Czesława Kwoka – Ein Aufruf Gegen das Vergessen

Czesława Kwoka - Gegen das Vergessen - Eine wahre Geschichte

Czesława Kwoka – Gegen das Vergessen – Eine wahre Geschichte

Ich möchte heute eine Geschichte erzählen. Eine WAHRE Geschichte „Gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust. Es ist eine eigentlich kurze Geschichte über ein 14-jähriges Mädchen, denn viel gibt es nicht, was von ihr blieb. Wir wissen nur, wann sie geboren wurde und wann sie starb. Wir kennen die genauen Umstände ihres Todes nicht und wissen nicht, wie sie gelebt, gelacht und gehofft hat. Wir kennen nur drei Fotos von ihr und, dem Widerstand des Fotografen sei Dank, können wir heute diese drei Minuten miterleben, in denen Czesława Kwoka diesem Mann und seiner Kamera gegenüber saß.

Doch bevor ich ihre Geschichte erzähle, bitte ich euch eindringlich, Czesława in die Augen zu schauen und ihren Blick auf euch wirken zu lassen. Dann solltet ihr euch von den Augen lösen und ihre Lippen genau betrachten. Ganz aufmerksam. Sie sind aufgeplatzt, jedoch noch nicht angeschwollen. Czesława Kwoka wurde erst vor wenigen Augenblicken geschlagen. Und nun schaut ihr in die Augen und versucht ihren Ausdruck zu deuten. Drei Bilder. Drei Minuten blieben dem Fotografen für jeden Neuankömmling.

Czesława Kwoka - Ein Blivk in ihre Augen...und dann...

Czesława Kwoka – Ein Blick in ihre Augen…und dann…

Drei Minuten, die vom Leben der 14-jährigen Czesława Kwoka geblieben sind. Es sind die einzigen Spuren, die von ihr geblieben sind. Das einzige Zeugnis ihres Lebens. Einziger Beweis ihrer Existenz und einziger Beleg für ihre Ankunft im Konzentrations-und Vernichtungslager Auschwitz am 13. Dezember 1942. Gemeinsam mit ihrer Mutter Katarzyna erreichte das katholische polnische Mädchen als politischer Häftling mit der Häftlingsnummer 26947 das Konzentrationslager Auschwitz, nachdem beide aus ihrer polnischen Heimatstadt Zamość deportiert wurden.

Und nur kurz nach ihrer Mutter verstarb Czesława Kwoka am 12. März 1943, nur drei Monate nach diesen Bildern im KZ. Die Todesursache wurde nicht dokumentiert. Es gibt kein Lebenszeugnis vor diesen Bildern, es gibt keine Spuren von ihr danach. Stellt euch vor, dies wären die einzigen Beweise für das ganze Leben eines Menschen, der euch nahe steht. Sie wären heilig. Sie sind heilig. Sie sind uns heilig.

Dem Fotografen dieser Bilder ist es zu verdanken, dass wir die Umstände erfahren, die zur Verletzung von Czesława Kwoka geführt haben. Ihm ist es zu verdanken, dass wir mehr sehen, als nur die Fotos, die er zur Identifizierung der Opfer anfertigen musste. Er ist der einzige unmittelbare Zeuge. Wilhelm Brasse. Der Fotograf von Auschwitz. Selbst polnischer politischer Häftling und nur seiner Fähigkeit, gute Fotos zu machen hatte er sein Leben zu verdanken, während sein gesamtes Umfeld in den Gaskammern des NS-Regimes ums Leben kam. Und nur seinem aktiven Widerstand ist es zu verdanken, dass diese Bilder nicht vernichtet wurden.

