Das Dickicht von Joe R. Lansdale – It`s Western Time

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

„Als Großvater zu uns rausgefahren kam und mich und meine Schwester Lula abholte und zur Fähre karrte, ahnte ich nicht, dass alles bald noch viel schlimmer werden oder dass ich mich mit einem schießwütigen Zwerg zusammentun würde, mit dem Sohn eines Sklaven und mit einem großen, wütenden Eber, geschweige denn, dass ich mich unsterblich verlieben und jemand erschießen würde, aber genau so war`s.“

Ja. Genau so war`s. Das kann ich wirklich bestätigen, seitdem ich die letzte Seite des Westerns Das Dickicht von Joe R. Lansdale (Tropen Verlag) gelesen und den Roman mit sehr gemischten Gefühlen verlassen habe. Genau so war`s. So und nicht anders. Mein Wort drauf.

„Gemischte Gefühle?“, werden Sie fragen. Ist das nicht ein schlechtes Zeichen, am Ende eines Westerns aus dem Sattel zu kippen und gemischte Gefühle zu haben? Und nur mal so: Wer liest heute noch Western? Ist deren beste Zeit nicht schon lange vorbei? Das reißt doch heute keinen gestählten Thriller-Leser mehr vom Lesehocker, was vor einigen Jahren noch mit rauchenden Colts und Wildwest-Romantik gewürzt wurde? Also wirklich… Ein brandaktueller Western? Klar, dass nur gemischte Gefühle bleiben.

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

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Ich kann diesen Gefühlsmix erklären. Ich kann sogar versuchen zu beschreiben, was mit mir im „Dickicht“ geschah. Ich kann vielleicht sogar vermitteln, worum es in diesem scheinbar antiquierten Vertreter einer aussterbenden Art geht. Was ich nicht kann? Ich kann Ihnen das Lesen nicht ersetzen – und das sollten Sie unbedingt tun, wenn Sie meine gemischten Gefühle teilen möchten. Sie sollten diesen Western unbedingt lesen. Sie würden etwas verpassen, wenn… Nun wir werden ja sehen.

Wir befinden uns im Texas an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Die goldene Zeit des Wilden Westens ist längst vergangen. Namen wie Jesse James, Whyatt Earp oder Doc Holliday sind längst Legende. Abgehalftert und deutlich in die Jahre gekommen zieht die „Wild-West-Show“ von Buffalo Bill durch die modernen Städte, um den Mythos am Leben zu halten. Erste Autos durchqueren Texas, Stromleitungen verbinden die kleinen Nester miteinander und das romantische Lagerfeuer in der Prärie gehört in weiten Teilen der Vergangenheit an.

Nur… So ganz hat sich diese Nachricht von der neuen Welt nicht verbreitet. Es gibt sie wirklich noch, die einsamen kleinen Farmen und Städtchen mit ihren Saloons und Freudenhäusern. Es gibt sie noch, die Wild-West-Widerstandsnester gegen die Moderne. Wilde Gegenden, in denen es zählt, wie schnell man den Colt ziehen und abfeuern kann, Abgelegen Regionen in denen alle abgedroschenen Klischées dieser längst vergangenen Zeit wie in einem Wildwest-Freilichtmuseum zu bestaunen sind. Aber Vorsicht: die Exponate schießen scharf.

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

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Jack ist gerade 16, als seine Eltern von den Pocken hinweggerafft werden. Mit 16 ist man im Westen schon fast erwachsen, aber dieses „fast“ würde nicht zum Überleben reichen. Das wird Jack ganz schnell klar. Er trägt nun die Verantwortung für seine jüngere Schwester und das ganze kärgliche Land seiner Eltern. Gegen die Pocken hätte er jedoch keine Chance.

Da übernimmt Grandpa das Heft des Handelns, gräbt Gräber, verbrennt das Haus, verkauft Grund und Boden und verfrachtet seine Enkel auf einen Karren. Nichts wie weg hier und ab zu Verwandten – weit genug entfernt vom unheilvollen Ort des Todes. Weit weg und aus der Reichweite der Pocken. Weit weg und mit nichts unterwegs, als mit den wenigen Habseligkeiten, in denen sich die Pocken nicht einnisten konnten. Großvater weiß, was er tut. Er ist im Wilden Westen uralt geworden. Und das ist ein Prädikat für sich. Doch sein guter Fluchtplan scheitert bereits am ersten Fluss, den sie mit einer Fähre überqueren müssen.

Denn sie sind nicht alleine auf dem wackligen Floss. Als wären alle Schurken des Westens wieder auferstanden und hätten sich in nur drei finsteren Gestalten wieder vereint, befinden sie sich nun in der Gesellschaft von Cut Throat Bill, Nigger Pete und Fatty Worth, die genau diese Fähre für ihre Überfälle nutzen. Es kommt wie es kommen muss. Ein Streit, ein Handgemenge, ein toter Großvater, eine kenternde Fähre, Jack, der schwimmend entkommt und drei Mega-Schurken im Besitz einer aufregenden Beute: die 14-jährige Lula.

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

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Jack schafft es mühsam bis ins nächste Kaff und wirft alles in die Waagschale, um seine Schwester zu retten. Allein ist er hilflos und er hat einen einzigen Trumpf, den er nun ausspielt. Er ist zahlungsfähig, da er die Landbesitzurkunde der verkauften Farmen seiner Eltern und seines Großvaters am Leibe trug. Er braucht nur eins, um seine Schwester zu retten. Kopfgeldjäger – und zwar die besten – mutige und skrupellose Revolvermänner, die es mit Cut Throat und seiner Bande aufnehmen können.

