Der Wald der träumenden Geschichten – Mr. Rail ist weg

Der Wald der träumenden Geschichten von Malcolm McNeill

Der Wald der träumenden Geschichten von Malcolm McNeill

Also, liebe Leser von AstroLibrium, das hier ist jetzt eigentlich nicht meine Aufgabe, aber es bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen zu schreiben. Eigentlich räume ich hier in der kleinen Redaktion ja nur auf, bringe dem Herrn Rail mal was zu Essen und hefte seine Belege ab (wobei das nicht wirklich viele sind). Und eigentlich ist das auch gar nicht viel Arbeit, denn an seine Bücher darf ich nicht ran und seine Notizen sollte man besser auch in Ruhe lassen.

Warum ICH Ihnen heute schreibe, ist mehr als einfach. Herr Rail ist nicht mehr da. Ich weiß nicht, wie ich es besser ausdrücken soll. Er ist weg. Einfach so verschwunden. Und das nicht so, wie man sich ein Verschwinden so vorstellen mag. Er muss völlig nackelig unterwegs sein, denn auf seinem Leseplatz liegt ein Kleiderstapel mit all seinen Sachen, die er gestern Abend noch anhatte. Ja… wirklich alles (sogar sein Schl… – aber das sollte ich für mich behalten). Und überall sind seine Sachen verstreut, ohne die er das Haus nicht verlässt. Uhr, Amulett, Schlüssel, Smartphone, Geldbörse… einfach alles.

Und eine Nachricht hat er nicht hinterlassen. Nur ganz viele Notizen und das Buch, in dem er in den letzten Tagen so tief versunken war, dass man ihn kaum ansprechen konnte. Ja, das wollte ich Ihnen schreiben, denn vielleicht können wir uns gemeinsam auf die Suche machen, da ich ganz ehrlich ein wenig in Sorge um ihn bin. Seine Notizen tragen nicht zu meiner Beruhigung bei. Ganz im Gegenteil und wenn ich Ihnen sage, welches Buch hier vor mir liegt, dann können Sie ja mal überlegen, ob Sie einen Rat für mich haben, denn ich kenne mich da nicht so aus.

Der Wald der träumenden Geschichten von Malcolm McNeill

Der Wald der träumenden Geschichten von Malcolm McNeill

Der Wald der träumenden Geschichten heißt der dicke Wälzer mit dem schönen Buchcover. Geschrieben wurde es wohl von einem gewissen Malcolm McNeill und der Fischer Verlag (KJB) hat es Herrn Rail schon vor einiger Zeit zugeschickt. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er vor lauter Freude durch die Redaktion gehüpft ist. Ja, er konnte sich freuen, wie ein Kind, wenn ein Bücherpaket ankam. Jetzt schreibe ich schon in der Vergangenheitsform – sie merken, wie Tief der Schock über sein Verschwinden sitzt.

Ich denke, ich schreibe Ihnen, was er so alles zu diesem Buch notiert hat, denn seine völlig überraschende Abwesenheit kann nur damit zu tun haben, dass er in den letzten Stunden fast atem- und pausenlos in diesem Buch gelesen und immer wieder kleine Zettel reingeklebt hat. Na – und geschrieben hat er wie ein Irrer. So, als wäre er auf einer Spur. Einer seiner Notizzettel trägt folgenden Inhalt:

Es ist ein Phänomen, auf das ich hier gestoßen bin. Und es betrifft nur Erwachsene – keinesfalls Kinder – und ich bekomme es mit der Angst zu tun, je weiter ich im Buch lese, denn es geht um „DAS VERSCHWINDEN“. So unglaublich es klingt, aber es scheint wirklich so zu sein, dass die größte Krise der Menschheit immer weiter um sich greift und täglich inzwischen tausende von Menschen spurlos verschwinden. Spurlos – und sie tauchen nie wieder auf.“

Der Wald der träumenden Geschichten von Malcolm McNeill

Der Wald der träumenden Geschichten von Malcolm McNeill

Jetzt, wenn ich das lese, wird mir fast schlecht, denn es kann doch kaum ein Zufall sein, dass sich Herr Rail so ganz sang- und klanglos in Luft aufgelöst hat, während er ein solches Buch liest. Aber schauen Sie nur seine weiteren Notizen. Ich fand sie in seinem Rucksack, der natürlich auch völlig trägerlos hier in einer Ecke steht.

