Czesława Kwoka – Ein Aufruf Gegen das Vergessen

Czesława Kwoka - Gegen das Vergessen - Eine wahre Geschichte

Czesława Kwoka – Gegen das Vergessen – Eine wahre Geschichte

Ich möchte heute eine Geschichte erzählen. Eine WAHRE Geschichte „Gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust. Es ist eine eigentlich kurze Geschichte über ein 14-jähriges Mädchen, denn viel gibt es nicht, was von ihr blieb. Wir wissen nur, wann sie geboren wurde und wann sie starb. Wir kennen die genauen Umstände ihres Todes nicht und wissen nicht, wie sie gelebt, gelacht und gehofft hat. Wir kennen nur drei Fotos von ihr und, dem Widerstand des Fotografen sei Dank, können wir heute diese drei Minuten miterleben, in denen Czesława Kwoka diesem Mann und seiner Kamera gegenüber saß.

Doch bevor ich ihre Geschichte erzähle, bitte ich euch eindringlich, Czesława in die Augen zu schauen und ihren Blick auf euch wirken zu lassen. Dann solltet ihr euch von den Augen lösen und ihre Lippen genau betrachten. Ganz aufmerksam. Sie sind aufgeplatzt, jedoch noch nicht angeschwollen. Czesława Kwoka wurde erst vor wenigen Augenblicken geschlagen. Und nun schaut ihr in die Augen und versucht ihren Ausdruck zu deuten. Drei Bilder. Drei Minuten blieben dem Fotografen für jeden Neuankömmling.

Czesława Kwoka - Ein Blivk in ihre Augen...und dann...

Czesława Kwoka – Ein Blick in ihre Augen…und dann…

Drei Minuten, die vom Leben der 14-jährigen Czesława Kwoka geblieben sind. Es sind die einzigen Spuren, die von ihr geblieben sind. Das einzige Zeugnis ihres Lebens. Einziger Beweis ihrer Existenz und einziger Beleg für ihre Ankunft im Konzentrations-und Vernichtungslager Auschwitz am 13. Dezember 1942. Gemeinsam mit ihrer Mutter Katarzyna erreichte das katholische polnische Mädchen als politischer Häftling mit der Häftlingsnummer 26947 das Konzentrationslager Auschwitz, nachdem beide aus ihrer polnischen Heimatstadt Zamość deportiert wurden.

Und nur kurz nach ihrer Mutter verstarb Czesława Kwoka am 12. März 1943, nur drei Monate nach diesen Bildern im KZ. Die Todesursache wurde nicht dokumentiert. Es gibt kein Lebenszeugnis vor diesen Bildern, es gibt keine Spuren von ihr danach. Stellt euch vor, dies wären die einzigen Beweise für das ganze Leben eines Menschen, der euch nahe steht. Sie wären heilig. Sie sind heilig. Sie sind uns heilig.

Dem Fotografen dieser Bilder ist es zu verdanken, dass wir die Umstände erfahren, die zur Verletzung von Czesława Kwoka geführt haben. Ihm ist es zu verdanken, dass wir mehr sehen, als nur die Fotos, die er zur Identifizierung der Opfer anfertigen musste. Er ist der einzige unmittelbare Zeuge. Wilhelm Brasse. Der Fotograf von Auschwitz. Selbst polnischer politischer Häftling und nur seiner Fähigkeit, gute Fotos zu machen hatte er sein Leben zu verdanken, während sein gesamtes Umfeld in den Gaskammern des NS-Regimes ums Leben kam. Und nur seinem aktiven Widerstand ist es zu verdanken, dass diese Bilder nicht vernichtet wurden.

