„Das Haus der vergessenen Bücher“ von Christopher Morley

Das Haus der vergessenen Bücher von Christopher Morley

Das Haus der vergessenen Bücher von Christopher Morley

Ich stehe hier in Brooklyn, einem bekannten aber auch ein wenig düsteren Stadtteil von New York. Ich kann im Moment nicht so laut sprechen, da ich in verdeckter Mission unterwegs bin, aber da ich gerade während meiner Beobachtungen eine kleine Pause einlegen kann, versuche ich kurz zu beschreiben, was hier los ist. Wir befinden uns im Jahr 1919 und nicht nur Amerika erblüht wieder in der Aufbruchstimmung nach dem gewonnenen Ersten Weltkrieg. Endlich kann man sich überall im Land wieder den Dingen des Lebens widmen, die in den letzten Jahren zu kurz gekommen sind.

Bücher zum Beispiel stehen wieder hoch im Kurs. Sie erleben einen unglaublichen Aufschwung und Buchhandlungen, Verlage und Büchereien florieren hier wie nie zuvor. Aber es sind eben auch keine besonders ruhigen Zeiten. Neben der Literatur scheint nämlich auch die Kriminalität zu florieren. Zumindest nehmen die Anzeichen zu und das hat uns auf den Plan gerufen. Die SoKo-Buch hat sich bereits in Schweden bewährt, indem die Akademiemorde quasi im Vorbeilesen gelöst wurden, und nun haben wir uns alle mit der Ermittlungsakte bewaffnet und die Aufgaben fein säuberlich aufgeteilt.

Das Haus der vergessenen Bücher ist unser erklärtes Ziel und unser Informant heißt Christopher Morley. Über eine Mittelsfrau im Atlantik Verlag ist es ihm gelungen, uns dieses wichtige Dokument zuzuspielen, auf dass es uns gelingen möge, Licht ins Dunkel der Straßen von Brooklyn zu bringen. Fragen können wir ihm leider nicht mehr stellen, da er bedauerlicherweise seit 1957 nicht mehr unter uns weilt, was seinen geheimnisvollen Fall jedoch nicht zeitloser macht… Aber das werden wir noch sehen. Jedenfalls haben wir bereits in der allerersten Sitzung unserer SoKo den Eindruck gewonnen, neben einem reinen Kriminalfall ein absolutes Kleinod bibliophiler Literatur ausgegraben zu haben.

Das Haus der vergessenen Bücher von Christopher Morley

Das Haus der vergessenen Bücher von Christopher Morley

Ich stehe nun also vor dem Zentrum des Geschehens und es war völlig klar, dass es dies eine Buchhandlung sein musste. Ich habe mir extra zu diesem Zweck ein kleines Geschäft angemietet, um Tag und Nacht in unmittelbarer Reichweite der Ereignisse zu sein. „Bookland Yard“ habe ich den Laden genannt (kleiner Spaß muss sein). Und schon begann ich mit meinen geheimen Beobachtungen. Bereits auf den ersten Blick wird klar, dass es sich nicht um einen normalen Buchladen handelt. Das sieht sogar jemand, der nicht unbedingt der perfekte Ermittler ist. Achtet doch nur auf das Schild an der Tür:

PARNASSUS
R. UND H. MIFFLIN
BÜCHERFREUNDE WILLKOMMEN
IN DIESEM GESCHÄFT SPUKT ES

Na bravo. Und genau hier laufen alle Fäden der verzwickten Handlung zusammen. Mysteriöse Kunden gehen ein und aus; ein Werbefachmann versucht beharrlich dem Besitzer der Buchhandlung neue Werbestrategien zu verkaufen, um den Buchverkauf anzukurbeln; die Tochter eines Geschäftspartners steht kurz davor, bei Herrn Mifflin in die Buchhändlerlehre zu gehen und genau in diesem Moment verschwindet einer der größten Buchschätze aus dem Laden. Ausgerechnet das Buch, das als eines der Lieblingsbücher des amerikanischen Präsidenten gilt: „Briefe und Reden des Oliver Cromwell“ von Thomas Carlyle.

Das Haus der vergessenen Bücher von Christopher Morley

Das Haus der vergessenen Bücher von Christopher Morley

Und wenn ich Mr. Mifflin glauben darf, dann ist Gefahr im Verzug, denn dieser Buchhändler ist hinter seiner Wolke aus Tabakrauch, die ihn ständig einhüllt, einer der größten bibliophilen Menschen, die mir im Lesen begegnet sind. Wenn er vom „Spuken“ spricht, dann meint er den ewigen Geist der Bücher, der sich in seinen heiligen Hallen herumtreibt und wenn er in seine Regale blickt, dann spricht er oft davon, dass sie explosiveres Material beinhalten, als eine Ladung Schwarzpulver. Mifflin ist mehr als ein Büchermensch – er liebt seine an- und verkauften gebundenen Schätze, und gehört zudem noch dem legendären Maiskolbenklub“ an, jener Vereinigung New Yorker Buchhändler, die sich regelmäßig treffen, um über die Zukunft des Buchhandels zu debattieren.

