Die Akademiemorde – Martin Olczak – Nobelpreis im Visier

Die Akademiemorde - Martin Olczak

Die Akademiemorde – Martin Olczak

Zu Beginn meines Lesesommers hatte ich mir meine literarischen Reiseziele auf der Karte meines Lesens fein säuberlich geografisch markiert, um mir vor Augen zu halten, was mich wo erwartet. Dabei wurde ganz schnell klar, dass es echt gefährlich sein könnte, nach Stockholm zu reisen. Die schwedische Hauptstadt mutiert, wenn man den brillanten skandinavischen Autoren auch nur ansatzweise Glauben schenken darf, innerhalb weniger Wochen zur Krimi-Hochburg Europas.

Und nachdem ich einen erschreckend guten Ausflug in die Welt von Erik Axl Sunds Krähenmädchen gemacht hatte, stockte mir nun der Atem, als ich erfuhr, dass die Polizei in Stockholm erneut von einer unfassbaren Serie von Morden erschüttert wurde. Nur, dass diese Mordserie das gesamte Land in den Fokus der Weltpresse rücken und damit der Druck auf das Ermittlerteam im Gegensatz zum „Krähenmädchen“, in dem ja „lediglich“ illegale Flüchtlingskinder auf bestialische Weise ermordet werden, erheblich steigen würde.

Denn „Die Akademiemorde“ erregen extreme Aufmerksamkeit. Sowohl national, wie auch international ist dieser Anschlag auf den innersten Zirkel der Schwedischen Akademie mit einem Attentat auf die gesamte Weltliteratur gleichzusetzen. Die geheime Taschenbuch-Ermittlungsakte aus der Feder des gebürtigen Stockholmer Autors Martin Olczak, erschienen beim btb-Verlag, liest sich in weiten Teilen wie das „Who is Who“ der Literaturgeschichte. Doch was war geschehen? Welches Verbrechen konnte in seiner Dimension eine solche Schockwelle der Entrüstung verursachen? Nur ein Angriff auf den Literaturnobelpreis war dazu in der Lage!

Die Akademiemorde - Martin Olczak

Die Akademiemorde – Martin Olczak

Doch der Reihe nach.

Er ist schon ein bekanntes Gesicht in der internationalen Literaturszene, jener Hubert Rudqvist. Als ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie obliegt es seiner Verantwortung, einmal im Jahr eine ganz besondere Tür zu öffnen und um Punkt 13:00 Uhr einen Namen zu verkünden: den des neuen Literaturnobelpreisträgers. Die Augen der Bücherwelt hängen dabei an seinen Lippen. Ein einziger Schuss beendet nicht nur das Leben dieser extrem einflussreichen Persönlichkeit. Dieser Schuss stellt gleichzeitig den Startschuss zur aufsehenerregendsten Mordserie in der Geschichte Schwedens dar.

Die eigenartige Mordwaffe allein stellt die Polizei vor die ersten Rätsel. Ein antiker Perkussionsschloss-Revolver muss die uralte Bleikugel abgefeuert haben, die man unweit des Leichnams im Gebüsch findet. Eine Schwarzpulver-Waffe, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchlich war, aber in der heutigen Zeit nur noch als ein Relikt aus der Vergangenheit zu betrachten ist. Claudia Rodriguez von der Zentralen Mordkommission beginnt gerade mit einem eingespielten Team aus erfahrenen Spezialisten, die heiklen Ermittlungen aufzunehmen, als sie realisieren muss, dass sie es mit dem Beginn einer Mordserie zu tun hat.

Bereits einen Tag nach dem kaltblütigen Mord an Hubert Rudqvist werden in Stockholm vier weitere Menschen erschossen. Und der Verdacht, dass es sich hier um den Serienmord aus der Hand eines Täters handeln muss, ist sehr augenscheinlich. Alle Schüsse wurden aus der gleichen Waffe abgefeuert und damit nicht genug: die Toten gehören wie Rudqvist zu einem 18-köpfigen Gremium, das in geheimer Abstimmung den jährlichen Literaturnobelpreisträger festlegt.

Die Akademiemorde - Martin Olczak

Die Akademiemorde – Martin Olczak

Bevor Claudia Rodriguez genau weiß, in welche Richtung sie zu ermitteln hat, wird sie in ihrer Arbeit von mehreren Wellen gleichzeitig überrollt. Das internationale Augenmerk der Weltpresse liegt auf einmal auf Stockholm und alte Machtkämpfe innerhalb der Polizeibehörde brechen auf. Die nackte Angst geht um, sich erneut vor aller Welt zu blamieren, wie beim dem niemals aufgeklärten Mord am schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme. Die junge Polizistin wird rasend schnell zum Spielball internen Drucks und hat dabei doch nur ein Ziel im Auge, das es nun zu verfolgen gilt.

