Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

Eigentlich sagt man ja immer „Alle Wege führen nach Rom“. Wenn man sich jedoch die Geschichte des Holocaust genauer anschaut, dann muss man dieses Zitat zumindest für dunkle Zeit der systematischen Verfolgung jüdischer Menschen im Machtbereich der Nationalsozialisten in den Jahren 1939 bis 1945 deutlich umformulieren. „Fast alle Wege führten nach Auschwitz“.

Wie im Zentrum eines riesigen Spinnennetzes wartete die größte Vernichtungsanlage menschlichen Lebens auf die zahllosen Opfer, die mit Transportzügen in das von den Nazis besetzte Polen deportiert wurden. Während die Schornsteine der Krematorien den Himmel pausenlos mit menschlichem Rauch verdunkelten, trennten die Selektionen an der Rampe Familien und Freunde voneinander. Sofortiger Mord in den Gaskammern oder kurzer Aufschub in Zwangsarbeit und Hunger, diese beiden Wege blieben am Ende.

Die Auslöschung allen menschlichen Lebens war die erklärte Absicht der Nazis. Die Endlösung war das Ziel und Auschwitz einer der vielen Erfüllungsgehilfen. Juden, Roma, Behinderte, Homosexuelle, politische Gegner oder Kriegsgefangene – die Liste lässt sich fast endlos fortsetzen, so wie der Strom der Vieh- und Güterwagen, die Auschwitz in diesen Jahren erreichten. Der Schlachthof der Nazis verschlang die Opfer der Ideologie und des Rassenwahns. Und niemand will etwas geahnt oder gewusst haben. So die Legende der Sprachlosen.

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1) – Drei Hände verändern die Welt

Betrachtet man den Holocaust aus heutiger Sicht, dann taucht immer wieder die Frage auf, wie man dies hätte verhindern können, und ob es nicht Wege gab, wenigstens einige Menschenleben zu retten. Viele bekannte, aber auch leider allzu oft unbesungene Helden des Widerstandes haben Übermenschliches geleistet, um der Unmenschlichkeit die Stirn zu bieten.

„Wer ein einziges Leben rettet, der rettet ein ganzes Volk“ – dieses Zitat aus dem Talmud zeigt in jeder Dimension die Auswirkungen jeder Form von Widerstand bis in die heutige Zeit.

Reisen wir doch gemeinsam in der Zeit zurück, um ein solches Beispiel greifbar zu machen und zu erkennen, welche direkten und indirekten Auswirkungen Zivilcourage haben kann. Begeben wir uns in die belgische Stadt Mechelen des Jahres 1942 und durchschreiten wir gemeinsam die gut bewachten Tore einer stillgelegten Kaserne, die zu einem schrecklichen Durchgangslager der Nazis umfunktioniert wurde.

Die „Kazerne Dossin“ – vorletzte Station auf dem Leidensweg tausender Menschen jüdischen Glaubens. Sammelstelle für all jene, die schon enteignet und entrechtet waren, bevor sie hier ankamen. Endstation in Belgien vor einer ungewissen Reise mit einem Ziel, das nur die Besatzer sehr genau kannten. Auschwitz. Hier wurden Transportlisten erstellt, Namen sauber und akribisch notiert und festgehalten. Unzählige Namen wurden hier zum letzten Mal niedergeschrieben… Eine letzte Spur…

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1) – Zahlen des Grauens

Aus Mechelen wurden zwischen 1942 und 1945 mehr als 25000 Juden und ungefähr 400 Roma in die schreckliche Vernichtungsfabrik Auschwitz deportiert. 28 Eisenbahn-Transporte wurden hier zusammengestellt. Endlose Transportlisten dokumentieren, wer zu welchem Zeitpunkt in Mechelen ankam, wie lange man dort bleiben musste, bis einer der Transporte vollzählig und ausgelastet war und wann die letzte Reise nach Polen begann.

