Zertrennlich von Saskia Sarginson – Ein unglaubliches Debüt

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Zertrennlich von Saskia Sarginson

„Wir sind nicht immer Zwillinge gewesen. Früher waren wir ein einziger Mensch.“

Mit diesen Worten beginnt Saskia Sarginsons Romandebüt „Zertrennlich (Script 5 Verlag). Mit diesen Worten zieht uns die Lektorin, Journalistin, Ghostwriterin und nun auch Schriftstellerin aus London tief hinein in ein bewegendes Jugendbuch und lässt bereits in den ersten beiden Sätzen erkennen, worauf wir uns als Leser einlassen.

Trennung und Verlust – in der Rückschau bewertet – von einem unbestimmten Früher in ein ganz präzises Jetzt hinein, das für zwei eineiige Zwillingsschwestern vom Begriff „Zertrennlich“ geprägt ist. Zwei Sätze, die für mich den ersten Lesemoment darstellten, in dem ich das Buch bereits beiseite legte und darüber nachdachte, wie viel Aussagekraft sie besitzen, was sie alles verraten und wie sehr sie die Neugier auf das zu lesende Buch anstacheln.

Geniale erste Sätze, auf die (verteilt über 412 Seiten) noch so viele wundervolle Sätze und Kapitel folgen sollten, die mich für einige Zeit mit dem Buch und seiner Geschichte, seinen Protagonisten und ihren Leben verschmelzen ließen.

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Sehr schnell wuchs ich unzertrennlich mit „Zertrennlich“ zusammen. Der rote Faden des Romans: Saskia Sarginsons wortreiche Nabelschnur, die ihre Leser mit den eineiigen Zwillingen Isolte (Issy) und Viola verbindet. An dieser Lebensader zieht sie uns durch ihren Roman, während wir hoffen, nicht abgenabelt zu werden. Zumindest nicht so abgenabelt, wie es die ersten beiden Sätze vermuten lassen.

Eigentlich ist es Viola, die uns die Geschichte der Familie erzählt. Ihre Erinnerungen an die frühe Kindheit, wohl behütet, obwohl vaterlos, sind tief verwurzelt mit ihrer Liebe zur Mutter und natürlich zu ihrer Zwillingsschwester Isolte. Alles hatten sie gemeinsam, alles wurde geteilt und es gab keine Geheimnisse.

Liebevolle Erinnerungen an das Leben in der wundervollen Natur, den Geruch des Meeres und den kindlich naiven Aberglauben sind ebenso eingebrannt, wie das Gefühl der ersten Zuneigung zu Jungs, des ersten Kusses und der ersten zarten Liebe. Eigentlich ist es Viola, die uns diese Geschichte erzählt, aber in den Rückblicken auf die gemeinsame Jugend wirkt die Sichtweise ihrer Schwester Isolte immer stabiler und unverfälschter. So, als habe sie ihre Schwester Viola im Leben auf der Überholspur abgehängt.

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Kein Wunder, denn heute, fünfzehn Jahre später, ist von der rückblickenden Viola nicht mehr viel übrig. Ein tristes Krankenzimmer ist ihr geblieben und von der strahlend schönen jungen Frau, die sie sein könnte, ist ein abgemagertes Etwas geblieben. Viola ist ein magersüchtiger Pflegefall geworden. Fast schon bewegungsunfähig, mental fast völlig ausgebrannt… nur die Erinnerung hält sie wach, weil sie quälend ist.

„Viola verschwindet, jeden Tag ein Stückchen mehr. Ihr Ziel ist es, sich komplett aufzulösen.“

Violas Weg ins Nichts ist ein bewusster und selbst gewählter. Er stellt eine ankerlose Flucht in die Tiefe ihrer Selbst dar – unerreichbar für Dritte – und nur ansprechbar, wenn sie Besuch von ihrer Schwester Issy bekommt. Jener Isolte, die mit aller Energie im Leben steht, modebewusst und energisch auf ihr Äußeres achtet und nur durch Viola an die Vergangenheit erinnert zu werden scheint.

