Das Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein

Im großen Krieg - Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein

Im großen Krieg – Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein

Einhundert Jahre sind vergangen seit jenem sogenannten „Augusterlebnis“, von dem in so vielen Publikationen über die Aufbruchsstimmung im Deutschen Kaiserreich zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 die Rede ist. Schlagworte wie „Weihnachten sind wir wieder daheim“, mit dem fatalen Schriftzug „Auf geht`s nach Paris“ versehene Militärzüge und blitzende Truppenparaden der ins Feld ziehenden Soldaten suggerieren uns noch heute eine Kriegseuphorie, die einer genauen Betrachtung nicht standhalten kann.

Allzu unterschiedlich reagierten Akademiker, Künstler, das Bildungsbürgertum und die Arbeiterschaft auf den vom Zaun gebrochenen Krieg um die Vormachtstellung in Europa. Unbestreitbar ist jedoch, dass „Der Geist von 1914“ spürbar war. Kriegshetze, Propaganda gegen den „Erbfeind“ und stolze Rufe zu den Fahnen erklangen in all den Ländern, die durch die Schüsse von Sarajewo, einem Dominoeffekt vergleichbar, in gegenseitige Bündnisverpflichtungen katapultiert wurden.

Einhundert Jahre sind vergangen und es scheint aufgearbeitet, was aufgearbeitet werden konnte. Zeitzeugen der technisierten Feldschlachten leben schon lange nicht mehr und die bruchstückhaften Nachlässe der Kriegsbeteiligten sind wissenschaftlich bewertet, publiziert, zu Dokumentationen in jeglicher Form verarbeitet und dem Leser oder Zuschauer allumfassend zugänglich. Das Lebenswerk von Ernst Jünger steht hierfür ebenso exemplarisch, wie die gerade ausgestrahlte ARTE-TV-Dokumentation und das Gesamtprojekt „14 Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ mit Begleitbuch. Der 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs 1914 hat allein in diesem Jahr zu einer Flut an Publikationen vom Sachbuch bis hin zum Roman geführt, die eigentlich von nur wenigen historisch wertvollen Überraschungen geprägt waren.

Im großen Krieg - Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein

Im großen Krieg – Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein

Man muss es schon fast als journalistische Sensation bezeichnen, dass es doch noch gelungen ist, eine komplexe und umfassende Darstellung des Ersten Weltkrieges aus Sicht eines einzelnen Soldaten ans Tageslicht zu bringen. 90 Jahre nach Ausbruch des Krieges tauchten zehn vollständige Fotoalben bei einem bayerischen Militaria-Händler auf. 1000 völlig unbekannte Fotografien aus einer Hand, aus einer Perspektive, alle mit einem Fotoapparat aufgenommen, zeigen fast den gesamten Kriegsverlauf. Ein Bildschatz, der den Start einer umfangreichen Recherche darstellte, denn der Name des deutschen Soldaten führte zu seinen Nachfahren.

Fritz Rümmelein. Mehr als diesen Namen kannte der Geschichtsredakteur der „Bild“, Ralf Georg Reuth, nicht als er sich auf die Suche nach den noch lebenden Verwandten des Mannes begab, der mit seinen 1000 Bildern einen ganz individuellen Blick auf den Ersten Weltkrieg ermöglichte. Vielleicht war noch mehr zu finden. Und tatsächlich wurde zusammengeführt, was seit mehr als 90 Jahren voneinander getrennt war. Es fanden sich zahlreiche vollgeschriebene Kladden, bündelweise Feldpostbriefe an die Heimat, Karten und Ausrüstungsgegenstände des hoch dekorierten Offiziers.

Eine lebendige Schatzkiste – der komplette Nachlass eines Frontsoldaten ermöglichte es den Wissenschaftlern von heute erstmals seit unzähligen Jahren einen vollständigen und umfassenden Blick auf einen Krieg zu werfen, der für uns zwar Geschichte ist, aus dem aber der Nährboden des noch viel schrecklicheren Krieges entsprang. Wenn wir Geschichte bewerten, dann liegen die Ursachen der heutigen Konflikte in den Fehlern der Sieger nach dem Kriegsende 1918 begründet.