Fünf Angehörige der Schwedischen Akademie sind tot. Fünf brutale Morde gilt es aufzuklären und es scheint nur ein gemeinsames Motiv zu geben. Und wenn dieses Motiv für fünf Morde reicht, dann gilt es jetzt, die noch lebenden restlichen dreizehn Angehörigen der Nobelpreis-Kommission zu beschützen und dabei die Suche nach dem Täter nicht aus den Augen zu verlieren.

Die Mordserie entwickelt sich zum größten Fall, den die schwedische Polizei jemals zu bewältigen hatte. Mit unglaublichem Aufwand und unter Einsatz aller Kräfte und Mittel versucht man die dreizehn Akademie-Angehörigen unter intensiven Schutz zu stellen. Wenn das nur so einfach wäre, wie es klingt… Denn nicht alle befinden sich in Schweden, nicht jeder möchte freiwillig beschützt werden und so entwickelt sich allein die Schutzfrage für die Polizei zum Ritt auf der Rasierklinge.

Die Akademiemorde - Martin Olczak

Die Akademiemorde – Martin Olczak

Als die polizeilichen Ermittlungen fast völlig ins Stocken geraten, entschließt sich Claudia Rodriguez zu einem unkonventionellen Alleingang. Wenn alles mit der Literatur verwoben ist und das Motiv für die Morde nur in dieser elitären Welt zu finden ist, dann muss aus ihrer Sicht ein Literaturexperte her. Ein kluger Mann, der sich nicht nur mit dem Nobelpreis selbst, sondern auch mit den unzähligen Veröffentlichungen der 18 Mitglieder der Kommission auskennt. Vielleicht war hier der Schlüssel zu finden, oder zumindest einer aus dem Wirwarr einer überdimensionierten Schlüsselkiste.

Als alle noch lebenden Mitglieder der Akademie in Sicherheit gewähnt werden und Claudia mit ihrem ehemaligen Geliebten und jetzigen Buchantiquar Leo Dorfmann erste Denkansätze formuliert, geschieht der nächste Mord. Noch zwölf „Akademiker“ bleiben übrig und die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen. Es beginnt ein unglaublicher Wettlauf gegen die Zeit, gegen die Machtintrigen innerhalb der Polizei und um das Leben der Menschen, die es zu beschützen gilt.

Und nicht zuletzt ein Wettlauf gegen den Täter, der seine Morde über Jahre akribisch vorbereitet haben muss, auf jede Eventualität eingestellt ist und wie ein D-Zug auf einem einzigen literarischen Gleis und mit dem Tunnelblick eines Fanatikers auf seine nächsten Opfer zurast. Die Einzigen, die ihn noch stoppen können sind eine Polizistin und ein Büchermensch. Sie entdecken unter dem dichten Geflecht aus  Handlungsfäden ein erstes Muster. Doch kurz vor dem Durchbruch und unter den Augen der Weltpresse werden die beiden von einer internen und externen Monsterwelle erfasst. Die Zeit läuft… und sie läuft unerbittlich…

Die Akademiemorde - Martin Olczak

Die Akademiemorde – Martin Olczak

„Die Akademiemorde“ aus der Feder von Martin Olczak ist ein zutiefst klassischer schwedischer Spitzenthriller, der neben atemloser Spannung auch noch in rasender Vorbeifahrt mit Blaulicht und Sirene die Hintergründe der Literaturnobelpreis-Vergabe transparent macht. Es ist ein zutiefst politischer schwedischer Roman, der einen intensiven Blick in die Polizeiarbeit vor dem Hintergrund des Versagens beim Mord an Olof Palme zeigt. Es ist ein zutiefst literarischer Thriller, der zeigt, was sich in und zwischen den Zeilen von Büchern verborgen hält.

Es ist ein zutiefst psychologischer Thriller der seine Leser mit einer jungen Ermittlerin zusammenschweißt, die man einerseits beschützen möchte, vor der man andererseits auf jeder Seite den Hut zieht. Claudia Rodriguez kämpft ihren eigenen Kampf und sucht sich auf unkonventionelle Art und Weise Unterstützung genau dort, wo sei den Schlüssel zum Motiv vermutet: beim Buchantiquar Leo Dorfmann.

