„Schlump“ – Ein verbranntes Buch kehrt zurück

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zu Buch- und Literaturpreisen, da ihre Vergabe nicht immer transparent und nachvollziehbar ist. Eine fachlich kompetente Jury frisst sich bemüht durch einen Longlist-Bücherberg und lässt anschließend dem eigenen subjektiven Empfinden freien Lauf. Uns Lesern erschließt sich das nicht immer in vollem Umfang.

Da lobe ich mir die demagogische „Fachjury“ der Nationalsozialisten. Ja – richtig gelesen. Diese verblendeten Chefideologen haben 1933 einen Kanon deutschsprachiger Literatur erstellt und alle Autoren verzeichnet, die dieser menschenverachtenden Ideologie in Wort und Bild schaden konnten. Als „entartet“ und „politisch unerwünscht“ wurden sie bezeichnet und in einem diktatorischen Schutzreflex hat man diese Bücher, so wie die politischen Gegner des Regimes, unschädlich gemacht und im Rahmen groß angelegter Bücherverbrennungen den Flammen übergeben. Zuerst brannten nur die Bücher.

Die Geschichte der Nazi-Ideologie währte nicht die versprochenen 1000 Jahre. Und während man heute in der differenzierten Geschichtsschreibung die Verbrechen dieses Regimes aufgearbeitet hat, hängt über vielen deutschen Marktplätzen noch die Asche der damals verbrannten Bücher in der Luft. Sie haben sich wirklich als schädlich erwiesen und sich damit um unsere Zukunft mehr als verdient gemacht. Das Prädikat „unbrennbar“ ist für mich unverzichtbar in meinem Lesen Gegen das Vergessen. Die Botschaft dieser Bücher ist nicht in den Flammen aufgegangen.

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

Schlump“ verbrannte in diesen Scheiterhaufen der Literatur. „Schlump“ ging in Flammen auf und das im Jahr 1928 erstmals erschienene Buch über die Erlebnisse eines einfachen Soldaten im Ersten Weltkrieg sollte, wenn es nach dem Urteil der Nazis ging, nie mehr das Licht der Bücherwelt erblicken. Paradox, aber es schien zu gelingen. Die Botschaft des Werks sollte mit Feuer ausgelöscht werden.

Geschichten und Abenteuer aus dem Leben des unbekannten Musketiers Emil Schulz, genannt „Schlump“. Von ihm selbst erzählt. Harmlos kommt der Titel daher und so manche kreative Verlagsabteilung wird den Autor dieses Buches um seine Findigkeit beneiden. Aber was konnte den Nationalsozialisten so gefährlich erscheinen, dass man „Schlump“ verbrennen musste? Was war so gefährlich an der Botschaft und am Inhalt dieses Weltkriegsromans?

Genau das hat mich zutiefst Interessiert und ich habe mich dem wiederentdeckten Kleinod aus dem Verlagshaus Kiepenheuer und Witsch liebevoll angenommen. Flankiert von meiner Privatbibliothek zum Thema, von Ernst Jünger bis zu Fritz Rümmelein, bin ich Schlump in den Ersten Weltenbrand gefolgt und habe dabei versucht, die Brisanz der Erzählung aufzuspüren. Der Autor Hans Herbert Grimm hat seine eigenen Erlebnisse in diesem Buch verarbeitet und versucht, seine eigene Verzweiflung, seine Verletzungen und seine Ängste für die Nachwelt erlesbar zu machen.

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

Und so lernen wir ihn also kennen, jenen Schlump, der eigentlich Emil Schulz heißt. Mit gerade einmal 17 Jahren meldet er sich freiwillig in den Krieg. Die Realschule interessiert ihn nicht sonderlich, er ist eher künstlerisch veranlagt und sehnt sich nach den Erlebnissen seiner Freunde, die den Krieg noch spüren können, bevor er ja bald sein Ende findet. Zum Kummer seiner Mutter zieht der junge Schlump begeistert in den Krieg. 1915 – ein ganzes Jahr hat er schon verpasst.

Den Kriegsschauplatz Frankreich hatte er sich allerdings anders vorgestellt, als er ihn nun persönlich vorfindet. Man versetzt ihn in die Etappe. Er wird aufgrund seiner guten Sprachkenntnisse zum Verwalter einiger kleiner Dörfer hinter der Front. Etappenhengst oder Etappenschwein! So die Bezeichnung für die Soldaten, die in sauberen Uniformen weit ab vom Geschehen in Saus und Braus leben.

