Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944

Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944

Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944

Können Bücher Leben retten und künftige Kriege verhindern? Können Bücher ihre Botschaften so nachhaltig im Geist ihrer Leser verankern, dass sie als Multiplikatoren im Kampf gegen Vorurteile und Ideologien eine Wirkung entfalten, die humanistisch und demokratisch zugleich ist? Ich beantworte diese Frage mit einem deutlichen JA, denn die Geschichte hat gezeigt, dass mit Bedacht gewählte Worte in dramatischen Zeiten sehr wohl einen deeskalierenden Effekt haben können. Besonders wenn sie im Krieg verfasst werden und gar nicht kämpferisch anmuten.

Reisen wir zurück in den Juni des Kriegsjahres 1944. Landungsboote nähern sich der französischen Küste und verhelfen den alliierten Streitmacht, die Strände der Normandie zu betreten. Ihre Mission: Europa zu befreien. Den Nationalsozialismus besiegen und bis nach Deutschland vordringen, um den Zweiten Weltkrieg zu beenden. Wenn wir unser Augenmerk einmal nur auf die britischen Soldaten richten, dann liegen Jahre der Unsicherheit und Todesangst hinter ihnen. Vergeltungswaffen, bombardierte Städte, die Luftschlacht um England, traumatisierte Menschen und jüdische Flüchtlinge, die ins Königreich strömen.

Friedensbemühungen wurden auf dem Schachbrett der Nazis wie unnütze Bauern vom Tisch gefegt und seitdem ging die Furcht um, Hitler könnte seine machtgierigen Hände auch an den Kreidefelsen von Dover festkrallen und Großbritannien erobern wollen. Die Schrauben der Gewalt hatten Europa fest im Griff und täglich erlebte man, in welcher Art und Weise die deutsche Propaganda die Welt immer tiefer in die Krise trieb und mit welchen Argumenten die „Herrenrasse“ die Macht für sich beanspruchte.

Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944

Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944

Völkermord, Gräueltaten, Konzentrationslager, Genozid und Terrorherrschaft. All dies war der ganzen Welt bekannt und nun sollte der finale Befreiungsschlag gegen Nazi-Deutschland geführt werden. Die Invasion am D-Day begann. Wir schreiben den 6.6.1944. Körper schmiegten sich in den Landungsbooten aneinander bis sich die Tore öffneten und der Strand in greifbare Nähe rückte. Im Geschosshagel versuchte man Meter um Meter zu erobern, um den Brückenkopf zu festigen. Ein Opfergang für die Freiheit.

Und während die Alliierten in dieser Landungsoperation alles in die Waagschale warfen, um zuerst Frankreich zu befreien und sich dann auf dem Landweg bis ins Herz der Nazi-Diktatur vorzukämpfen, begannen in London die Vorbereitungen zum Druck eines Buches mit einer Startauflage von 400000 Exemplaren. Jeder Soldat aus dem britischen Königreich, der bald seinen Fuß auf deutschen Boden setzte, sollte dieses Buch bei sich tragen

Dieser Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944 hatte nichts mit der eigentlichen militärischen Operation dieser Tage zu tun. Das Außenministerium wollte den eigenen Soldaten eine Handlungsanweisung mit auf den Weg geben, die nicht nur auf das zu erobernde Nazi-Deutschland vorbereitete, sondern in ganz besonderer Art und Weise auf die Wertvorstellungen und die Einstellung der eigenen Truppen Einfluss nehmen sollte.

Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944

Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944

Wer nun erwarten würde, in diesem Leitfaden die Abrechnung mit der Ideologie der deutschen Bevölkerung zu finden, der wird sich wundern, mit welchen Informationen man den britischen Eroberer ausstattete. Diese Broschüre liest sich heute wie ein Reiseführer in ein fremdes Land und beinhaltet neben vielen Hinweisen zu Währung, Geschichte, Sprache und Literatur auch einen tiefen Einblick in das tägliche Leben der Deutschen in diesem Kriegsjahr. Und alle Kapitel stehen unter der General-Überschrift „Was die Nazis aus Deutschland gemacht haben“.