Wilhelm Brasse - Der Fotograf von Auschwitz (3.12.1917 - 23.10.2012)

Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz (3.12.1917 – 23.10.2012)

Wilhelm Brasse hat sein Leben aufs Spiel gesetzt, um seine Fotos zu retten und nach der Befreiung des Konzentrationslagers hat er enorm dazu beigetragen, das Erinnern an die von ihm fotografierten Menschen zu bewahren. Er selbst konnte nach dem Krieg nie wieder durch den Sucher einer Kamera schauen. Er konnte nie wieder fotografieren. Er sah immer nur die Gesichter der Menschen, die oftmals unmittelbar nach Fertigstellung der Fotos ermordet wurden. Aber er hat bis zu seinem Tod von den Opfern erzählt. Ein Zeitzeugnis aus erster Hand, das Bestand hat.

In einem persönlichen Interview könnt ihr von ihm selbst erfahren, was sich damals ereignet hat. Schaut euch bitte diesen Video-Mitschnitt an (Empfehlung: Vorspulen auf genau 7,00 Minuten und Untertitelfunktion aktivieren). Ihr werdet ihm glauben schenken, da er sich noch so gut an das junge polnische Mädchen erinnert. Und ihr werdet den Gesichtsausdruck von Czesława Kwoka verstehen können, der nach ihrer Deportation völlig unerwartet nun auch noch körperliche Gewalt angetan wurde. Aus dem Nichts heraus.

„Ich erinnere mich sehr gut an das Bild von diesem Mädchen, weil es einfach so jung aussah. Das Mädchen. So entwaffnend, als Mädchen, als Gefangene die ein Kopftuch trug. Sie sah noch gut aus, nicht abgemagert. Immer wieder wurden spezielle Nummern aufgerufen. Aber auf Deutsch. Und dieses Mädchen hat einfach nicht verstanden, was da sich vorging. Und dann hat diese SS-Frau… ich sah dies in mehreren Fällen… mit einem Stock zugeschlagen, ins Gesicht geschlagen…“

In seinen Aufzeichnungen und weiteren Interviews wiederholt Wilhelm Brasse diese Darstellung immer wieder. Das junge Mädchen habe dann vor den Aufnahmen versucht, sich das Blut abzuwischen und in einer Mischung aus Entsetzen und Stolz in die Kamera geschaut. Und so schaut uns Czesława Kwoka noch heute an. Ich wage nicht, ihren Blick zu interpretieren. Ich schaue ihr immer wieder in die Augen und fühle die unsägliche Hilflosigkeit. Wie einst Wilhelm Brasse, der nicht helfen konnte:

„To tell you the truth, I felt as if I was being hit myself but I couldn’t interfere. It would have been fatal for me. You could never say anything.”

Czesława Kwoka mit den Augen von Peggy Steike - Ein gemeinsames Schulprojekt

Czesława Kwoka mit den Augen von Peggy Steike – Ein gemeinsames Schulprojekt

Warum ich diese Geschichte heute erzähle? Warum Peggy Steike die Bilder von Czesława Kwoka gemalt hat? Wir wollen ihre wahre Geschichte erzählen. Schülern und Schülerinnen in ihrem Alter vermitteln, wie wenig von einem jungen Leben bleiben kann, wenn man in die mörderischen Fänge einer Diktatur gerät. Wir wollen diese Erinnerung wach halten und dafür Sorge tragen, dass diese wenigen Minuten, die aus dem Leben von Czesława Kwoka überliefert sind, zu einem Moment des Vergissmeinnicht werden.

Und dies ist dringend notwendig, angesichts eines aktuell erschienenen Buches, das als Sachbuch präsentiert wird, mit dem Bild von Czesława Kwoka „aufmacht“ und die Geschichte von Wilhelm Brasse erzählt.Der Fotograf von Auschwitz aus dem Blessing Verlag stellt den Mann hinter der Kamera in den Vordergrund und beleuchtet auf eindringliche Art und Weise das Schicksal eines Opfers, das Opfer fotografieren musste, um selbst am Leben zu bleiben. Das Buch berichtet über den Weg Brasses zum aktiven Widerstand und hält dadurch das Andenken an diesen wohl einzigartigen Zeitzeugen fest.