Im großen Krieg - Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein

Im großen Krieg – Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein

Vier Jahre zermalmender Überlebenskampf, 1653 Einsatztage im Zeitraum von 1914 bis 1918, den Schwerpunkt davon an der Westfront, minutiöse Aufzeichnungen, Briefe nach Hause, persönliche Bewertungen, detaillierte Schilderungen von Kämpfen und deutliche Hinweise auf den Menschen unter der Uniform – all dies lag nun greifbar vor dem Historiker. Mit wem hatte er es zu tun – wer war dieser Fritz Rümmelein?

Er war ein aus gut situierten Verhältnissen stammender Sohn eines Holzhändlers aus Zwiesel. Ein kaisertreuer junger Gymnasiast, der sich im Alter von knapp 19 Jahren freiwillig meldet. Bereits am 2. August 1914, also pünktlich zum Kriegsausbruch beginnt seine kurze aber harte Grundausbildung und schon im Oktober 1914 wird er erstmals mit seiner Einheit in der französischen Champagne in die Schlacht geworfen. Und dies alles erst, nachdem der Vater eine (damals übliche) Erklärung unterzeichnet hatte, die besagte, dass er während der Dienstzeit seines Sohnes für Kosten, Ausrüstung und Unterkunft zu bezahlen gewillt sei! Der junge Soldat jedoch sieht fortan nur noch seine eigene neue grausame Welt.

Vom ersten Moment an fotografiert er „seinen“ Krieg, schreibt „sein“ Tagebuch und berichtet in „seinen“ Feldpostbriefen vom Alltag an der Front.

Im großen Krieg - Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein

Im großen Krieg – Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein

Rümmelein zeichnet dabei kein heroisches Bild, sondern zeigt in Wort und Bild den gnadenlosen Alltag im Schützengraben. Für sich selbst hält er alles fest und er scheint den Schrecken ertragen zu können. Deshalb sind auch die Fotos aus diesen Jahren aus heutiger Sicht von unschätzbarem Wert, will man in das Seelenleben der Soldaten von einst blicken.

Müde und abgekämpft, demoralisiert, euphorisiert, nachdenklich, matt, andächtig blicken sie den Betrachter an, die Augen der Kameraden von Fritz Rümmelein. Keine Propagandabilder, keine geschönten Aufnahmen. Nie zuvor ist dem Betrachter und Leser der grausame Krieg dieser Jahre näher vor Augen geführt worden.

Dies alles erzählt seine Geschichte, schildert seine Wahrnehmung und doch stehen die Erlebnisse von Leutnant Fritz Rümmelein stellvertretend für eine in Granaten und Gas ausgelöschte Generation auf allen Seiten der kriegsbeteiligten Nationen. Seine Worte sind einfach. Rümmelein ist kein Schriftsteller. Er ist Chronist seines eigenen Lebens. Er möchte sich selbst verstehen und darum verstehen wir ihn heute. Seinen Bildern und seinem Tonfall merkt man den situativen Kontext an, in dem alles entstand.

Im großen Krieg - Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein

Im großen Krieg – Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein

Verdun und Cambrai… Nur zwei der vielen Stationen seines Einsatzes. Und doch lässt sich an ihnen ermessen, was es bedeutete, damals für den Kaiser, oder wen auch immer, ins „Feld der Ehre“ zu ziehen. 1917 liegt er im Nachbarschützengraben eines bekannteren Diaristen jener Tage. Zwei junge Offiziere, deren Wege unterschiedlicher nicht sein könnten, versuchen Seite an Seite die Vorstöße ihrer Gegner abzuwehren. Die Leutnante Fritz Rümmelein und Ernst Jünger schrieben Geschichte. Sie schrieben sie selbst, wobei Fritz Rümmelein niemals die Chance haben sollte, seine Erlebnisse zu überarbeiten, oder sie jemals zu veröffentlichen.

Ausgezeichnet mit dem höchsten Orden des Kaiserreichs, dem „Pour le Mérite“, wird er zum Opfer einer britischen Artillerie-Granate. Sie tötet ihn in der Nacht des 3. Novembers 1918 bei Orsinval, vierzig Kilometer östlich von Cambrai. Hoffnungslos und sinnlos, so auch dieses Sterben im Kampf um wenig Raumgewinn. Verzweifelt war sein Einsatz und sicherlich tapfer. Das kann man ihm nicht nehmen.