Ihr seht, das ist alles sehr vielschichtig und so haben wir unsere Aufgaben streng verteilt in der Soko-Buch. Während unsere „Profiler“ sich um die Protagonisten, den Schauplatz, seine skurrilen Gäste, Mifflins Buch-Hund Bock und die kriminalistischen Details aus rechtsmedizinischer Sicht kümmern, soll ich mich in den Maiskolbenklub einschleichen und dort herausfinden, ob da jemand was mit dem Verschwinden des wertvollen Buches zu tun hat. Eine sehr illustre Gesellschaft, in der ich hoffentlich nicht auffalle.

Wobei ich schon zugeben muss, dass ich viel lieber der Spur der jungen angehenden Buchhändlerin Titania Chapman gefolgt wäre. Sie soll ja eine außergewöhnliche junge Frau sein, über die der junge Werbemann gesagt hat: „Ich habe sämtliche jungen Damen in meinem Bekanntenkreis addiert und eine Summe ermittelt, die geringer ist als die junge Frau, die vor mir saß.“ Wow.. Also ganz ehrlich, die hätte ich gerne observiert, aber ihr verpasst nichts… Versprochen, denn eine unserer Profilerinnen hat sich ihr bereits intensiv angenähert. Ich nehme also meine Maiskolbenpfeife und gehe zum Treffen der Maiskolben-Buchhändler, während sich in den Straßen von Brooklyn die Ereignisse überschlagen.

Das Haus der vergessenen Bücher von Christopher Morley

Das Haus der vergessenen Bücher von Christopher Morley

Und dieses Treffen haut mich um. Hier verliere ich jegliches Gefühl dafür, dass ich mich im Jahr 1919 befinde, denn die Themen über die man hier diskutiert sind so aktuell, wie sie auch heute nur aktuell sein können. Jeder Buchhändler unserer Zeit hätte seinen Spaß an dieser Runde und jeder bibliophil veranlagte Mensch des 21. Jahrhunderts muss beim Zuhören herzhaft lachen, wenn es darum geht, wie man den Appetit auf gute Literatur mit dem typischen Kunden in Einklang bringen kann:

„Appetit ist ein zu starkes Wort“, sagte Jerry. „Auf Bücher übertragen sind die Leute kaum in der Lage, sich aufzusetzen und ein wenig flüssige Nahrung zu sich zu nehmen. Feste Nahrung interessiert sie nicht.“

Oder, wenn die Buchhändler über das Versagen in den Lektoraten klagen, wo gute Manuskripte einfach unentdeckt bleiben:

„Wenn ein Marmeladenhersteller ausgebildete Chemiker einstellt, frage ich mich, warum es sich nicht auch für einen Verlag lohnen soll, erfahrene Buchanalytiker anzuheuern? Die gibt es nämlich.“

Während einige Buchhändler scheinbar nur versuchen, das Buch als reine Handelsware zu sehen, sträubt sich Roger Mifflin mit all seiner Energie dagegen, sich dieser Haltung anzuschließen. Er versteht sich als „Bibliotherapeut“ der seinen Kunden Bücher verschreibt und als Suchender, der ständig auf die Geburt neuer Bücher wartet. Er sieht sich selbst beseelt von seiner Mission, seinen Kunden den Weg zu guten Büchern zu zeigen. Die Debatte um Werbung, Kundenwünsche, Rezensenten und die Zukunft des Buchhandels sind so visionär und zeitlos, dass man einfach ewiges Mitglied in diesem zeitlosen Klub sein möchte. Eine Liebeserklärung an einen besonderen Beruf!

Bücher über Bücher - Besondere Liebeserklärungen

Bücher über Bücher und Buchhandlungen – Besondere Liebeserklärungen

Als ich den Maiskolbenklub verlasse ist nichts mehr so, wie es vorher war. Es hat inzwischen Überfälle, Einbrüche und Anschläge gegeben. Titania ist in Gefahr und das verschwundene Buch taucht an den unmöglichsten Stellen kurz auf, um danach sofort wieder zu verschwinden. Es wird blutig auf den Straßen von Brooklyn und ich kann nur hoffen, dass die anderen Mitglieder unserer buchigen SoKo das Schlimmste verhindern können. Da ich mit meiner Ermittlung am Ende bin, kann ich es wagen, die gesamte Akte des Falles „Das Haus der vergessenen Bücher“ einer abschließenden Kritik zu unterziehen.