Er wollte überleben, um zu berichten. Er hat gekämpft, um das Andenken an die Opfer zu bewahren und in die Welt zu tragen. Dies gelang ihm bis zu dem Tag, an dem sich seine Augen für immer schlossen. Wilhelm Brasse verstarb am 23.10.2012. Geblieben sind seine Aufzeichnungen, Vorträge, Interviews und seine verbrieften Erlebnisse.

Wilhelm Brasse - Der Fotograf von Auschwitz - Crippa / Onnis - Blessing

Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz – Crippa / Onnis – Blessing

Umso größer war unsere Enttäuschung, wenn nicht gar unser Entsetzen, als wir feststellen mussten, dass genau dieses Buch mit dem Titelbild von Czesława Kwoka ihre Geschichte nicht so schildert, wie sie von Wilhelm Brasse selbst erzählt wurde. Ich hatte gehofft, hier in Übereinstimmung mit meinen eigenen Recherchen mehr zu erfahren und Informationen durch die historisch fundierte Arbeit der italienischen Autoren vertiefen zu können. Auch Peggy Steike hat lange recherchiert und wollte nicht glauben, was im Buch abweichend von allen verfügbaren Quellen zu lesen ist:

Dass sich auf dem Gang vor dem Fotolabor Wilhelm Brasses plötzlich ein lautstarker Kampf zweier Kapos (KZ-Wärter) unter den Anfeuerungsrufen ihrer Kollegen ereignet haben soll; dass der Mann und die Frau verbissen auf dem Boden miteinander gerungen haben, während ein 14-jähriges Mädchen mit blutendem Gesicht ebenfalls am Boden lag; dass die Aufseherin ihrem Widersacher vorwarf, dem Mädchen die Hand zwischen die Beine gesteckt und sie geschlagen zu haben, weil sie ihn böse anschaute. Dass Wilhelm Brasse dem Kampf mit den Worten „Lasst sie jetzt vor“ ein Ende bereitet habe und sich das Mädchen ihm dann als Czesława vorstellte, all dies unterscheidet sich erheblich von Darstellungen Brasses in seinen Aufzeichnungen und Interviews, in denen von einem sexuellen Übergriff keine Rede ist.

(Dass die Autoren hier eindeutig von Czesława Kwoka sprechen, ergibt sich daraus, dass die Fotos von ihr die entsprechende Kapitelüberschrift „1941 – 1942: Sich verstecken, um zu überleben“ ergänzen und die dem obigen Vorfall folgende Beschreibung des Mädchens keinen anderen Rückschluss erlaubt. Crippa / Onnis – Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz, S. 70 ff.)

Wilhelm Brasse - Der Fotograf von Auschwitz - Seite 71

Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz – Seite 71

Für diese Schilderung finden sich keine Quellen, die der Beschreibung standhalten. Die bloße Betrachtung des Videos beantwortet viele Fragen. Der Vorfall ist grausam genug und erlaubt eigentlich keine weiteren Dramatisierung. Darüber hinaus finden sich weitere eklatante methodische Fehler in Datierung, Chronologie und Freiheiten in der Wiedergabe von Gesprächen, für die keine Quellen zu finden sind. Das im Buch präzise Wort für Wort beschriebene private Fotoalbum der SS-Führung des KZ Auschwitz ist das im Jahr 1944 entstandene Auschwitz-Album von Lili Jacob. Es wurde im Buch in das Jahr 1941 verlegt und mit Bildern hinterlegt, die mit 1944 untertitelt sind. Methodisch völlig inakzeptabel. Und in den Quellenangaben taucht das Auschwitz-Album nicht auf.