Wilhelm Brasse - Der Fotograf von Auschwitz (3.12.1917 - 23.10.2012)

Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz (3.12.1917 – 23.10.2012)

Wilhelm Brasse hat sein Leben aufs Spiel gesetzt, um seine Fotos zu retten und nach der Befreiung des Konzentrationslagers hat er enorm dazu beigetragen, das Erinnern an die von ihm fotografierten Menschen zu bewahren. Er selbst konnte nach dem Krieg nie wieder durch den Sucher einer Kamera schauen. Er konnte nie wieder fotografieren. Er sah immer nur die Gesichter der Menschen, die oftmals unmittelbar nach Fertigstellung der Fotos ermordet wurden. Aber er hat bis zu seinem Tod von den Opfern erzählt. Ein Zeitzeugnis aus erster Hand, das Bestand hat.

In einem persönlichen Interview könnt ihr von ihm selbst erfahren, was sich damals ereignet hat. Schaut euch bitte diesen Video-Mitschnitt an (Empfehlung: Vorspulen auf genau 7,00 Minuten und Untertitelfunktion aktivieren). Ihr werdet ihm glauben schenken, da er sich noch so gut an das junge polnische Mädchen erinnert. Und ihr werdet den Gesichtsausdruck von Czesława Kwoka verstehen können, der nach ihrer Deportation völlig unerwartet nun auch noch körperliche Gewalt angetan wurde. Aus dem Nichts heraus.

„Ich erinnere mich sehr gut an das Bild von diesem Mädchen, weil es einfach so jung aussah. Das Mädchen. So entwaffnend, als Mädchen, als Gefangene die ein Kopftuch trug. Sie sah noch gut aus, nicht abgemagert. Immer wieder wurden spezielle Nummern aufgerufen. Aber auf Deutsch. Und dieses Mädchen hat einfach nicht verstanden, was da sich vorging. Und dann hat diese SS-Frau… ich sah dies in mehreren Fällen… mit einem Stock zugeschlagen, ins Gesicht geschlagen…“

In seinen Aufzeichnungen und weiteren Interviews wiederholt Wilhelm Brasse diese Darstellung immer wieder. Das junge Mädchen habe dann vor den Aufnahmen versucht, sich das Blut abzuwischen und in einer Mischung aus Entsetzen und Stolz in die Kamera geschaut. Und so schaut uns Czesława Kwoka noch heute an. Ich wage nicht, ihren Blick zu interpretieren. Ich schaue ihr immer wieder in die Augen und fühle die unsägliche Hilflosigkeit. Wie einst Wilhelm Brasse, der nicht helfen konnte:

„To tell you the truth, I felt as if I was being hit myself but I couldn’t interfere. It would have been fatal for me. You could never say anything.”

Czesława Kwoka mit den Augen von Peggy Steike - Ein gemeinsames Schulprojekt

Czesława Kwoka mit den Augen von Peggy Steike – Ein gemeinsames Schulprojekt

Warum ich diese Geschichte heute erzähle? Warum Peggy Steike die Bilder von Czesława Kwoka gemalt hat? Wir wollen ihre wahre Geschichte erzählen. Schülern und Schülerinnen in ihrem Alter vermitteln, wie wenig von einem jungen Leben bleiben kann, wenn man in die mörderischen Fänge einer Diktatur gerät. Wir wollen diese Erinnerung wach halten und dafür Sorge tragen, dass diese wenigen Minuten, die aus dem Leben von Czesława Kwoka überliefert sind, zu einem Moment des Vergissmeinnicht werden.

Und dies ist dringend notwendig, angesichts eines aktuell erschienenen Buches, das als Sachbuch präsentiert wird, mit dem Bild von Czesława Kwoka „aufmacht“ und die Geschichte von Wilhelm Brasse erzählt.Der Fotograf von Auschwitz aus dem Blessing Verlag stellt den Mann hinter der Kamera in den Vordergrund und beleuchtet auf eindringliche Art und Weise das Schicksal eines Opfers, das Opfer fotografieren musste, um selbst am Leben zu bleiben. Das Buch berichtet über den Weg Brasses zum aktiven Widerstand und hält dadurch das Andenken an diesen wohl einzigartigen Zeitzeugen fest.