Ich habe noch nie zuvor so viele Pagemarker verwendet, um mir bibliophile Zitate in einem Buch zu markieren. Ich habe jenseits des Kriminalfalles so viele wundervolle Worte aus dem Mund des schrulligen Mr. Mifflin vernommen, die mein buchiges Leben zukünftig bereichern werden, und ich habe eine lebensrettende Idee aus dem brillanten Roman übernommen, die ich in die Tat umsetze, weil ich wirklich denke, dass sie mein Leseleben verlängern kann:

„Ich habe nie König Lear gelesen, und zwar absichtlich nicht. Wäre ich einmal sehr krank, brauchte ich mir nur zu sagen <Du kannst noch nicht sterben, du hast den Lear noch nicht gelesen> und ich bin sicher, dass mich das wieder auf die Beine bringen würde“

Danke Mr. Mifflin für diese Idee. Danke Christopher Morley für ein Buch, das ich zu den größten Leseschätzen in meiner Sammlung Bücher über Bücher zähle. Es ist spannend, emotional, unglaublich angereichert mit großen Worten und viele der Zitate bleiben wohl lesenslänglich in den Herzen der Leser verhaftet. Parnassus“ ist und bleibt für mich eine der Buchhandlungen meines Lebens:

„Hier spukt der Geist der großen Literatur.
Wir verkaufen keine Fälschungen und keinen Schund.
Bücherfreunde sind willkommen.
Wir haben, was sie wollen.
Auch wenn Sie nicht wissen, was sie wollen.
Geistige Unterernährung ist ein ernstes Leiden.
Wir haben die richtige Medizin für Sie.“

Alle SoKo-Rezensionen zum Haus der vergessenen Bücher

Alle SoKo-Rezensionen zum Haus der vergessenen Bücher

Alle Ergebnisse unserer Sonderkommission auf einen Blick. Hier erfahrt ihr wirklich alles, was diesen absolut zeitlosen Roman zu einem Buch mit dem einhellig vergebenen Prädikat: „BESONDERS LESENSWERT“ macht.

Darüber hinaus verweise ich gerne auf meine literarischen Besuche in folgenden Buchhandlungen oder Bibliotheken: Penumbra, den Oak Tree Bookstore, Die unheimliche Bibliothek“ und ganz bald geht die Buchreise nach Wien in „Meine wundervolle Buchhandlung„.

Eine Buchhandlung auf Reisen von Christopher Morley - Es geht weiter...

Eine Buchhandlung auf Reisen von Christopher Morley – Es geht weiter…

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23 Gedanken zu „„Das Haus der vergessenen Bücher“ von Christopher Morley

  1. Sprachlos, total geplättet, immer noch schwer verliebt *schmunzel* und ich überlege schon die ganze Zeit, ob es schon mal ein Buch gab, das mir SO ein warmes Gefühl im Bauch beschert hat! Und eine Fallausarbeitung, die das gleiche vermag 🙂

    Es ist eine echte Freude und ein Gewinn, dass die SoKo sich gefunden hat!

    Ich hoffe, dass noch viele das Buch entdecken und was sich da zwischen den blauen Buchdeckeln verbirgt zu schätzen wissen!

    Liebe Grüße und einen feinen Tag

    Bine

    • Ja… es wird lange in Erinnerung bleiben und es war nicht leicht, viele Seiten des Buches auszublenden… aber ich war mit dem Maiskolbenklub vollauf beschäftigt.

      Freue mich auf eure Ermittlungsergebnisse…. sehr sogar. Und dann immer weiter mit der genialen SoKo.

  2. Was für eine herrliche Rezension. Einmalig, sofort fühle ich mich durch Brooklyn’s Straßen wandern und möchte mehr über den Maiskolbenklub wissen..

    Ganz herrliche bibliophile Grüße. ^^

    • Na dann einfach nur die Maiskolbenpfeife anzünden und ab nach Brooklyn. Eine atmosphärisch wundervolle Reise. Das wird man auch in den Rezis der anderen SoKo Ermittler noch lesen… das geht erst los.

      Danke für den tollen Kommentar 😉

      • Auf die SoKo ist Verlass. Wenn du das unterste Artikelbild anklickst, kommst du zu einem Bild in der Gruppe und dort werden noch 7 Besprechungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten folgen.

        Titania… Mr. Mifflin… Der Tatort… ach lässt euch überraschen…

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