Wilhelm Brasse - Der Fotograf von Auschwitz - Methodische Fehler

Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz – Methodische Fehler

„Der Fotograf von Auschwitz“ von Crippa / Onnis ist kein reines Sachbuch. Es ist der Versuch, den Lebens- und Leidensweg des Häftlings Wilhelm Brasse mit fiktionalen Anteilen nachvollziehbar zu machen. Eine solche literarische Mischform des erzählenden Sachbuchs entsteht zumeist dann, wenn beschriebene Zeitzeugen nicht mehr persönlich befragt werden können. Mit fiktionalen Freiheiten sollte hier vorsichtig umgegangen werden. Das Buch ist in den von mir aufgeführten Teilen nicht sauber recherchiert und erzielt bezogen auf Czesława Kwoka einen Effekt, der unglaublich ist. Brasse hat ihre Geschichte erzählt und sein Leben dafür riskiert, sie erzählen zu können. Und nun, 70 Jahre später wird ihre Geschichte hinter einer Abwandlung der Realität verschleiert – gar verfälscht. Warum sollte ich vor diesem Hintergrund dem Buch mehr glauben schenken, als der Originalaussage von Wilhelm Brasse?

Ich sehe uns eines Tages mit den Bildern von Peggy Steike in einem Vortrag, sehe wie wir die Geschichte dieses Mädchens erzählen und erinnern wollen, und höre dann in meinem Geiste „Das ist nicht ganz richtig – ich habe das in einem Sachbuch anders gelesen“… Und wer der Meinung ist, es sei doch letztlich egal, warum das Mädchen auf dem Bild so schaut oder warum sie aus mehreren Wunden blutet, der möge sich nur vor Augen halten, wie er sich selbst fühlen würde, wenn die einzige Erinnerung an die eigene Tochter oder den eigenen Sohn so verschoben dargestellt würde. Wohlgemerkt, die einzige Erinnerung.

Ich habe dem Blessing Verlag vor der Herausgabe des Buches meine Bedenken mitgeteilt. Ehrliche Betroffenheit war die Reaktion, besonders weil man das Buch als Lizenznehmer des italienischen Herausgebers PIEMME publiziert und eine inhaltliche Überprüfung nicht üblich ist. Es wurde jedoch zugesagt, die Autoren nach ihren Quellen zu befragen. Das Buch ist letztlich in der vorliegenden Fassung erschienen und wird wohl in weitere Sprachen übersetzt. Den Mängeln konnte nicht widersprochen werden.

Darüber hinaus wurde betont, dass dieses erzählende Sachbuch nicht den Stellenwert eines Sachbuchs haben kann, und die Autoren wohl die Chronologie der Ereignisse in Auschwitz der Dramaturgie des Buchs geopfert haben, um die persönliche Entwicklung Wilhelm Brasses zum Widerstandskämpfer hervorzuheben. Diese Aussagen lasse ich für sich wirken. Unkommentiert.

Aus meiner Sicht und nach meinen Erkenntnissen wurde Czeslawa Kwoka nicht 1942 fast vergewaltigt. Sie wurde es heute und dagegen kämpfen wir mit Wort und Bild an. 

Wilhelm Brasse - Der Fotograf von Auschwitz - Zuviele offene Fragen

Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz – Zu viele offene Fragen

Beim cbj Verlag erscheint ebenfalls ein Buch unter dem Titel „Der Fotograf von Auschwitz“. Reiner Engelmann liefert den Beweis, dass meine Kritik berechtigt war… 

Der Fotograf von Auschwitz - Das Leben von Wilhem Brasse - Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Siehe dazu auch: Neue Zürcher Zeitung – „Die Würde der Opfer“ zu Crippa/Onnis:

„Das ist Groschenroman-Niveau. Crippa und Onnis schrecken in ihrer Darstellung auch vor Holocaust-Kitsch nicht zurück: «Instinktiv hob er den Blick zum Fenster, als hoffe er, am Himmel eine Spur jenes letzten Weges zu entdecken, den die auf der Liste verzeichneten Menschen in dieser Welt genommen hatten.» Fänden sich solche Ausrutscher in einem belletristischen Werk, liessen sie sich als Ausdruck schlechten Geschmacks bezeichnen. Wenn es aber um die Wirklichkeit von Auschwitz geht, ist derlei unerträglich.“

Dem schließe ich mich inhallich und emotional voll umfänglich an!

