiner Freundin Lettie. Denn scheint das Leben ihres Freundes massiv von Verlustängsten und familiären Streitigkeiten bestimmt zu sein, so ist die Existenz Letties und ihrer Familie schleierhaft, mystisch und geheimnisvoll.

Wie von einer anderen Welt scheint das Anwesen ihrer Familie, die nur aus Mutter und Großmutter besteht, zu sein. Ein zeitloses Biotop das niemals so ist, wie man es erlebt, nimmt den Jungen gefangen und einzig in Lettie sieht er einen Weg, der eigenen Angst zu entkommen. Und damit der bitterbösen Haushälterin, die nicht nur seinen Vater verzaubert hat, sondern die ganze Familie zu vergiften scheint.

Verführung, Verdrängung, Verstörung. So empfindet der kleine Junge das plötzliche Fremdgehen des eigenen Vaters und mit der zunehmend intimer werdenden Beziehung zur Haushälterin entfremdet er sich immer mehr von seiner Familie und eben jene Ursula Monkton weigert sich beharrlich, das eben eroberte Terrain kampflos aufzugeben. Ihr zerstörerisches Werk beginnt – einzig Lettie Hempstock weiß einen Ausweg. Und dieser beginnt genau da, wo der Ozean am Ende der Straße endet.

Der Ozean am Ende der Straße - Neil Gaiman

Der Ozean am Ende der Straße – Neil Gaiman

Ein mystisches Katz- und Mausspiel beginnt und dem Leser fällt die Trennung zwischen Realität, Traum und Fantasie immer schwerer. Wenn die Hempstocks mit ihrem Haus und dem Ozean im Gepäck ihre zeitlosen Zelte in der Nachbarschaft aufgeschlagen haben und bei dieser Reise durch Zeit und Raum auch unerwünschte Begleiter im Gepäck haben, dann ist die Haushälterin vielleicht auch nicht so real, wie der Junge sie in seinen Ängsten empfindet. Und vielleicht kann Lettie ihn wirklich befreien. Auch wenn das Opfer groß ist, das sie zu bringen bereit ist.

Neil Gaiman spielt mit den Ängsten des Erwachsenwerdens. Er treibt uns in seiner magisch bildhaften Sprache, untermalt mit atmosphärischen Illustrationen, durch eine Geschichte, deren Dimension wir immer weniger zu greifen bekommen. Namenlos bleibt die Angst. Namenlos der Protagonist. Die Geschichte wäre für mich ohne den Fantasy-Anteil absolut tragfähig gewesen. Mir hätte das reale Erzählelement völlig genügt. Und doch erkenne ich eine tiefe Wahrheit in der gewagten Konstruktion voller sprachlicher Genialität.

Vertraue deinen Gefühlen und lass dich auf deine Ängste ein. In der Verdrängung liegt die große Gefahr, das Leben nicht bewältigen zu können. Auch wenn dir die Fantasie oftmals ein Schnippchen schlägt. Real ist nur, woran man ehrlich glaubt und Unglaube zerstört den größten Schatz, den wir unserem Gegenüber schenken können. Vertrauen und Liebe. „Der Ozean am Ende der Straße“ ist vielleicht nicht der stärkste Roman, den Gaiman in seinem Leben schrieb, aber er ist ein lebendiger Beweis dafür, wie sehr er sich treu geblieben ist. Und ich werde Yvaine treu bleiben. Ihre magische Geschichte ist komplexer erzählt und bleibt nachhaltiger im Herzen verankert.

Der Ozean am Ende der Straße - Neil Gaiman

Der Ozean am Ende der Straße – Neil Gaiman

Persönliches Editorial: Danke Kristina, dass ich schon damals mit Dir auf die Jagd nach Sternschnuppen gehen und heute gemeinsam mit Dir am Ozean sitzen durfte, um in der Tiefe nach dem zu suchen, was uns an guten Geschichten immer so fasziniert hat. Es ist und war und wird mir immer ein Vergnügen sein!

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7 Gedanken zu „Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman

  1. Pingback: „In Wirklichkeit gibt es gar keine Erwachsenen.“ | Bücherstadt Kurier

  2. Wieder ein toller Artikel…gut, dass ich mir dieses Mal aber das Buch nicht kaufen muss 😉
    Mein Buchhändler hat es mir am Samstag empfohlen…er hat es in der Hand gehalten, mir gezeigt und mich mit einem Dackelblick so dermaßen um die Finger gewickelt, dass ich gar nicht „Nein“ sagen konnte…bis dato ist mir der Autor noch völlig unbekannt…bin daher mal sehr gespannt und habe noch nicht so die großen Erwartungen…

    • Buchhändler die um den Finger wickeln mag ich sehr…. und es wird dir sicher gefallen… sagmir was dich beeindruckt hat und wie du dich gefühlt hast beim Lesen…würdemich brennend interessieren.

      Eswird dir viel Platz für deine Gedanken lassen…

    • Liebe Ulrike

      Herzlichen Dank für die überaus freundlichen Worte und den Wink mit dem Link, dem ich sehr gerne gefolgt bin.

      Dauerhaft, wie du siehst.

      Die optischen Stichproben finden sich in allen Artikeln – mein Kopfkino, das sich beim Lesen und Schreiben abspielt.

      Ich bleibe nun am Ball deines Rezensentenstiftes…

      Herzlichst

      Arndt und die kleine literarische Sternwarte AstroLibrium

      • Lieber Arndt,

        das nenne ich eine beinahe lichtgeschwinde Resonanz. Herzlichen DANK für die Gefolgsamkeit 😉 , die ich nun meinerseits auch mit Vergnügen erwidern werde.

        Auf Wiederlesen!

        Ulrike von Leselebenszeichen

  3. Pingback: “Das stille Land” – mit Tom Drury in der Driftless Area | AstroLibrium

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