Schlump fühlt sich wohl in seiner Haut. Das Leben ist bequem und seine Zeit in der Etappe liest sich so locker leicht, wie die „Geschichten des braven Soldaten Schwejk“. Kanonendonner hört man nur im Hintergrund. Schlump amüsiert sich bestens, verliebt sich mehrfach und lässt es so richtig krachen. Allerdings nicht mit seinem Gewehr! So könnte es aus seiner Sicht ewig weitergehen, denn er fühlt sich zu schlau für diesen Krieg. Nur die Dummen müssen kämpfen. Das hat sich in seinem Kopf festgesetzt.

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

Dumm nur, dass selbst die nicht so Dummen dran glauben müssen. Das wird selbst Schlump schlagartig klar, als man ihn von seinen schweren Aufgaben entbindet und mit neuen Freiwilligen ins richtige Gefecht wirft. Vorbei das schöne Leben. Vorbei der lustig frivole und oberflächliche Ton der Erzählung. Vorbei die Textpassagen ohne Illustrationen. Vorbei… Alles vorbei.

Schlump schildert den Kampf gegen sich selbst, gegen seine Angst, gegen einen unsichtbaren Feind und der Unterton der tiefen Enttäuschung, was ihm da jetzt passiert, vervielfacht die düstere Stimmung unter Dauerbeschuss. Schon das Essenholen wird zur lebensgefährlichen Aktion, Schlafen ist riskant, das Aufstehen im Schützengraben gleicht einem Himmelfahrtskommando und der Angriff ist die Utopie menschlichen Wagemutes.

Angst schreit aus jeder Seite dieser Schilderung. Und dunkle Zeichnungen aus der Feder von Otto Guth unterstreichen dies drastisch. Die Realität hat Schlump endgültig eingeholt. Doch im Gegensatz zu den Altgedienten und Freiwilligen fühlt er sich nur noch fehl am Platz. Die Welt um ihn herum löst sich auf und versinkt im Chaos. Aus Schlump wird ein kleines Rädchen in der Masse. Sehnsuchtsvoll blickt er zum Himmel. Die Piloten sehen ihre Gegner wenigstens. Schlump verzweifelt.

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm

Als der Krieg in sich zusammenbricht ist es vorbei mit den letzten Funken militärischer Loyalität. Schlump vollzieht seine innere Kündigung und ergeht sich in einer ungeschönten Kritik an der Führung. Völlige Inkompetenz, Eigennutz, Blindheit und das Fehlen jeglichen genialen Gedankens wirft er all jenen Offizieren vor, die er nun als bloße Etappenschweine beschimpft. Schlump desertiert und macht sich auf den gefahrvollen und illegalen Weg nach Hause zu seiner Mutter…

Hans Herbert Grimm bricht mit seinen Kriegserlebnissen mehrere Tabus, die zuvor in dieser Klarheit nicht gebrochen wurden. Er findet schöne Seiten am Krieg und ist bereit, alles zu verleugnen, wenn es in die Hose geht. Er steht zu seinen Ängsten und schreit die Ungerechtigkeit, die dem kleinen Soldaten widerfahren ist, in die Welt. Diese Botschaft ist für das Nazi-Gedankengut dramatisch und einer der vielen Gründe, den „Schlump“ einfach zu verbrennen.

Grimm mauerte ein Exemplar seines Buches in seinem Wohnzimmer in die Wand ein. Es war ihm in seiner Tragweite selbst zu gefährlich geworden. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Dolmetscher erneut an der Westfront und bekannte sich erst nach diesem Zweiten Weltenbrand zu seiner Geschichte. Sie heute in dieser Form lesen zu können schließt eine Lücke zwischen Ernst Jünger und Erich Maria Remarque. Es ist die Lücke, die zeigt, dass man manchmal im Leben ein „Schlump“ sein muss, um zu überleben.

SCHLUMP von Hans Herbert Grimm - Zum Ersten Weltenbrand mit einem Klick

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2 Gedanken zu „„Schlump“ – Ein verbranntes Buch kehrt zurück

  1. Das ist ja mal wieder ein interessante Geschichte. Hat man denn das buch wirklich erst jetzt wieder entdeckt? Oder erst jetzt wieder verlegt? Interessanter Ansatz: Konsequentes Handeln der herrschenden Macht zum eigenen Schutz. Klar, die Geschichte von Schlump rät ja nun wirklich nicht zum Aushalten an der Font.

    • Es wurde jetzt wieder publiziert… und die ganze Geschichte,wie es dazu kam ist natürlich Bestandteil des Buches… Eine richtige Durchhalteparole ist es nun wirklich nicht und es zeigt eindeutig die Stimmungslage nach dem Scheitern der letzten Offensiven…

      Die Existenz des Buches wurde 2008 durch Zufall entdeckt…

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