16000 Namen wurden in der „Kazerne Dossin“ zum letzten Mal erwähnt. Nach ihrer Ankunft im Vernichtungslager Auschwitz wurden sie sofort in den Gaskammern für immer ausgelöscht. Sie fanden noch nicht einmal den Weg in die Aufnahmelisten des Lagers. Der Tag ihrer Ankunft war der Tag ihres Todes. Namenlos zu diesem Zeitpunkt.

Die Übrigen? Selektiert an der Rampe, von ihren Kindern und Frauen getrennt, zumeist Männer, durch das Tor mit der makabren Aufschrift „Arbeit macht frei“ ins Lager getrieben und dort an den Folgen von Zwangsarbeit und Unterernährung gestorben oder nach weiteren Selektionen in den Gaskammern ermordet.

1000 Deportierte überlebten den Holocaust. 1000 von mehr als 25000 Menschen, die allein aus Mechelen nach Auschwitz deportiert wurden.

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

In Auschwitz selbst gab es keine Chance mehr auf Rettung. Dies war auch den wenigen organisierten Widerstandskämpfern in Belgien bewusst. Wenn man wirklich etwas unternehmen wollte, dann durch ganz kleine Nadelstiche oder sehr gut geplante Aktionen. Die Risiken waren enorm und doch wagten es immer wieder einige der „Rebellen“, den tödlichen Kreislauf der Deportation zu unterbrechen.

Schlimme Nachrichten aus dem Übergangslager drangen vermehrt nach draußen. Menschenunwürdige hygienische Zustände, die bohrende Ungewissheit über die Zukunft und die mangelhafte Ernährung während der oft mehrmonatigen Wartezeit auf den Tag des Transports ließen aus dem Übergangslager eine schreckliche Vorhölle werden. Die Schulfreunde Youra Lichwitz, Jean Franklemon und Robert Maistreau schmiedeten einen Plan, um zumindest einige der Opfer zu befreien.

Ihr Ziel: Ein Deportationstransport. Ihre Absicht: Ihn auf freier Strecke zum Halt zwingen und die Türen der Güterwagen öffnen. Ihre Chancen: Gering.

Stille Rebellen – Der Überfall auf den 20. Deportationszug nach Auschwitz von Marion Schreiber (Aufbau Verlag) protokolliert nicht nur die Ereignisse, die zu diesem Himmelfahrtskommando führten. Die Autorin beschreibt das Belgien zur Zeit der Nazis, geht auf Einzelschicksale der verfolgten Menschen ein und schildert den verzweifelten Überfall der drei jungen Männer auf den Todeszug.

Das Mechelen Dossier (Teil 1) - Charles war im Zug (Bild: Peggy Steike)

Das Mechelen Dossier (Teil 1) – Charles war im Zug (Bild: Peggy Steike)

Mit einer roten Signallampe schafften sie es tatsächlich, den Zug zu stoppen und unter dem Beschuss der Wachmannschaft legten sich drei Hände auf die massiven Türen der Viehwaggons und schoben sie auf. Die Zeit reichte nicht aus, um alle 40 Waggons zu öffnen. Sie reichte nicht aus, um den 1618 Insassen einen Weg in die Freiheit zu bahnen. Die Zeit reichte nicht aus, in die Gesichter dieser Menschen zu schauen, die aus dem Waggon stolperten und um ihr Leben rannten.

17 Frauen und Männer verdanken den „stillen Rebellen“ unmittelbar ihr Leben. Weitere 225 Menschen konnten sich in der Verwirrung der Schusswechsel rund um den stehenden Zug selbst befreien und fliehen. Nur… ist man versucht zu sagen. Nur… doch erinnern wir uns an dieses Zitat: “Wer ein einziges Leben rettet, der rettet ein ganzes Volk”, dann können wir die Dimension der Rettungsaktion ermessen.

Dem Buch liegen die Transportlisten dieses 20. Todestransportes nach Auschwitz bei. Man kann nicht anders, als alle Namen zu lesen, Familien vor sich zu sehen, alte Menschen, Frauen, Männer und Babys. Man kann wirklich nicht anders, als sich das tausendfache Unglück vor Augen zu halten und plötzlich stößt man auf Namen und Geschichten, die man an Bord dieses Transportes niemals erwartet hätte. Man stößt auf den Namen Charles Apteker und auf die Geschichte einer Krankenschwester.