Der Militär-Leitfaden beschreibt nicht DEN bösen Deutschen, sondern beschreibt in einfachen und nicht ideologisch gefärbten Worten, wie die Nationalsozialisten an die Macht kamen, und wie sie diese Machtstellung durch Propaganda, Unterdrückung und Gewalt immer weiter festigen konnten. Man bereitete hier die eigenen Soldaten darauf vor, ein Land zu erobern, dessen Versorgungslage mehr als desaströs war, dessen Städte bereits bombardiert waren und dessen Menschen als Menschen anzusehen sind, die seit Jahren fehlgeleitet wurden und keine andere Wahrheit, als die der Nazis kannten.

Gleichzeitig ist dieser Leitfaden jedoch kein Freispruch für das Verursachen eines Weltkrieges oder die Verbrechen, die vom Hitler-Regime begangen wurden. Umlernen und Abbitte werden von der Bevölkerung verlangt. Der Satz „Wer anderen eine Grube gräbt“ findet sich im Buch nur als Hinweis auf die Realität, wie sich Geschichte drehen kann, jedoch nicht als Auftaktformulierung für einen Rachefeldzug der bedrohten Welt. Eine Abrechnung mit den Deutschen findet man auf diesen 50 Seiten nicht.

Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944

Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944

Dieser Leitfaden ist viel mehr Zeichen der Größe im Angesicht des möglichen Sieges in diesem Konflikt, der absolut alle Grenzen des Vorstellbaren gesprengt hatte. Einige der Anweisungen und Verhaltensnormen, die man den Soldaten mit auf den Weg gab, lesen sich leicht, aber vor dem besonderen Hintergrund der Geschichte sind sie absolut bemerkenswert und beispielgebend:

Britische Besatzung wird nicht von Brutalität, aber auch nicht von Nachgiebigkeit oder Sentimentalität geprägt sein.

Es ist wichtig, dass Sie in Ihrer äußeren Erscheinung und Ihrem Verhalten korrekt und soldatisch auftreten. Vor einem schlampigen Soldaten haben die Deutschen keinen Respekt.

Sollten Sie in einen deutschen Haushalt einquartiert werden, seien Sie höflich, aber distanziert, vermeiden Sie loses Reden und legeres Verhalten und halten Sie Augen und Ohren offen.

Seien Sie im Umgang mit Deutschen immer streng, aber FAIR.

Der Blick in die Geschichte zeigt, wie sehr diese Anweisungen beherzigt wurden. Racheakte oder Kriegsverbrechen britischer Soldaten gehören zu den Ausnahmen in diesem Eroberungsfeldzug. In britische Kriegsgefangenschaft zu geraten war nicht zu vergleichen mit der Gefahr, den Soldaten der Roten Armee in die Hände zu fallen. Das Kriegsvölkerrecht wurde beachtet und die Zivilbevölkerung war keinerlei Repressalien ausgesetzt. Dieses Verhalten und der vom Leitfaden vorgegebene Wertevorrat haben den Weg zu künftigem Frieden geebnet.

Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944

Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944

Die Veröffentlichung dieses Leitfadens durch den Verlag Kiepenheuer & Witsch erfolgt in einer zweisprachigen sehr kompakten Ausgabe, die auch heute noch in jede Hosentasche passt. Dass dieser kleine Leitfaden eine ganz besondere historische Relevanz besitzt, zeigt auch die Tatsache, wie es von der Leserschaft angenommen wurde. Seit Monaten rangiert der Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944 auf den vorderen Plätzen der Sachbuch-Bestsellerlisten.

Und dies völlig zurecht, denn er ist ein absolutes Lehrstück in der Vermittlung eines humanistischen Menschenbildes in Zeiten der Krise. Besonders in der heutigen Zeit dient dieser Leitfaden selbst Leitlinie, wie man in Konflikten mit möglichen Gegnern umzugehen hat, um die Türen der Geschichte nicht für immer zuzuschlagen. Darüber hinaus ist es mit Sicherheit so, dass einige der erzeugten Bilder, die man sich von uns Deutschen als „merkwürdiges Volk“ machte, noch bis heute die Gedanken unserer Nachbarn prägen. Ein Blick in den Spiegel, der gar nicht schadet.

Einziger kleiner Kritikpunkt ist die Übersetzung, die dem Sprachgebrauch eines Ministeriums, das sich an den einfachen Soldaten wendet, nicht immer gerecht wird. Die Kapitelüberschrift You are going into Germany entspricht definitiv nicht dem Sie gehen nach Deutschland der deutschen Fassung. Hier wäre das präzise militärische Deutschland – Sie gehen da rein sicherlich zutreffender und näher an der Realität des Szenarios. Aber dies ist nur eine kleine Randbemerkung.

