Wo ein bisschen Zeit ist – Emil Ostrovski auf Sinnsuche

Wo ein bisschen Zeit ist von Emil Ostrovski

Wo ein bisschen Zeit ist von Emil Ostrovski

Ich sehe sie schon vor mir. Die vielfältigen, facettenreichen und wohldurchdachten Kritiken und Rezensionen zum Jugendbuch Wo ein bisschen Zeit ist von Emil Ostrovski (soeben erschienen bei Fischer FJB). Ich sehe sie schon genau vor mir, von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt und ganz viel Stimmung genau in der Mitte. Ich weiß schon jetzt ziemlich sicher, dass dieses Buch polarisieren wird und keine in sich geschlossene Fangemeinde erobern kann. Und genau hier liegt die verborgene Stärke des eigenwilligen Romans.

Der Plot ist schnell auf den Punkt gebracht. 18-jähriger junger Vater entführt leiblichen Sohn aus der Klinik, nachdem seine Ex-Freundin und Mutter des Kindes das Baby zur Adoption freigegeben hat. Vater findet in bestem Freund geeigneten Fluchthelfer mit Auto und macht sich auf den Weg zur dementen Großmutter, um ihr wenigstens einmal den eigenen Sohn zu zeigen. Und all dies nicht, ohne vorher auch die Mutter des Kindes ins Auto zu packen, weil die sich auch nicht mehr sicher ist, was die Adoption betrifft. Drei Jugendliche – ein Baby namens Sokrates und eine Reise zu einer Oma, die im Vergessen versinkt. Das klingt in sich bereits spannend… ABER…

Zwei literarische Kardinalfehler nehmen dem ambitionierten Werk schon vor Beginn der eigentlichen Lesereise gänzlich die Spannung – sollte man meinen. Der Klappentext formuliert, was Klappentexte nie tun sollten: „Am Ende wird alles gut. Jack bekommt Besuchsrecht, das Baby Sokrates bekommt einen richtigen Namen und sie finden fast den Sinn des Lebens“. Warum lesen, wenn der Klappentext und die Buchinfo auf der Verlagsseite das Ende vorwegnehmen? Und wenn dann auch noch das erste kleine Kapitel alle Hoffnung auf ein gemeinsames Leben zwischen Vater und Sohn zunichte macht… Wo liegt dann der Sinn des Lesens?

Wo ein bisschen Zeit ist von Emil Ostrovski

Wo ein bisschen Zeit ist von Emil Ostrovski

Vielleicht genau da! Vielleicht liegt genau in diesem Detail, dass es in Wirklichkeit in dem Roman gar nicht darum geht, ob Vater und Sohn ein gemeinsames Leben führen können, das wahre Geheimnis von „Wo ein bisschen Zeit ist“ verborgen. Kommen Euch solche scheinbar vergebliche Reisen auf dem Weg zum Erwachsenwerden nicht bekannt vor? Wart Ihr nie Teil der Gefährten und habt mit Frodo Beutlin tausende von Seiten verbracht, nur um den „Einen Ring“ am Ende loszuwerden? Und war dieses Ziel nicht schon auf den ersten Seiten bekannt?

Wart Ihr niemals gemeinsam mit Luke Skywalker unterwegs, nur um nach gefühlten hundert Stunden Film oder Roman zu erfahren, dass es keine Zukunft mit seinem Vater geben kann? Habt Ihr niemals Hogwarts besucht ohne zu ahnen, dass es niemals darum gehen wird, ob Harry Potter jemals ein großer Zauberer wird und seine lieben Eltern wiederfindet? Wart Ihr noch nie an Bord der Pequod und habt an der Seite von Kapitän Ahab den weißen Wal Moby Dick gejagt – ohne dabei zu ahnen, dass es gar nicht darum geht, ob der Wal gefangen wird?

