„Der Circle“ von Dave Eggers – dystopisch, utopisch, real

Der Circle von Dave Eggers

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Hättet ihr nicht Lust, für das innovativste IT-Unternehmen der Welt zu arbeiten? Ach, ich untertreibe schon wieder maßlos, nur mag ich eben nicht mit allen Fakten um mich schmeißen, da sie einfach so unglaublich sind… Fast zu unglaublich. Aber lest bitte weiter. Die Chance kommt nicht allzu oft wieder. Natürlich hättet ihr euch damals nicht vorstellen können, dass ein einziges weltweit operierendes Unternehmen in der Lage sein würde, alle sozialen Netzwerke zu vereinen. Ihr erinnert euch an Facebook? Genau, das mit den Likes und den vielen Usern mit manchmal wenig glaubwürdigen Identitäten.

Da wusste man eigentlich nie, mit wem man dort interaktiv war und ob der- oder diejenige nicht noch mit weiteren Profilen das Netz unsicher machte. Könnt ihr euch auch noch an die zahllosen Spam-Mails in euren Onlinebriefkästen erinnern? Unseriöse Angebote, Spams, Gewinnspiele und kriminelle Umtriebe auf eure Kosten, die stündlich hereingeflattert sind – ihr habt das noch vor Augen. Ist ja auch erst ein paar Jahre her. Und all die Bilder auf Instagramm von irgendwelchen Leuten, die nicht nur mit ihren YouTube-Videos medial für Chaos gesorgt haben, sondern eben auch mit Fotos von Gott und der Welt.

Seit der „Circle“ diese einzelnen Internetplattformen unter seinem Dach vereinigt hat, ist endlich Ruhe in der großen Welt des Social Media. War es nicht eine grandiose Idee, jedem User für alle Netzwerke nur noch eine einzige klare Identität zuzuweisen? Ist damit nicht die Kriminalität im Internet drastisch reduziert worden? Und nun, da der „Circle“ nun zum weltweiten Standard für alle Arten von Tranfers und Kommunikation im Internet geworden ist, muss es ja wohl auch einleuchten, dass dieser Mega-Konzern immer weiter expandiert. Wäre das nichts für euch?

Ein Traumjob.

Der Circle von Dave Eggers

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Nunja… Ich möchte natürlich auch mit der unvermeidbaren Wahrheit nicht hinter dem Berg halten, denn dieses System erfordert eine große Portion an Selbstdisziplin und Sorgfalt, wenn es darum geht, als Circler einen Beitrag zum medialen Gemeinwohl zu leisten. Logisch, dass man nicht gleich in der Chefetage einsteigen kann. Wo geht das schon? Aber auch das Leben in den Großraumbüros des „Circle“ ist alles andere als stressig und überhaupt nicht mit dem vergleichbar, was ihr früher mal kanntet.

Auf dem riesigen Campus wird für alles gesorgt. Entspannung, Fitness, Ablenkung, Unterhaltung, soziale Events, Einkaufen, Sport, Meditation, medizinische Versorgung, gemütliche Unterkünfte, eine riesige Mensa mit bester Verpflegung und vieles, vieles mehr findet ihr vor. Ihr braucht als Mitarbeiter das Gelände gar nicht mehr zu verlassen. Wozu auch? Unter den abertausenden Kollegen werdet ihr sicher wahre Freunde finden und das interne Netzwerk informiert euch pausenlos über Aktivitäten in und rund um euer neues Leben – also den Job meine ich. Ein Traum, oder?

Das geht natürlich alles nur, wenn man produktiv ist. Und das äußerst zuverlässig. Also zum Beispiel in der Abteilung für „CE“ – Customer Experience… Also sowas, wie der ständige Kundenkontakt zum wirklichen User aller „Circle“-Produkte. Ihr seid das Gesicht des „Circle“ und es ist doch wohl klar, dass der „Circle“ sein Gesicht nicht verlieren möchte… und das auf keinen Fall darf. Dafür ist das hier alles zu wichtig. Und wenn man schon im Inneren des Mega-Kreises arbeitet, dann muss man eben dem Ideal der Firma entsprechen und ein soziales Defizit muss einfach bekämpft werden.