Das Lesen dieses Leitfadens ist spannend und schließt eine Lücke im Verständnis für die Gegner von einst. Es werden weitere Leitfäden folgen. Ein spannendes Segment in der Aufbereitung der gemeinsamen Vergangenheit als Grundlage für unsere Zukunft. Ein wichtiges Buch „Gegen das Vergessen„. (Diese 8 Euro sind gut investiert.)

Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944

Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944

Literaturempfehlungen zu Büchern, die den Zusammenbruch des Nazi-Regimes aus unterschiedlichen Blickwinkeln besonders beleuchten: Peter Hakenjos – „Nur der Tod vergisstund Jürgen Seidel – „Die Unschuldigen„. Beide Romane zeigen, wie tief Jugendliche fallen können, wenn sie der Verführung jahrelang ausgesetzt sind und zu spät erkennen, wie sehr sie belogen wurden.

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8 Gedanken zu „Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944

  1. Ich habe diesen Leitfaden in der Bahnhofsbuchhandlung auf einem ganzen Stapel schon mehrmals gesehen, wusste aber nicht, ob mich das interessiert. Jetzt wird der Stapel morgen kleiner. Wow. Ich hätte das so nicht gekauft und sicher auch nicht gelesen. Zur Übersetzung kann ich nur unterstützen. Into ist eher wie bei der Polizei zu verstehen. Wir gehen da jetzt rein.

    • Genau dort bin ich auf das Buch gestoßen. Ein perfekter Wegbegleiter für eine kurze Bahnreise und doch so nachhaltig. Wenn du esvom Stapel gelassen hast (hihi) melde dich einfach mal und lass mich wissen, wie du es empfunden hast. Gehörst ja immerhin auch zu den Nachfahren dieses merkwürdigen Volkes 😉

  2. Jetzt bin ich stolz. Habe das kleine Buch vor zwei Wochen gelesen und unterschreibe jeden Satz von dir. Deine Bilder habe ich ganz besonders genossen, weil das Büchlein so schmucklos ist. Das hast du geändert. Jetzt hab ich Bilder dazu. Danke auch dafür.

    • Schmucklos ist es eben weil es authentisch ist, so wie sein Inhalt. Ich habe allerdings auch Bilder dazu gebraucht, um das Buch in den Kontext zu bringen.
      Danke für die Unterschrift unter der Rezension…

  3. Eine eindringliche Buchvorstellung habe ich gelesen. Immer dicht am Inhalt des Buches mit geradezu minimalistischem Blickwechsel als Resümee. Lehrstücke der Geschichte sprechen für sich…… und Autoren, die aus wichtigen Sachbüchern keinen „Roman“ machen, haben die tägliche aktuelle Geschichtsschreibung im Blick. Danke dafür!
    Wenn dieses Buch so handlich ist, wünsche ich ihm den Weg in die Seitentaschen vieler Journalisten. Es soll sie dann am „Oberschenkel zwicken“, wenn sie beim Schreiben aus Kriegsgebieten an das Wort „Auflage“ denken. 😉

    • In den Oberschenkel zwicken… das ist schön ausgedrückt. Ja, Irmgard, in Zeiten in denen man wieder dazu neigt, Konfliktpartner (eigentlich ein versöhnliches Wort) mit Vorurteilen zu überziehen und zu stigmatisieren, ist es eben besonders wichtig zu kapieren, dass es auch anders geht. Dazu bedarf es jedoch einer gewissen Größe – und daran mangelt es. Einzelnen, Gruppen, Parteien und besonders auch Regierungen.

  4. Hätte man den britischen Soldaten im Einsatz im Irak vielleicht auch an die Hand geben können, einen solchen Leitfaden. Dann wäre es nicht zu den Auswüchsen gekommen. Abu Ghraib als Gefängnis hat vor solchen Vorfällen nicht Halt gemacht. Oder?

    • Mir ist da kein Leitfaden bekannt, aber sicher hätte er geholfen, den Wertevorrat aufzufüllen und solche abartigen Vorfälle zu verhindern. Oft sollte man auch aus der eigenen Geschichte lernen.. und wenn man mal was gut gemacht hat, es ggf. auch wiederholen…

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