Er wollte überleben, um zu berichten. Er hat gekämpft, um das Andenken an die Opfer zu bewahren und in die Welt zu tragen. Dies gelang ihm bis zu dem Tag, an dem sich seine Augen für immer schlossen. Wilhelm Brasse verstarb am 23.10.2012. Geblieben sind seine Aufzeichnungen, Vorträge, Interviews und seine verbrieften Erlebnisse.

Wilhelm Brasse - Der Fotograf von Auschwitz - Crippa / Onnis - Blessing

Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz – Crippa / Onnis – Blessing

Umso größer war unsere Enttäuschung, wenn nicht gar unser Entsetzen, als wir feststellen mussten, dass genau dieses Buch mit dem Titelbild von Czesława Kwoka ihre Geschichte nicht so schildert, wie sie von Wilhelm Brasse selbst erzählt wurde. Ich hatte gehofft, hier in Übereinstimmung mit meinen eigenen Recherchen mehr zu erfahren und Informationen durch die historisch fundierte Arbeit der italienischen Autoren vertiefen zu können. Auch Peggy Steike hat lange recherchiert und wollte nicht glauben, was im Buch abweichend von allen verfügbaren Quellen zu lesen ist:

Dass sich auf dem Gang vor dem Fotolabor Wilhelm Brasses plötzlich ein lautstarker Kampf zweier Kapos (KZ-Wärter) unter den Anfeuerungsrufen ihrer Kollegen ereignet haben soll; dass der Mann und die Frau verbissen auf dem Boden miteinander gerungen haben, während ein 14-jähriges Mädchen mit blutendem Gesicht ebenfalls am Boden lag; dass die Aufseherin ihrem Widersacher vorwarf, dem Mädchen die Hand zwischen die Beine gesteckt und sie geschlagen zu haben, weil sie ihn böse anschaute. Dass Wilhelm Brasse dem Kampf mit den Worten „Lasst sie jetzt vor“ ein Ende bereitet habe und sich das Mädchen ihm dann als Czesława vorstellte, all dies unterscheidet sich erheblich von Darstellungen Brasses in seinen Aufzeichnungen und Interviews, in denen von einem sexuellen Übergriff keine Rede ist.

(Dass die Autoren hier eindeutig von Czesława Kwoka sprechen, ergibt sich daraus, dass die Fotos von ihr die entsprechende Kapitelüberschrift „1941 – 1942: Sich verstecken, um zu überleben“ ergänzen und die dem obigen Vorfall folgende Beschreibung des Mädchens keinen anderen Rückschluss erlaubt. Crippa / Onnis – Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz, S. 70 ff.)

Wilhelm Brasse - Der Fotograf von Auschwitz - Seite 71

Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz – Seite 71

Für diese Schilderung finden sich keine Quellen, die der Beschreibung standhalten. Die bloße Betrachtung des Videos beantwortet viele Fragen. Der Vorfall ist grausam genug und erlaubt eigentlich keine weiteren Dramatisierung. Darüber hinaus finden sich weitere eklatante methodische Fehler in Datierung, Chronologie und Freiheiten in der Wiedergabe von Gesprächen, für die keine Quellen zu finden sind. Das im Buch präzise Wort für Wort beschriebene private Fotoalbum der SS-Führung des KZ Auschwitz ist das im Jahr 1944 entstandene Auschwitz-Album von Lili Jacob. Es wurde im Buch in das Jahr 1941 verlegt und mit Bildern hinterlegt, die mit 1944 untertitelt sind. Methodisch völlig inakzeptabel. Und in den Quellenangaben taucht das Auschwitz-Album nicht auf.