Der Circle von Dave Eggers

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Transparenz, Leidenschaft, Partizipation. Also viel mehr ist es schon nicht, was von euch erwartet wird. Nach ultrakurzer Einarbeitungszeit werdet ihr es locker schaffen, die (bei aller Güte nicht hohen) Erwartungen eurer Teamleiter zu erreichen. Tausende von Kundenanfragen sollten euch jetzt nicht abschrecken, auch das Kundenranking über die Qualität eurer Dienstleistung ist nur ein Anhalt für die Leitung, wie gut ihr auf Draht seid. Naja und parallel dazu müsst ihr natürlich „Teilen und Teilnehmen“. Sonst bräuchte man das vielfältige Angebot für Mitarbeiter doch nicht. Oder? Dafür werden euch auch immer mehr Monitore zur Verfügung gestellt. Spitzenkräfte beherrschen den Umgang mit sechs Screens! Und das ganz locker.

Also rein ins interne und externe Netzwerk und immer schön kommentieren und zeigen, was euch gut gefällt (ein bisschen so wie Facebook damals). Tausende von Interessengruppen informieren euch über alles, was so los ist und ihr müsst nur immer schön lesen und klicken. Mehr ist es doch nicht. Natürlich gibt es ein Rating, das darüber Auskunft gibt, wie „sozial“ ihr so drauf seid, aber das ist echt unproblematisch. Sollte es mal zu Unstimmigkeiten kommen, dann lässt sich dieser „Störfall“ sicherlich leicht klären. Man möchte eben absolut keine Missverständnisse. Ein paar moderierte Korrekturgespräche und schon ist alles im Lot.

Noch nicht überzeugt? Eure Gesundheit steht im Vordergrund der Fürsorge des „Circle“. Ihr werdet erst gar nicht krank, weil ein kleiner Chip ständig über euch Auskunft gibt. Sensationell eigentlich und für Behandlungen müsst ihr das Gelände auch nicht verlassen. Und natürlich ist es auch kein Problem, eure Eltern und Geschwister kostenlos in dieses System der Gesundheitsfürsorge mit einzubeziehen. Ihr könnt echt was für eure Lieben tun. Solange ihr euch an einen kleinen Grundsatz haltet: „Um zu heilen müssen wir wissen. Um zu wissen müssen wir Teilen“ ist das wirklich alles unproblematisch. Verlockend oder? Na – schon angefixt?

Der Circle von Dave Eggers

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Die 24-jährige Mae Holland jedenfalls hielt dieses tolle Angebot für mehr als unwiderstehlich. Raus aus den angestaubten Büros ihres aktuellen Jobs, raus aus der Langeweile und rein in den „Circle“. Endlich dabeisein, wenn alles auf Zukunft gestellt wird und endlich einen der modernsten Arbeitsplätze der Welt real erleben zu können, und endlich den kranken Vater aus dem maroden Gesundheitssystem zu retten und im Circle versorgen lassen. Ja, all dies waren wichtige Punkte, die sie dazu veranlassten, alles stehen und liegen zu lassen, um „Circler“ zu werden.

Was für eine traumhafte Erfahrung, was für eine unglaubliche Umgebung und was für wahnsinnige Angebote sie auf dem Gelände des Konzerns vorfand. Einfach genial. Und mit den persönlichen Einschränkungen würde sie sich bestimmt arrangieren können. Da war sie sich ziemlich sicher. Das täglich steigende Arbeitspensum empfindet sie als Herausforderung. Die geforderten sozialen Kontakte verinnerlicht sie und mausert sich, belohnt vom Rankingsystem des Konzerns, schnell zur Vorzeigemitarbeiterin. Sie ist auf dem besten Weg, Karriere zu machen.

Warnungen ihres ehemaligen Freundes schlägt sie in den Wind. Zu innovativ und weltverändernd ist all das, was sie nun erlebt. Weltweite Kameras werden vom „Circle“ installiert, um Informationen von jedem Ort des Planeten auch visuell sofort verfügbar zu machen. Politiker machen sich transparent, indem sie sich freiwillig ununterbrochen von tragbaren MiniCams überwachen lassen. Die ganze Welt folgt dem transparenten Takt des „Circle“ und auch die Firma selbst wird transparenter als transparent.