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1) – Regine Krochmal

In diesen Namen und Geschichten schließen sich die Kreise zu Hannah – meinem gemeinsamen Schulprojekt mit der politischen Malerin Peggy Steike. Als ich von der Krankenschwester Regine Krochmal las, die den Überfall auf den Zug nutzen konnte um zu fliehen, musste ich sofort mit Peggy reden. Eine Krankenschwester, die ihre Patienten verließ, um nicht in Auschwitz zu sterben, weil sie noch viele Leben retten wollte, war von großer Bedeutung für uns.

Den Namen Charles Aptekter und die Namen seiner Familie ebenfalls auf der Liste zu entdecken war für uns, als hätte die Fügung uns ein Buch in die Hände gelegt, das dem Projekt „Namen statt zahlen“ ein völlig neues Gesicht verleiht. Davon wird im „Mechelen Dossier – Teil 2“ ausführlich zu berichten sein. Es geht um eine Krankenschwester, ein fiktives junges Mädchen namens Hannah und das Hamburger Kleinkind Charles.

Hoffentlich bleiben mehr als Namen, es bleiben lebendige Erinnerungen an wahre Geschichten. Sie bahnen sich ihren Weg zu uns in Bildern, Erzählungen und auch in Stolpersteinen. Steine des Gedenkens, die mehr sind, als oberflächliche Plaketten. Sie gehören in unser Denken und Fühlen.

Dazu bald mehr… genau hier…

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1) – Alles was bleibt? NEIN

Editorischer Nachtrag: Marion Schreibers herausragend recherchiertes Buch ist leider nicht mehr im Handel erhältlich und gehört seit Jahren nicht mehr zum Programm des Aufbau Verlages. Eine kurze Nachfrage führte jedoch dazu, dass der Verlag das letzte verfügbare Exemplar aus seinem allerheiligsten Archiv für diesen Bericht zur Verfügung stellte. Ein Danke reicht kaum aus.

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4 Gedanken zu „Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

  1. Pingback: Die Karte meines Lesens – Mr. Rail als Buch-Kartograph | AstroLibrium

  2. Hallo Arndt,

    eigentlich wäre dies doch ein guter Anlass für den Verlag, das Buch noch einmal neu aufzulegen. Ich denke es gibt viele interessierte Leser, die es sofort kaufen würden. Ich wäre dabei und sicher noch eine ganze Schar weiterer Leser, die z. B. hier auf dem Blog all die wundervollen Beiträge gegen das Vergessen verfolgen.

    Danke Arndt, für diesen interessanten und tollen Artikel.

    Liebe Grüße

    Anja

    • Hallo Anja,

      es gibt immer wieder Bücher, die irgendwann aus unterschiedlichen Gründen „auslaufen“. Oftmals ist es die vergriffene Auflage und die Entscheidung gegen eine weitere Auflage. Da spielen viele Gründe rein. Ich halte „Stille Rebellen“ für ein brillantes Buch, weil es deutlich zeigt, wie alles entstand. Ein gelungener historischer Abriss, auch für Jugendliche gut lesbar.

      Normalerweise stelle ich Bücher vor, die zum aktuellen Verlagssortiment gehören und in Buchhandlungen bestellt werden können. Dieses hier ist seit Jahren aus dem Handel und im Internet in unterschiedlichen Varianten gebraucht zu bekommen. Handel ist für mich immer der Präsenzbuchhandel, auf den meine Besprechungen abzielen. Insofern ist eine Verlinkung des Buchtitels inm Artikel auch immer nur auf die Verlagsseite vorgesehen. Hier musste ich leider davon abweichen, da es nicht mehr im Bestand ist.

      Ob allerdings ein kleines Dossier ausreicht, ein Buch wiederzubeleben, erscheint mir zweifelhaft. Seien wir froh, dass man es noch hier und dort erhält und dass seine Botschaft lebt.

      Liebe Grüße

      Arndt

  3. Pingback: 27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun? | AstroLibrium

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