Die Menschheit ist in größter Sorge. Das Verschwinden geschieht sogar öffentlich. Leute verschwinden in Zügen oder während der Arbeit, manche sogar vor laufenden Fernsehkameras und die Spekulationen über die Ursachen des Verschwindens füllen die Tageszeitungen – weltweit. Nur gut, dass bisher keine Kinder verschwunden sind, sonst könnte sich, wenn das so weitergeht, die ganze Menschheit in Wohlgefallen auflösen.“

Und weiter schreibt er in seinem Notizbuch, ohne das er das Haus noch nie verlassen hat – ebenso wenig, wie ohne Unterhose… (aber das ist wirklich ein anderes Thema)! Ich bin nun Mal in Sorge.

Die ganze Welt schaut mit bangem Blick auf ein internationales Symposium zur Vorbeugung und Verhinderung des Verschwindens. Wissenschaftler aus allen Ländern versuchen, die Ursachen zu finden und dem Phänomen Einhalt zu gebieten. Doch sogar aus dem Kreis der Gelehrten verschwinden einige, während sie Vorträge zum Thema halten. Die Hoffnung scheint ebenfalls zu schwinden, doch eines Abends taucht im Palast, in dem der Kongress stattfindet, ein Licht auf und erhellt ein einsames Büro – da scheint jemand ununterbrochen zu arbeiten und zu forschen. Da scheint jemand nicht aufgeben zu wollen. Das Licht wird zum Symbol und auch ich schaue gebannt auf das einsame Fenster im Trocadéro-Palast in Paris.“

Der Wald der träumenden Geschichten von Malcolm McNeill

Der Wald der träumenden Geschichten von Malcolm McNeill

Ich kann mich gut an diesen Tag erinnern. Herr Rail lief durch die Redaktion und sagte nur Der Boris schafft das – der hat eine Spur – der weiß, wie alles angefangen hat. Das Licht im Fenster ist das Zeichen für den Aufbruch. Boris ist näher an der Lösung dran, als er vermutet. Denn er…“ ja – und mehr hab ich nicht gehört, weil ich den Staubsauger angemacht habe. Klar… hätte ich mal gewusst, dass ich besser zuhören soll… aber im Nachhinein ist man immer schlauer.

Herr Rail schleppte dann andere Bücher herbei und legte sie neben „Der Wald der träumenden Geschichten“. Märchenbücher und einen Roman über die „84 – Charing Cross Road“… auch darin fand ich Notizen und das Bild eines schlafenden Kindes in einem Bücherregal. Er schrieb:

Boris war klar, dass alles mit dem kleinen Jungen begonnen haben musste. Denn während alle Welt verschwand, war dieser Knabe kurz bevor das Verschwinden begann vor einigen Jahren wie aus dem Nichts in einem Bücherregal aufgetaucht. Und damit musste das Verschwinden auch etwas mit dem Wald zu tun haben. Denn weder der Junge namens MAX MULGAN, noch der geheime Wald waren dem Forscher unbekannt. Er musste nur richtig kombinieren… aber die Zeit lief gegen ihn.“

Der Wald der träumenden Geschichten von Malcolm McNeill

Der Wald der träumenden Geschichten von Malcolm McNeill

Herr Rail war dann während des Lesens immer wie weggetreten. Er lachte und freute sich, weil der junge Max die Liebe zu den Büchern entdeckte und Stunden damit verbrachte, in einem alten Geschichtenbuch über einen geheimnisvollen Wald voller Magie zu lesen. Das hat Herrn Rail fasziniert, wie er mir selbst sagte und doch war er plötzlich sauer und traurig. Sehr traurig sogar, da hat er aufgeschrieben:

Unfassbar, diese Deppen. Nicht die Bücher sind schuld am Verschwinden. Aber das glaubt ja keiner und dann vernichten sie alle Geschichten und Bilder, die für Max und alle Menschen so wichtig sind. Sogar Zeichnungen, Gedichte Musik und Filme werden Opfer der Flammen. Und das Verschwinden geht munter weiter. Kein wunder, dass Max sich auf die Suche nach seiner Herkunft und nach dem Wald der Märchen macht. Und auch kein Wunder, dass er genau die Stelle findet, an der die normale Welt endet und die Welt der Fantasie beginnt. Parallelwelten muss man nur suchen.“

Tja… und da muss der kleine Max dann hin geflüchtet sein, um auf eigene Faust herauszufinden, wo er herkommt und ob er am Verschwinden schuld ist, oder was auch immer der Grund dafür ist. Da habe ich Herrn Rail dann erstmals weinen sehen, beim Lesen in diesem Buch. Und das passiert ihm nur bei ganz großen Geschichten…