Ihr kennt sie genau, diese großen Destinationsgeschichten, die sich in ihrem Kern nur damit beschäftigen, wie sich der ans Herz gewachsene Protagonist angesichts der drohenden Verluste bewährt und wie er sich entwickelt. Endlos könnte ich die Liste dieser Romane fortsetzen und ganz am Anfang der Chronologie kommt man in der griechischen Mythologie an, nur um festzustellen, dass es auch hier nur darum geht, die einsamen Helden ganz genau zu betrachten. Sie beim Scheitern zu beobachten und sie trotzdem zu bewundern, wie sie dabei über sich hinauswachsen.

Wo ein bisschen Zeit ist von Emil Ostrovski

Wo ein bisschen Zeit ist von Emil Ostrovski

Dieser Roman ist ein „Trojanisches Pferd“. Im wahrsten Sinne des Wortes ist er das, und aus dieser Perspektive heraus sollte man ihn lesen, genießen und rezensieren. Denn diese Erkenntnis entsteht nicht zufällig. Emil Ostrovski legt seinen Lesern genau diese Bilder ans Herz. Seine zahlreichen und gut dosierten Anspielungen auf diese traditionellen und klassischen Entwicklungsgeschichten sind nicht zu überlesen.

Sein Protagonist Jack Polovsky stolpert scheinbar volljährig durch dieses erste große Abenteuer seines jungen Lebens. Zukunftsangt und Selbstzweifel waren schuld daran, dass er seiner Freundin sofort zur Abtreibung riet, als sie ihn mit ihrer Schwangerschaft konfrontierte. Er fühlte sich zu jung und zu unfähig, die Rolle eines Vaters anzunehmen. Und doch will er seinen Sohn einmal sehen, bevor er dann zur Adoption freigegeben wird.

Und genau in diesem Moment wird aus der grauen Theorie seiner Vorbilder das wahre Leben für den philosophiebegeisterten Jungvater. Er schnappt sich seinen Sohn und macht sich vom Acker, um dann auf seinem persönlichen Weg herauszufinden, wo der Sinn des Lebens zu finden ist. Nicht zufällig nennt er das Neugeborene „Sokrates“ und ebenso wenig zufällig verstrickt er sich mit seinem Sprössling in fiktive Gespräche über Gott und die Welt – oder über Götter und die Welten!

Wo ein bisschen Zeit ist von Emil Ostrovski

Wo ein bisschen Zeit ist von Emil Ostrovski

Die Polizei auf den Fersen, den besten Freund und die Ex-Freundin und Mutter von Sokrates im alten Pickup geht es los. Und natürlich Sokrates, der seinen Vater schnell an den Rand der Verzweiflung bringt. Der Beginn der Reise: Bangor-Maine (Oh mein Gott – wie viele Romane von Stephen King spielen dort?) und über viele Etappen geht es dann nach Clifford – New York. Auch kein Zufall, der erste Halt in Troja.

Richtig gelesen… Troja. So wie jedes Land inzwischen ein eigenes kleines Troja hat, so hat auch jeder Mensch seine uneinnehmbaren Mauern. Scheinbar jedenfalls, denn so wie im klassischen Vorbild warten wir nur darauf, dass uns irgendjemand ein Trojanisches Pferd in den Hof stellt und wir völlig ungeschützt Opfer dieser List werden. Sokrates ist der Trojaner für den jungen Vater. Er erobert ihn und wirft alle Fragen dieser Welt auf. Wo kommen wir her, wo gehen wir hin, was sind wir, was macht die Zeit und warum scheitern wir an uns selbst? Was ist das Universum und können wir es verändern?

Antworten entstehen in Gesprächen, Einsichten entwickeln sich in Ereignissen und der aberwitzige Rahmen des Road Trips mit Momenten intensiver Situationskomik lässt diese tiefen Einsichten manchmal wie Fremdkörper erscheinen. Das sind sie auch. Im wahren Leben werden wir von solchen Fragen auch immer nur dann überfallen, wenn wir es am Wenigsten erwarten und brauchen können. Die Erkenntnisse sind jedoch jeweils grandios: Hinter bloßen Fassaden verbergen sich wahre Freunde und aus schier unüberwindlichen Hindernissen werden Chancen. Man wächst an seinen Aufgaben.