Advertisements

34 Gedanken zu „Czesława Kwoka – Ein Aufruf Gegen das Vergessen

  1. Lieber Arndt,

    mir fehlen nach Deinem sehr bewegenden aber ebenso verstörenden Beitrag wirklich die Worte. Ich finde es sehr wichtig, dass es Menschen wie Dich gibt, die über solche Dinge eben nicht einfach hinwegsehen und darüber berichten. Danke für Deine mutigen und ehrlichen Zeilen.

    Liebe Grüße

    • Danke dir für diesen Kommentar… ich sehe einfach die Gefahr, dass diese Mischformen immer mehr zunehmen und die Wahrheiten in den Hintergrund drängen.

      Die Gechichte von Wilhelm Brasse ist unglaublich wichtig, aber ich kann ihm eben noch selbst zuhören und habe dabei ein präzises Bild.

      Auch die Stiftung „Shoa“ versucht dem Erinnern durch viele Videoaufzeichnungen lange Bestand zu geben. Auf Brasse selbst bezogen ist das Buch in Ordnung.

      ABER…

      • Darüber habe ich deutlich geschrieben… hier ist der italienische Verlag in der Pflicht. Blessing erwirbt die Rechte für die Übersetzung. Dort hat man wie beschrieben sehr betroffen reagiert.

        Eine Antwort von den Autoren liegt bisher nicht vor. Das Buch allerdings schon…

    • Rechtlich gesehen ja…. auch bei Klagen wegen Urheberrecht und Plagiat ist immer der Originalverlag verantwortlich, da er in der Erstverwertung alles zu prüfen hat.

      Blessing hat sich der Verantwortung trotz aller rechtlichen Fakten gestellt und intensiv kommuniziert.

      Letztlich ist ein Buch allerdings nicht zu stoppen, wenn es gedruckt ist… dafür ist die Wucht eines Blogs viel zu klein… aber schauen wir doch mal…

      • Ich hoffe das auch… Die Bilder von Czeslawa, die Peggy gemalt hat, sind Teil des Schulprojekts. Sie sind lebensgroß und beeindruckend… wir erzählen ihre Geschichte… gerade weil so wenig geblieben ist.

  2. Hat dies auf Silja's Bücherkiste rebloggt und kommentierte:
    Ich stehe voll und ganz hinter der Arbeit, die Arndt Stroscher gemeinsam mit Peggy Steike „Gegen das Vergessen“ leistet. Ohne Menschen wie sie würde die Wahrheit ungesagt bleiben oder – noch schlimmer – vergessen werden. Ich danke euch für eure Mühen!

    • Ich danke sehr fürs Rebloggen. Es macht uns keine Mühe, wir schauen unter die einzelnen Mosaiksteine und folgen unserer Intuition. In diesem Fall war die Enttäuschung groß, da uns dieses Buch eigentlich durch das Schulprojekt begleiten sollte.

      Auf diese Art und Weise ist das nicht nur unmöglich, sondern wir müssen auf diese Art und Weise darauf aufmerksam machen.

  3. Vielen Dank für Deinen ausführlichen Artikel.
    Dass sich Fehler einschleichen können, auch Recherchefehler, Verwechslungen etc. kann nie völlig ausgeschlossen werden. Wenn jedoch bewusst „reißerisch“ verfälscht wird, ist das sehr bedenklich, vor allem, weil wir Leser ja davon ausgehen, dass für ein „Sachbuch“ die bestmögliche Recherchearbeit geleistet wurde. (Aus diesem wird zitiert, wird recherchiert … und damit ist so ein Buch ein Multiplikator) Zudem: Bei diesem Thema ist „reißersich“ gar nicht nötig. Die Wahrheit ist schrecklich genug und braucht nicht künstlich aufgebauscht zu werden. Wie Du schreibst: Eigentlich reicht ein Blick in diese Augen …!

    • Danke Elisabeth… ich teile alle deine Punkte.