Die Begegnung mit Martha im Wald der träumenden Geschichten bricht mir das Herz. Ich sehe den Friedhof vor mir, das kleine Mädchen auf dem leeren Grabstein, darauf wartend, dass jemand diese Stelle besucht, um zu zeigen, dass sie nicht vergessen ist. Eine vergebliche Hoffnung. Gut, dass Max sie einfach mitnimmt… in seinem Herzen und spürbar. Sie findet ihren Platz unter seinem Fingernagel. Ein wundervolles Bild… wie der Schmerz der ersten großen Gefühle… ach Martha…“

Der Wald der träumenden Geschichten von Malcolm McNeill

Der Wald der träumenden Geschichten von Malcolm McNeill

Na jedenfalls dachte ich bis eben, dass Herr Rail ebenfalls verschwunden ist. Auf dem Weg mit Max und Martha, um das Verschwinden zu ergründen und nicht nur alle Bücher dieser Welt, sondern die Welt gleich mit zu retten. Doch dann ruft er aus dem Badezimmer nach einem Handtuch. Baden ist er. Entspannen in der Wanne. Ich hab ihm dann von meiner Sorge erzählt. Vom Verschwinden und so. Und was macht er? Lacht mich hinter verschlossener Tür aus und prustet nur so los:

Wenn Sie das Buch gelesen hätten, dann wüssten Sie, dass ICH nicht verschwinden kann… wobei ich mir bei Ihnen nicht so sicher wäre. Aber Ihre Chancen stehen gut, weil Sie sich gerade ein wenig verändert haben. Durch ein Buch, auch wenn Sie das nicht wahrhaben wollen. Lassen Sie den Artikel, wie er ist. Das klingt lustig. Ich bleibe noch im Wasser und verschwinde dann… hehe…

Aber vergessen Sie nicht, den Leuten zu sagen, dass sie „Der Wald der träumenden Geschichten“ unbedingt lesen sollen. Ein wundervolles Jugendbuch über die wahre Freundschaft, Leidenschaft, über Mut und den Wert der geschriebenen Worte. Eine Geschichte über Liebe und Schmerz, Freude und Verantwortung. Ein großes Bilderbuch der Worte… und nicht zuletzt lebenswichtig für die Menschheit. Es verhindert das Verschwinden… Glaubt mir!“

Also manchmal ist er seltsam, der Herr Rail – ein Büchermensch eben. Ich lass das jetzt so, wie es ist und gehe an meine Arbeit. Aber das Buch hole ich mit. Soll er doch schauen, wie er das Rätsel löst, wohin es verschwunden ist. Ich mag schließlich nicht verduften… Bis bald… Ihre literarische Aushilfskraft… Liebe Grüße, Martha 😉

Der Wald der träumenden Geschichten von Malcolm McNeill - Bald mehr parallele Welten

Der Wald der träumenden Geschichten – Bald mehr parallele Welten

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8 Gedanken zu „Der Wald der träumenden Geschichten – Mr. Rail ist weg

  1. Das Verschwinden des seltsamen Mr. Rail….klingt so, wie ein Titel für eine neue Fallakte der SoKo *gg*
    Liebste Martha, nicht aufregen, die Raily-lose Zeit genießen mit uns und hier für Ordnung sorgen, mehr brauchts nicht 😉 Vielleicht finden sich ja noch mehr Geheimnisse, wer weiß das schon…

    Der Artikel ist auf jeden Fall wunderschön und lädt wieder ein, sich auch in diese Geschichte zu stürzen und auch mal für ein paar Stunden einfach zu verschwinden 🙂

    Liebste Grüße
    Agentin Adlerauge mit Klein-Hanni

    • Also mir fehlt hier nichts… ich habe auch schon die ersten Bücher auf MEINEN Stapel gelegt, aber irgendwann muss ich den Herrn Rail aus dem Bad befreien… wegen Schrumpelhaut und so 😉

      Martha

  2. Bin ich froh, dass der Herr Rail nur in der Badewanne war, aber wo hätte er sonst auch sein können ohne seinen Schl…. 😉 Irgendwie haben sowohl die Stroschers und die Rails in diesen Tagen viel mit Wasser zu tun 😉

  3. Liebe Martha, was für ein toller Artikel! Hast du aber fein vom Herrn Rail gelernt, als du in seinem Fingernagel gelebt hast 🙂 lass ihn nur noch etwas in der Wanne schmoren, wenn er manchmal so frech ist 😀 oder schau lieber mal nach, es zieht so, nicht dass er die Flucht mit der Familie in den Urlaub angetreten hat, und dich in Sicherheit wiegt! 🙂 So nach Motto der…jährige, der aus dem Fenster… 😀

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