Und doch setzt Fritz Rümmelein nicht dem Krieg oder sich selbst ein Denkmal. Wer seine Zeilen liest, seine Bilder betrachtet und seinen Weg verfolgt, der findet kein Pathos. Der findet nur die Ethik des einfachen Mannes, der vor 100 Jahren sein Leben in einem Krieg gab, der heute überwunden ist. Ihm heute von Europa zu erzählen, ihm zu zeigen, was in diesen 100 Jahren geschehen ist und wo wir heute stehen… Das wäre einerseits ein Traum, verstehen könnte er das nicht.

Im großen Krieg - Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein

Im großen Krieg – Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein

Im Zinksarg kommt er nach Hause. Seinen Nachlass trägt er bei sich. Seine Fotoalben gehen ihren eigenen Weg und heute gelingt es, dieses eine Leben historisch präzise und menschlich authentisch nachzuzeichnen. Die Komplexität des Nachlasses lässt keinen Raum für Interpretation. Fritz Rümmelein hat sich selbst nicht interpretiert, oder gar überhöht. Das macht seinen Nachlass und auch die Aufarbeitung und Zusammenführung aller Dokumente so einzigartig.

Im großen Krieg – Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein von Ralf Georg Reuth ist gerade im Piper Verlag erschienen und schlägt eine Brücke vom Kriegsbeginn 1914 bis in die heutige Zeit. Großartig aufgearbeitet mit Kartenmaterial, Bildern und Begleittexten stellt dieses Buch einen Meilenstein der Literatur „GEGEN“ den Ersten Weltkrieg im Besonderen und „GEGEN“ Kriege im Allgemeinen dar. Ich war tief beeindruckt von den Übereinstimmungen zwischen Rümmelein und Jünger aus den gemeinsamen  Tagen in der Schlacht vor Cambrai.

Journalistisch belegen Zweitquellen den Wahrheitsgehalt der Primärquelle.

In Verbindung mit dem Kriegstagebuch Ernst Jüngers, den Feldpostbriefen und dem Roman In Stahlgewittern lässt sich hier Literaturwissenschaft, Recherche und Quellenforschung im Kleinen betreiben. Eine Forschung aus der die heutige Generation lernen sollte, wie auch mein Artikel Weihnachten sind wir wieder da – Die ewigen Stimmen aus Verdun zeigen kann.

In journalistischer Zusammenarbeit zwischen Piper Verlag, „Bild“ und N24 entstand eine „trimediale“ Dokumentation aus Buch, täglicher Printserie in der BILD-Zeitung, Online-Spezial und Fernsehdokumentation. N24 zeigte am Mittwoch, 6. August 2014, um 20:05 Uhr das Doku-Spezial von Ralf Georg Reuth (BILD) und Carsten Hädler und präsentiert es auf seinen digitalen Plattformen und der Mediathek.

Sehenswert – Lesenswert – Verstehenswert – Denkenswert.

Im großen Krieg - Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein

Im großen Krieg – Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein

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4 Gedanken zu „Das Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein

  1. Ich hab mir jetzt die Dokumentation in der Mediathek angeschaut und fand sie in weiten Teilen ein wenig hölzern. Informativ, aber da hätte man mehr draus machen können. Die Geschichte, die dahinter steckt ist interessant. Und die Buchvorstellung mit den Hintergründen hier ist alles andere als hölzern. Habe auch die Artikel zu Ernst Jünger gelesen und denke dass ich mich in den Ferien mal in Rümmelein reinlesen werde. Bis demnächst, Sebi

  2. Danke dasüfr, dass ich nicht hölzern bin. Die Doku war für mich sehr interessant, weil sie dch noch einige Hintergründe beleuchtete, die bisher im Hintergrund lagen. Die „Experten“, die zu Wort kamen waren wirklich mehr als hölzern. Einzig der Buchautor selbst war sehr authentisch, weil man ihm anmerkte, dass das genau sein Thema ist.

    Alles in Allem sagt mir das Buch deutlich mehr zu….

  3. Pingback: Weihnachten sind wir wieder da – Die ewigen Stimmen aus Verdun | AstroLibrium

  4. Pingback: “Schlump” – Ein verbranntes Buch kehrt zurück | AstroLibrium

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