      Fehler sind immer möglich, sie unterlaufen auch mir und ich habe versucht viel Licht in diese Fragen zu bringen.

      Die kurze Geschichte dieses Mädchens bedarf keiner Dramatisierung… nicht eine Spur davon ist notwendig. Der Blick in ihre Augen sollte von der Wahrheit im Wissen geprägt sein.

      Ich werde diese Augen ebenso wenig wieder los, wie Peggy, die sie gemalt hat. Ich habe mit Tränen geschrieben und gelesen – sie hat so gemalt…

    • Elisabeth, du triffst es auf den Punkt und sprichst mir aus der Seele! Ich kann auch nicht nachvollziehen, warum man bei diesem Thema noch zusätzliche Dramatik einbringen muss – die Betroffenen haben damals wahrlich auch so genug gelitten.

      Arndt, was mich seit der Lektüre deines Artikels gestern beschäftigt, ist der Umgang mit solchen Änderungen bei Filmen, Fernsehsendungen oder Bühneninszenierungen: Wie oft wird da dramatisiert, Personen hinzuerfunden etc. … und doch wird es in diesen Fällen allzu leicht akzeptiert – wegen der künstlerischen Freiheit oder weil hier klar ist, dass es sich in diesen Fällen eben nicht um eine sachliche Auseinandersetzung mit den jeweiligen historischen Ereignissen oder Personen, sondern lediglich um eine Art Interpretation handelt?! Das betrifft ja nicht nur den Holocaust, sondern sämtliche Personen und Ereignisse der Zeitgeschichte. Realität und Fiktion verschwimmen dort, meines Erachtens, viel zu oft und ich frage mich gerade, wo (oder wie) man da eine Grenze zieht zwischen Akzeptanz der künstlerischen Freiheit und Kritik über eine falsche Darstellung der Ereignisse…

      • Kathrin, in Filmen ist der Grad der Fiktionalisierung wesentlich größer. aber wenn es um Dokumentarfilme geht wird in weiten Teilen handwerklich sauber gearbeitet.

        Bücher sind hier die wahren Multiplikatoren und man wird nicht erleben, dass in einem Vortrag aus einem Roman zitiert wird… Aus Sachbüchern schon und hier ist der Umgang mit der Recherche eben schon lebenswichtig.

        Die jetzt erscheinenden Mischformen nach dem Ableben der Zeitzeugen öffnen Tür und Tor die damalige Zeit in ein anderes Licht zu rücken. In den USA wird der Buchmarkt zum Teil mit Liebesgeschichten zwischen KZ-Insassen und Wärtern geflutet… Und weil es eben KZs gab, darf man auch schreiben „Nach einer wahren Geschichte“… ich nenne das HOLO-KITSCH – und glaubt mir, der wird auch hier ankommen….

        Ich ziehe meine Grenze selbst – da wo ich Reales von Erfundenem unterscheiden kann. Und da erhebe ich meine Stimme im Sinne derer, die nichts mehr sagen können oder noch nie konnten. Auch da werden mir Fehler unterlaufen.

  4. Danke Arndt für diesen so wichtigen und aufschlussreichen Artikel. Jetzt nach 2 Stunden habe ich mich etwas beruhigt. Ich kenne mich nicht mit Verlagswesen und dem ganzen Drumherum aus, finde jedoch, dass sowohl Autoren als auch Verlage bei diesem Thema in einer hohen ethischen Verantwortung stehen.
    Die Würde des Menschen ist unantastbar!
    Wenn die Zeitzeugen nicht mehr mahnen und berichten können, werden die Hüter der Wahrheit und Erinnerung – gegen alle Wortmontagen – die Opfer beim Namen nennen!

    • Dein Anspruch ist hoch und nachvollziehbar. Wir sahen das in unserer Diskussiion genau so.Allerdings haben wir es hier nicht mit einem grundweg unseriösen Buch zu tun. Es ist methodisch nicht in Ordnung und in Teilen aus meiner Sicht nicht sauber recherchiert.