Wilhelm Brasse - Der Fotograf von Auschwitz - Methodische Fehler

Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz – Methodische Fehler

„Der Fotograf von Auschwitz“ von Crippa / Onnis ist kein reines Sachbuch. Es ist der Versuch, den Lebens- und Leidensweg des Häftlings Wilhelm Brasse mit fiktionalen Anteilen nachvollziehbar zu machen. Eine solche literarische Mischform des erzählenden Sachbuchs entsteht zumeist dann, wenn beschriebene Zeitzeugen nicht mehr persönlich befragt werden können. Mit fiktionalen Freiheiten sollte hier vorsichtig umgegangen werden. Das Buch ist in den von mir aufgeführten Teilen nicht sauber recherchiert und erzielt bezogen auf Czesława Kwoka einen Effekt, der unglaublich ist. Brasse hat ihre Geschichte erzählt und sein Leben dafür riskiert, sie erzählen zu können. Und nun, 70 Jahre später wird ihre Geschichte hinter einer Abwandlung der Realität verschleiert – gar verfälscht. Warum sollte ich vor diesem Hintergrund dem Buch mehr glauben schenken, als der Originalaussage von Wilhelm Brasse?

Ich sehe uns eines Tages mit den Bildern von Peggy Steike in einem Vortrag, sehe wie wir die Geschichte dieses Mädchens erzählen und erinnern wollen, und höre dann in meinem Geiste „Das ist nicht ganz richtig – ich habe das in einem Sachbuch anders gelesen“… Und wer der Meinung ist, es sei doch letztlich egal, warum das Mädchen auf dem Bild so schaut oder warum sie aus mehreren Wunden blutet, der möge sich nur vor Augen halten, wie er sich selbst fühlen würde, wenn die einzige Erinnerung an die eigene Tochter oder den eigenen Sohn so verschoben dargestellt würde. Wohlgemerkt, die einzige Erinnerung.

Ich habe dem Blessing Verlag vor der Herausgabe des Buches meine Bedenken mitgeteilt. Ehrliche Betroffenheit war die Reaktion, besonders weil man das Buch als Lizenznehmer des italienischen Herausgebers PIEMME publiziert und eine inhaltliche Überprüfung nicht üblich ist. Es wurde jedoch zugesagt, die Autoren nach ihren Quellen zu befragen. Das Buch ist letztlich in der vorliegenden Fassung erschienen und wird wohl in weitere Sprachen übersetzt. Den Mängeln konnte nicht widersprochen werden.

Darüber hinaus wurde betont, dass dieses erzählende Sachbuch nicht den Stellenwert eines Sachbuchs haben kann, und die Autoren wohl die Chronologie der Ereignisse in Auschwitz der Dramaturgie des Buchs geopfert haben, um die persönliche Entwicklung Wilhelm Brasses zum Widerstandskämpfer hervorzuheben. Diese Aussagen lasse ich für sich wirken. Unkommentiert.

Aus meiner Sicht und nach meinen Erkenntnissen wurde Czeslawa Kwoka nicht 1942 fast vergewaltigt. Sie wurde es heute und dagegen kämpfen wir mit Wort und Bild an. 

Wilhelm Brasse - Der Fotograf von Auschwitz - Zuviele offene Fragen

Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz – Zu viele offene Fragen

Beim cbj Verlag erscheint ebenfalls ein Buch unter dem Titel „Der Fotograf von Auschwitz“. Reiner Engelmann liefert den Beweis, dass meine Kritik berechtigt war… 

Der Fotograf von Auschwitz - Das Leben von Wilhem Brasse - Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Siehe dazu auch: Neue Zürcher Zeitung – „Die Würde der Opfer“ zu Crippa/Onnis:

„Das ist Groschenroman-Niveau. Crippa und Onnis schrecken in ihrer Darstellung auch vor Holocaust-Kitsch nicht zurück: «Instinktiv hob er den Blick zum Fenster, als hoffe er, am Himmel eine Spur jenes letzten Weges zu entdecken, den die auf der Liste verzeichneten Menschen in dieser Welt genommen hatten.» Fänden sich solche Ausrutscher in einem belletristischen Werk, liessen sie sich als Ausdruck schlechten Geschmacks bezeichnen. Wenn es aber um die Wirklichkeit von Auschwitz geht, ist derlei unerträglich.“

Dem schließe ich mich inhallich und emotional voll umfänglich an!