Der Circle von Dave Eggers

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Alles wird geteilt, alles steht jedem zur Verfügung und alles wäre nicht schlimm, wäre Mae Holland nicht auffällig geworden. Ein mehr als seltsamer Mitarbeiter führt sie in Versuchung und sie erliegt dem sexuellen Reiz des Verbotenen. Sie verheimlicht, vertuscht und schämt sich für ihre Verfehlungen. Das kann nicht im Sinne der „Drei Weisen“ sein… Sie halten alles zusammen, sie alle tragen den Geist des „Circle“ in sich und verkörpern jeden Schritt in die Zukunft und sie definieren, was geschieht, wenn ein Circler nicht mehr ins System passt. Ihr möchtet wissen, was aus Mae Holland wurde…? Oh, das darf ich nicht verraten. So transparent ist das alles nun auch nicht. Vielleicht bewerbt ihr euch doch einfach oder lest den Roman von Dave Eggers.Der Circle (Kiepenheuer & Witsch) – eine Dystopie, eine Utopie? Oder doch schon viel realer, als wir es vermuten?

Das visionäre Potenzial von Dave Eggers ist hier absolut beeindruckend. Seine Protagonisten werden zu den Randerscheinungen dieses Systems. Sie sind so platt, wie viele reale Menschen, die sich aktuell in sozialen Netzwerken tummeln und nur noch am Pawlow`schen Reflex zu erkennen sind, wenn es Belohnung gibt. Im Austausch dafür wird der Leser des Romans in die Situation hineingezogen. Ich fühlte mich in die Rolle dessen gedrängt, der in dieser Umgebung agieren und reagieren sollte, der sich zu entwickeln hat und hinterfragen muss. Dystopien verspielen oftmals das größte Potenzial in der wenig plausiblen Ausgangslage. Hier ist Eggers bestechend.

Dave Eggers „Der Circle“ ist ein genialer Denkanstoß und ich lasse mich gerne anstoßen. Besonders, wenn mir einerseits solche Menschen täglich begegnen, die in dieses System passen, und ich persönlich andererseits die Anlagen in mir trage, hierfür empfänglich zu sein. Ein guter Roman ist einer, der mein Denken außerhalb des Buches vorantreibt. Das kann ich dem „Circle“ absolut attestieren. Der Mensch als Teil einer Schafherde innerhalb eines durchdachten Systems mit charismatischen Leadern taucht hier nicht zum ersten Mal in einer Sozial-Utopie auf. Das aktive Denken innerhalb eines verständlichen Erzähraums lässt eine sinnvolle Reflektion des Erlesenen in jeder Beziehung zu. Dies ist kein elitäres Buch. Es ist neben seiner Warnung vor sinnloser Transparenz auch noch allerbeste Unterhaltung.

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Ein wundervoller Anachronismus zum Roman ist es übrigens, dass der Verlag es geschafft hat, selbst die kritischsten Leser dieser Dystopie dazu zu verführen, auf einer eigens gestalteten Web-Page individuelle Leseindrücke zu Der Circle via Instagram mit aller Welt zu teilen… Ich war auch dabei… Soviel zum Thema „Utopie“ 😉

Ihr dürft diesen Artikel gerne teilen – Transparent bis zum Transpirieren 😉 😉

Selbst die Veröffentlichung dieses Artikels bleibt Instagram nicht verborgen

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Mit Dave Eggers „Bis an die Grenze„… ganz anders, aber ein echter Eggers…

Bis an die Grenze von Dave Eggers

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9 Gedanken zu „„Der Circle“ von Dave Eggers – dystopisch, utopisch, real

  1. Ein bischen gruselig ist das ja schon…besonders, wenn man dann so feststellt, hey, soooo utopisch ist das alles gar nicht *schüttel*
    Ich habs noch nicht gelesen, bin mir auch noch nicht sicher, ob ichs will, ob ichs tu… erst mal sind andere, gefährliche Bücher dran 😉

    • Es ist gefährlich – und genau dasmag ich daran. Eine Zukunftsvision, bei der man schnell realisiert, dass sie nicht an den Haaren herbeigezogen ist.

      Es ist oftmals nur ein kleiner Schritt und es bleibt die Hoffnung, dass die Menschen vorsichtiger mit einer solchen Entwicklung umgehen.

  2. nach ursprünglicher begeisterung flacht mir die geschichte dann doch zunehmend ab. auch das unkitschige ende, konnte dem buch über eine mittelmäßigkeit leider nicht hinweghelfen. ein interessantes und wichtiges thema, das im mittleren teil ziemlich zerredet und in die langatmigkeit gezogen wird.
    dennoch gefällt mir deine rezi 🙂

    • Monerl… die Langatmigkeit habe ich nicht empfunden, es war für mich eigentlich eher rasant bis zum Ende, das gottlob wirklich unkitschig war. Das Thema ist wirklich wichtig und einige mahnende Gedanken aus dem Buch beginnen immer realer zu werden.

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