      Ich rechne nach diesen ersten Mischformen allerdings mit mehr. Besonders im Bereich von Romanen, in denen man reale Schicksale einfach verdrehen kann und weil es Auschwitz gab, auch noch „nach einer wahren Geschichte“ dazusetzen darf…

      Wehret den Anfängen der Aufweichung und bleibt wach…

  5. Ich kann euren Zorn und auch die Enttäuschung über die verfälschten Darstellungen gut nachvollziehen und beim Blick in die Augen habe die vielen ungeweinten Tränen ob der Unfassbarkeit gesehen …

    • Es sind Augen, die bei aller Sachlichkeit in der Argumentation nicht mehr loslassen. Ich wäre auch der Erste, der angesichts entsprechender Belege und Quellen ewrklären würde, dass ich einem Irrtum unterliege. Aber je länger man in den verfügbaren Quellen forscht und je mehr man von Brasse selbst liest und je länger man seinen unterschiedlichen Interviews lauscht, desto mehr hat sich die Erkenntnis vertieft, dass die Autoren hier etwas geschrieben haben, das den überlieferten Zeitzeugenberichten heftig widerspricht.

  6. Ich merke, dass du es dir nicht leicht gemacht hast mit dieser inhaltlichen Kritik. Eigentlich hätte es in Italien beginnen müssen mit der genauen Durchsicht des Manuskripts. Und wenn man sich umschaut, in welche Sprachen das Buch übersetzt wird dann ist auch klar, dass die beschriebenen Ungereimtheiten überall drinbleiben werden.

    Ich hoffe, dass dieser Artikel gelesen wird. Ich habe jedenfalls wieder einmalgelernt, dass ich mir einige Sachen genauer anschauen muss. Auch wenn sie in Sachbüchern stehen. Schreib doch bitte mit Peggy Steike gemeinsam über den Holocaust. Ihr habt das Wissen und die Ausstrahlung, weil ihr das nicht für euch tut.

    • Es war nicht leicht… das ist richtig. Und schreiben mit Peggy, ja das ist eine der Ideen, die uns antreibt. Vielleicht sollten wir das wirklich versuchen, da wir schon viele Geschichten neu entdeckt und erzählt haben. Dein letzter Satz ist sehr wohltuend, weil du den Kern triffst.

  7. Da ist es nicht leicht, sachlich zu bleiben. Ich glaube dem was Wilhelm Brasse mir im Video selbst erzählt und habe mich auch im Internet umgeschaut. Man findet dort ausschließlich Belege für die Darstellung, die von dir beschrieben wird. Von Wikipedia angefangen bis hin zur Holocaust Gedenkseite. Keine Spur von anderen Darstellungen. Und dann habe ich gemerkt, dass du es geschafft hast, mich zum Recherchieren zu bringen. Danke!

    • Wir habengemeinsam lange recherchiert, bevor das buch erschien und waren völligüberrascht von dieser Variante, weil es dafür keine uns bekannten Belege gibt. Ich vertraue dem Zeitzeugen selbt. Im buch sind darüber hinaus auch keine validen Quellenangabe… auch hier taucht nur auf: Gespräche mit Angehörigen von Wilhelm Brasse. Jedoch nicht worüber, zu welchen Details… usw.