Wo ein bisschen Zeit ist von Emil Ostrovski

Wo ein bisschen Zeit ist von Emil Ostrovski

Genau hier schließt sich der Kreis zu all den großen Romanen über das persönliche Scheitern und den Kampf gegen die Unmöglichkeit der Aufgabe. Tania Blixen erlebt ihr Troja „Jenseits von Afrika“ und in keinem anderen Roman wird dieser Ort so sehr zur Metapher für den eigenen Untergang und das Erstarken angesichts drohender Verluste. „Wo ein bisschen Zeit ist“ reiht sich auf wundersame Weise in diese Phalanx wichtiger Romane ein. Das merkt man spätestens in dem Moment, als das flüchtige Quartett vom Auto auf eine kleine Yacht umsteigt. Na – und die heißt natürlich „Pequod“!

Dieser Jugendroman ist wie das richtige Leben. Er liest sich nicht flüssig, sondern besticht durch sein „Stop and Go“ aus Komik, Tragödie und Lebensphilosophie. Die Ausflüge in die Mythologie und die Suche nach dem Sinn des Lebens sind keine leichte Kost und auch die aberwitzig lustigen Momente im Buch verleiten zum Abtauchen, da sie mehr verbergen, als man beim ersten Lachen wahrhaben möchte. Ihr werdet es merken, wenn Euch das Schicksal in Form von „M&Ms“ begegnet.

Das Ende scheint bekannt. Aber wie bereits erwähnt, um dieses Ende geht es nicht. „Wo ein bisschen Zeit ist“ sollten sich Leser ein wenig Zeit für diesen Roman nehmen. Jugendliche werden ihn völlig anders lesen, als Erwachsene. Erfahrungen lassen sich im gemeinsamen Dialog verbinden und Metaphern werden durch den Meinungsaustausch greifbar. Ein Buch, das zum intensiven Dialog einlädt. Ein All-Age-Jugendroman, der wie ein Trojanisches Pferd in Euer Innerstes einbricht. Lasst Euch erobern!

Wo ein bisschen Zeit ist von Emil Ostrovski

Wo ein bisschen Zeit ist von Emil Ostrovski

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4 Gedanken zu „Wo ein bisschen Zeit ist – Emil Ostrovski auf Sinnsuche

  1. Pingback: Die Karte meines Lesens – Mr. Rail als Buch-Kartograph | AstroLibrium

  2. Da sage ich einfach mal „Hut ab“. Ich habe den Roman vor drei Tagen beendet und empfand einiges daran als absolut störend und irgendwie fremd. Ich kann nicht sagen, dass ich das Buch mag. Aber es von dieser Seite zu betrachten, wie es hier zu lesen ist, gibt mir zu denken. Angefangen vom Spannungsbogen, der weg war, bis zu den Anspielungen auf die Klassiker und die Fragen nach dem Sinn des Lebens, alles ist mir in dieser Besprechung viel klarer geworden. Dialog, schreiben Sie! Ein Buch für den Dialog. Dem stimme ich jetzt zu. Danke sehr.

    • Vielen Dank für deine aufschlussreichen Worte. Es geht für mich nicht imme darum, ein Buch spontan zu mögen, oder es zu verbannen. Liebe entwickelt sich langsam und Zuneigung benötigt oftmals auch den zweiten Blick.

      Ich schreibe meine Rezensionen nicht aus der spontanen ersten Sicht heraus, sondern gebe der Liebe zum Buch eine Chance…

      Darüber reden hilft enorm… 😉

  3. In der Hoffnung, dass der Autor nicht meine ganze Stadt abbrennt, werde ich das Trojanische Pferd mal reinziehen. Wehe, wenn dann nur noch Reste von mir übrig sind 😉

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