So vergeistigt er auch manchmal erscheinen mag, wenn es jemanden gibt, der einem literarischen Motiv auf die Spur kommen kann, dann er. Und wenn es zwei Menschen gibt, die unter diesen besonderen Umständen am Rand des Abgrundes Gefühle wieder entdecken, die sie einst verbanden. Dann diese beiden. Schwarzpulver trifft auf moderne Technik, aber die größte Hoffnung liegt in der Literatur selbst. LESEN!

Die Akademiemorde - Martin Olczak - Mit einem Klick zur SoKo

Die Akademiemorde – Martin Olczak – Mit einem Klick zur SoKo

Wir haben lesend gemeinsam eine SoKo gebildet. Wir – das sind Sabine, Julia, Anja, Heike und eben ich. (Mit nur einem Klick auf die Namen kommt ihr zu allen Rezensionen, die im Rahmen der SoKo-Ermittlungen entstanden sind). Wir haben uns in fast jeder freien Minute in unserem Konferenzraum in einer offenen Facebook-Gruppe ausgetauscht und gefachsimpelt. Sind allen Hinweisen zum Täter gefolgt, haben die Spuren an den Tatorten gesichert, es wurde sogar ein Video zum Thema Perkussionsschloss gedreht und nun am Ende des Lesens werden wir auf all unseren Kanälen berichten.

Das Urteil über „Die Akademiemorde“ ist einstimmig. Vor diesem Thriller muss man niemanden warnen, er ist plausibel, hochspannend, nicht grenzenlos grausam in seinen Beschreibungen und wirkt nachhaltig. „Die Akademiemorde“ sind toll konstruiert und voller überraschender Wendungen bis sich der letzte Schuss löst. Ein abgeschlossener Fall liegt uns nun vor. Nach Stockholm muss ich jedoch zurück, da es der Polizei bisher nicht gelungen ist, das arme „Krähenmädchen“ zu finden. Schweden, ich eile. Aber diesen literarischen Akademie-Thriller werde ich so schnell bestimmt nicht vergessen. Sicher nicht…

Spätestens, wenn sich im Oktober eine Tür in Stockholm öffnet und der ständige Sekretär der Schwedischen Akademie einen Namen verkündet, dann werden Leser der „Akademiemorde“ den Atem betroffen anhalten und auf die ersten Schüsse warten. Das Schwarzpulver aus diesem Thriller wird noch lange an unseren Lesezeichen haften bleiben.

Die Akademiemorde - Martin Olczak - Fall gelöst

Die Akademiemorde – Martin Olczak – Fall gelöst

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8 Gedanken zu „Die Akademiemorde – Martin Olczak – Nobelpreis im Visier

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  2. Lieber Arndt, ich habe gerade eine Gänsehaut! Eine wundervolle Rezension! Und ich habe so verdammt oft genickt… Das trifft es wirklich auf den Punkt und ich finde, dieses Buch sollte mehr Aufmerksamkeit bekommen! Es ist was Besonderes in der Landschaft der anderen Thriller. Aus Gründen, die Du hier wirklich sehr gezielt anmerkst! Toll!

    Und toll auch, dass die Zusammenarbeit in der SoKo so harmonisch von Statten ging 😉 Ich denke, das ein oder andere Ermittlerteam schielt recht neidisch auf uns 😉

    Liebe Grüße
    Bine
    aka Adlerauge 😉

    • Danke für die Gänsehautworte… das gemeinsame Lesen in der SoKo war ein Erlebnis für mich und verlief deutlich reibungsloser, als die Ermittlungen im Roman… Das hat so viel Freude bereitet und ich bin mehr als froh, dass wir für weitere Bücher so zusammen bleiben.

      Dem Thriller haben wir dadurch auch viel Aufmerksamkeit geschenkt, denn viele haben die Beiträge in der SoKo mitgelesen und nun folgen unsere Rezensionen. Und genau das hat es sich verdient 😉

      Freue mich auf eure Texte und Erlebnisberichte zum Buch 😉

  3. Arndt, meine Rezi ist jetzt auch im Kasten – morgen kommt sie raus – daher habe ich endlich deine gelesen…Sehr gut beschrieben…wirklich einbe Weltklassebuch für mich und des Themas würdig. Ich hoffe, unsere SOKO hilft dem Thriller, der seltsamerweise die Bezeichnung „Roman“ trägt, zu einer größeren Aufmerksamkeit!

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