  8. Hallo Arndt…du hast mir ja bereits bei unserem Treffen in München von deiner Entrüstung berichtet und öfter was durchklingen lassen. Damals war ich schon schokiert – aber jetzt, wo ich deinen Artikel gelesen habe, bin ich sprachlos. Mit fehlen wirklich ein bisschen die Worte…und musste mich erstmal wieder sammeln. Deswegen mein Kommentar auch so spät…
    Ich kann dich so verstehen – das Verhalten des Autors geht einfach gar nicht. Unakzeptabel und in diesem Zusammenhang nochmal viel schlimmer….wie kommt man überhaupt auf die Idee so etwas zu schreiben? Die Frage geht mir schon länger nicht aus dem Kopf…die Geschichte ist doch so schon schlimm genug. Es ist so viel Schreckliches passiert, da muss man es doch nicht noch weiter ausschmücken und dramatisieren…..wenn ich ehrlich bin, dann ist DAS genau das, warum ich kaum noch Sachbücher lese, denn irgendwann (ich weiß gar nicht mehr bei welchem Buch) bin ich schonmal so reingefallen und das Gelesene entsprach nicht der Wahrheit – der offensichtlichen Wahrheit, die man durch Googlen ganz anders lesen konnte….
    Meiner Meinung nach müssten da die Verlage viel mehr ein Auge drauf haben, aber das ist wohl zu viel Arbeit, denn es müsste ein zweites Mal ganz unabhängig von der Recherche des Autors recherchiert werden….eine zeitaufwendige Geschichte, die das Buch wahrscheinlich zu teuer werden ließe…das sollte eigentlich nicht deine Aufgabe sein. Dennoch bin ich dir sehr dankbar, dass du es getan hast. Diesen Part übernommen hast und für Czeslawa Kwoka kämpfst, wo sie sich selbst nicht wehren kann….gerne würde ich sie in die Arme nehmen und einmal drücken…
    Überhaupt bin ich immer wieder erstaunt und empfinde viel Respekt für deine Recherche, dein Herzblut, für alles, was du so aufopfernd in das Projekt „Gegen das Vergessen“ steckst….Diesen Elan hätte ich gar nicht…nicht, weil mich die Geschichte nicht interessiert oder berührt, sondern weil ich auf einer ganz anderen Ebene mit der Geschichte verknüpft bin und bei uns in der Familie das Thema so gut wie gar nicht angesprochen wird…deswegen ist es so wichtig, dass es Menschen wie dich gibt, die sich damit so ausführlich beschäftigen… Ich bin auch froh, dass Hana zumindest für kurze Zeit ein Zuhause bei mir gefunden hat….Für deine weitere Recherche und dein Engagement wünsche ich dir viel Zeit, Geduld und offene Ohren und Herzen…
    Liebe Grüße….die Verena….

    • Danke Dir sehr für deine Zeilen…

      Es tut sich viel im hintergrund und in wenigen Wochen erscheint ein zweites buch zu Wilhelm Brasse, das mir bereits vorliegt und mich in allen Kritikpunkten bestätigt.

      Es ist ein buch, das die Wahrheit berichtet und mehr als sauber recherchiert ist. Ich werde ausführlich berichten…

      Alles wird gut. dieses buch wird ein überzeugendes Gegengewicht und jeder einzelne Punkt meiner Kritik ist dort zu 100 % richtig dargestellt. Das wird ein wichtiges Buch werden.

      Und immer weiter… immer weiter….

      Herzlichen Dank,

      Arndt

  9. Pingback: “Der Fotograf von Auschwitz” von Reiner Engelmann | AstroLibrium

  10. Pingback: Die Karte meines Lesens – Mr. Rail als Buch-Kartograph | AstroLibrium

  11. Pingback: Hannah – Eine Vernissage “Gegen das Vergessen” in Wort und Bild | AstroLibrium

  12. Pingback: 27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun? | AstroLibrium

  13. Pingback: Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa – „Nebel im August“ | AstroLibrium

  14. Man hat diesem Mädchen den Kopf geschoren, es in schäbige Häftlingslumpen gehüllt und ihr eine Nummer auf die Brust geheftet…somit war es für die Mörder als Individium nicht mehr wahrnehmbar und konnte ungestraft geschlagen werden.
    Aber diese Fotos haben das Grauen überlebt und legen nun Zeugnis ab für die Unmenschlichkeit der Unmenschen…Wilhelm Brasse sei gedankt dafür.
    Ich hoffe und wünsche mir, das es in dieser dunklen Zeit auch für Dich eine Regenbogenbrücke gab, Czeslawa…Ruhe in Frieden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s