Gegensätzlicher können zwei Lebensentwürfe nicht sein. Gegensätzlicher können sich eineiige Zwillinge nicht entwickeln. „Zertrennlich“ fühlen sie sich heute, wo sie sich früher wie ein Ei dem anderen geglichen haben und in den gleichen Gedanken versanken.

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Und so sitzen wir als Leser hilflos am Bett der vor sich hin vegetierenden Viola und wollen ihr so gerne dabei helfen, auch nur eine Kleinigkeit zu essen, während wir gleichzeitig mit Issy durch ein scheinbar normales Leben voller Äußerlichkeiten und Job schlendern. Nur in den seltenen Momenten, in denen beide im Krankenhaus vereint sind, erkennen wir, dass sie sich nicht gegenseitig verletzt haben.

Es ist ein großes gemeinsames Geheimnis, das sie voneinander entfernt hat. Es ist ein Moment, der aus einem Weg zwei und aus einem Leben zwei gemacht hat. Er hat eineiige Zwillinge zu völlig unterschiedlichen Menschen werden lassen, weil sie beide auf ihre Art und Weise versuchen, vor genau jenem Moment in der Vergangenheit zu fliehen. Einen gemeinsamen Weg scheint es nicht zu geben.

Ich habe mich sehr schnell gefragt, welche der beiden jungen Frauen die Stärkere zu sein scheint. Diejenige, die sich auflösen will, oder diejenige mit dem scheinbar normalen Leben. Und von Seite zu Seite wächst die Frage nach dem Grund für die „Zertrennlichkeit“ von Issy und Viola. Ich ahne schnell, dass es um gemeinsame Schuld geht, doch als der Moment der Klarheit im Buch mit aller Macht ins Leserauge springt, da sitze ich auch sprachlos vor den Trümmern zweier Geschöpfe, die so unschuldig schuldig sind, wie man es sich schlimmer nicht vorstellen kann.

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Zertrennlich von Saskia Sarginson

Als Saskia Sarginson uns den passenden Schlüssel zum Geheimnis dieses Romans überreicht, öffnen wir keine Tür in einen eindimensionalen Raum. Wir blicken tief in eine facettenreiche Kombination aus unglücklichen Verkettungen, vielschichtigen Konflikten und aufrichtig tobenden Gefühlen. Wenn wir in diesem Raum das Licht anmachen, dann wird uns klar, dass nicht nur die beiden Mädchen lebenslang leiden.

Sie sind nicht allein. Sie waren es nie, aber seit dem Tag, an dem das Unwiderrufliche geschah, werden sie gepeinigt von der Frage nach der eigenen Schuld. Viola und Issy versuchen auf ganz individuelle Weise, mit dieser Last zu leben, oder eben auch nicht zu leben. Während die eine Schwester im antiseptischen Geruch des Krankenhausalltags versinkt, hüllt sich die andere in eine Wolke ihres Lieblingsparfüms „Poison“. Keiner dieser Gerüche ist natürlich. Sie stehen für die Kunstwelten der nie zu bewältigenden Schuld und der Lawine, die damals losgetreten wurde.

Einen tiefen Blick in die vielfältigen Ursachen von Magersucht mag man im Roman werfen dürfen, einen tiefen Blick in die scheinbare Normalität eines Lebens der künstlichen Äußerlichkeiten darf man wagen. Der letzte Blick ist entscheidend. Der Blick in das Spiegelbild zweier Schwestern, die sich wohl niemals näher waren als im Moment der größten Distanz. „Zertrennlich“ ist ein herausragendes Jugendbuch voller Gefühl und Empathie. Ich bleibe ihm unzertrennlich verbunden, weil Saskia Sarginson am Ende des Romans eine zerstörte Nabelschnur zu heilen vermag. Ein einziger fehlender Stein reicht aus.

Zertrennlich von Saskia Sarginson

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