Das Schicksal meint es gut mit Jack. Er findet die Besten der Besten. Oder sagen wir… er findet unter den wenigen gerade Verfügbaren die Brauchbaren der Brauchbaren… oder vielleicht eher… Er findet die Einzigen, die gerade eben zufällig Zeit haben… also er findet JEMANDEN. Einen Zwerg namens Shorty, der in jeder freien Minute über den Sinn des Lebens philosophiert, Sterne beobachtet und Bücher von Mark Twain liest. Und natürlich dessen dunkelhäutigen Kumpel Eustace, den Sohn eines Ex-Sklaven. Der wirkt zwar mit seiner monströsen Schrotflinte recht gefährlich, aber zuverlässig ist er nur, wenn er nicht getrunken hat. Also… selten… Die einzige Konstante des Trios scheint Keiler zu sein. Ein rauflustiger und anhänglicher Eber. Richtig gelesen – EBER!

Auf dem Weg ins Dickicht schließen sich ihnen weitere heldenhafte Wegbegleiter an. Die brauchen sie auch zwingend, denn Cut Throat hat sich in seinem Versteck im Unterholz in die Arme seiner ganzen Privatarmee gerettet. So geht sie los, die wilde Jagd durch den wilden Westen. Jack, Shorty, Eustace, Keiler, der harmlose Sheriff Winton, eine geflohene Prostituierte namens Jimmie Sue und der junge Spot… Sie alle gegen eine deutliche Übermacht auf Seiten der Schurken. Ob es ihnen gelingt, Lula zu befreien und was wird das Mädchen durchgemacht haben, sollte sie überhaupt noch leben?

Auf geht´s ins Dickicht. Sattelt Eure Pferde und immer dem Zwerg nach! Ihr erkennt ihn ganz einfach am Pferd mit der Strickleiter an der Seite (wie sollte er auch sonst aufsteigen können). Hoooo Brauner….

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

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Was Joe R. Lansdale dann mit seinen Lesern veranstaltet ist kaum in Worte zu fassen. Ein Mix aus atemloser Spannung, emotionalem Tiefgang (ja – richtig gelesen, man sollte Shorty zuhören, wenn er philosophiert), romantischen Gefühlen im Angesicht von Todesgefahr (Jack wird vielleicht erwachsener, als ihm lieb ist… mit der Prostituierten Jimmie Sue im Sattel… öhm, an der Seite) und aberwitzig lustig in Dialogen und Schilderungen selbst der wildesten Schießereien.

Kostprobe zum Thema Zeugenbefragung:

„Wo hast du denn dieses abgesägte Stück Scheiße und den Nigger her?“

„Wir sind mit der Post gekommen“, sagte Shorty. „Von Sears and Roebuck. In dem Katalog ist eine Photographie von uns. Man kann uns bestellen. Unsere schlechte Laune ist im Lieferumfang inbegriffen. Ich werde dir jetzt eine Reihe einfacher Fragen stellen, und zwischen jeder Frage ziehe ich dir mit der Pistole eins über!“

Oder zum Thema Identifizierung von Opfern:

„Bevor sie aufbrachen schaute sich der Sheriff noch mal genauer an, was von den Toten übrig war, nur für den Fall, dass er jemand kannte, aber dafür hätte er schon einen Steckbrief gebraucht, auf dem der linke Hoden oder die Eingeweide eines Verbrechers abgebildet waren, denn mehr war von denen nicht übrig.“

Das Dickicht von Joe R. Lansdale

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Kommen wir zu den gemischten Gefühlen zurück, die ich eingangs beschrieb. Ich war nass geschwitzt vor Spannung; habe Tränen gelacht vor makabrer Schadenfreude; habe innegehalten bei den tiefen Weltbetrachtungen eines riesigen Zwerges; war mehr als aufgeregt bei jedem tiefen Augenblick, den Jack und Jimmie Sue sich ganz heimlich zugeworfen haben; war sentimental berührt über die Beschreibungen des alten Wilden Westens und habe am Ende geheult wie ein Schlosshund, weil das Schlusskapitel der grandiosen Story die Krone aufsetzt.

Der Western lebt – zumindest, wenn er aus der Feder von Joe. R. Lansdale stammt. Wer sich an Spielfilmserien, wie „Lonesome Dove“ erinnert und diese liebt, der muss „Das Dickicht“ lesen. Wer „Game of Thrones“ verehrt und selbst erleben möchte, wie sich der Zweg Tyrion Lennister mit Colt und Pferd im Wilden Westen behauptet, der muss dieses Buch lesen – dieser Zwerg ist ebenso gigantisch. Ich habe da nicht übertrieben. Schaut mal, wie die Besetzungsentscheidung für die Verfilmung aussieht… hier

Und wer einfach nur in jeder Beziehung bestens unterhalten werden möchte, dem wünsche ich meine gemischten Gefühle. Ich garantiere, dass Shorty die Leserherzen erobern wird, wenn er darüber erzählt, was die wahre Liebe für ihn ist: Jemand der sich nicht scheut, bei Tageslicht Hand in Hand mit einem Liliputaner durch die Straßen einer Stadt zu gehen. Dieser Mann hat Tiefgang ohne Ende! Glauben Sie mir. Aber Sie würden nicht glauben, bei wem er diese Liebe findet.

It`s Western Time bei AstroLibrium

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3 Gedanken zu „Das Dickicht von Joe R. Lansdale – It`s Western Time

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