Das Geheimnis meiner Mutter von J.L. Witterick

Das Geheimnis meiner Mutter von J.L. Witterick - Franciszka Halamajowa

Das Geheimnis meiner Mutter von J.L. Witterick – Franciszka Halamajowa

Wir sollten uns vielleicht ein wenig Zeit nehmen, bevor wir zum eigentlichen Thema kommen und uns ein paar Augenblicke lang mit einem Foto aus längst vergangener Zeit beschäftigen. Versucht euch auf den Blick der Frau im Fenster einzulassen und lasst eure Gedanken kreisen, welche Geschichte diese Augen zu erzählen haben. Sie scheint uns zu einem kleinen freundlichen Plausch unter Nachbarn einzuladen und ich konnte mich während des Lesens ihrer bewegenden Lebensgeschichte nicht von ihrem Augenblick losreißen… Nicht einen Augenblick lang.

Warum? Weil diese polnische Frau wesentlich mutiger war, als ich es jemals sein werde. Weil diese Frau ihr eigenes Leben und das ihrer Tochter mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit in die Waagschale der Gerechtigkeit gelegt hat, die ihresgleichen sucht. Weil diese Frau den Lauf der Geschichte verändert hat. Nachhaltig und für viele Menschen. Deshalb lässt ihr Blick mich nicht los, weil ich ihr niemals zugetraut hätte, eine der tapfersten Frauen zu sein, von der ich jemals erfahren habe.

Ich darf sie vielleicht kurz vorstellen. Ihr Name lautet Franciszka Halamajowa und sie stammt aus einem kleinen polnischen Grenzstädtchen in Galizien. Die letzten Jahre hatte sie mit ihrer Familie in Deutschland verbracht und dort als Köchin bei einer wohlhabenden Familie gearbeitet. Wir schreiben das Jahr 1933 – die Machtübernahme der Nationalsozialisten beginnt schon deutliche Spuren zu hinterlassen. Auch die kleine Familie wird  zerrissen. Ihren von Hitler begeisterten und überzeugten Ehemann lässt Franciszka in Deutschland zurück und wagt nun einen Neuanfang in ihrer Heimat.

Sie erwirbt nach ihrer Rückkehr in die Heimat ein kleines windschiefes Häuschen und versucht dort allein mit Tochter Helena (16) und Sohn Damian (18) als Bäuerin den Rest der kleinen Familie über Wasser zu halten.

Das Geheimnis meiner Mutter von J.L. Witterick

Das Geheimnis meiner Mutter von J.L. Witterick

Ein Schritt, der nicht nur ihr Leben nachhaltig verändern sollte. Blicken wir ihr in die Augen, nur einen Augenblick… schon diesen Schritt hätten wir ihr nicht zugetraut. Und es war nur ihr erste in die richtige Richtung, während die Masse der Menschen völlig falsch zu gehen scheint. Die nächsten Jahre verlaufen fast nach Plan. Helena wird Sekretärin und ihr Bruder findet gut bezahlte Arbeit in einer Ölraffinerie. Die Winter sind unerträglich kalt und man hält sich gemeinsam am Leben. Bescheiden, aber frei.

Als dann 1939 die Deutsche Wehrmacht in Polen einmarschiert, der Zweite Weltkrieg ausbricht und aus Kosal eine besetzte Stadt wird, verändert sich das Leben nachhaltig. Kein moralischer Stein bleibt auf dem anderen und mit der Verfolgung der Juden in den besetzten Gebieten übertreten die Nazis nicht nur die Grenze zur Unmenschlichkeit, nein, sie machen aus der eher naiven Franciszka Halamajowa eine uneinnehmbare Festung, deren moralisch ethisches Fundament unerschütterlich bleibt.

Das Geheimnis meiner Mutter“ von (Jenny) J.L. Witterick, (CBJ Verlag), erzählt die Geschichte dieser couragierten Frau. Sie wird Zeugin der Judenverfolgung, sie wird Zeugin der Misshandlungen auf offener Straße und sie erlebt, wie die jüdische Bevölkerung aller Rechte enthoben und enteignet in einem mit Stacheldraht umzäunten und gut bewachten Ghetto zusammengepfercht wird.

Das Geheimnis meiner Mutter von J.L. Witterick - Verstecke nicht nur für Juden

Das Geheimnis meiner Mutter von J.L. Witterick – Verstecke nicht nur für Juden

Diese Geschichte aus der Perspektive von Franciszka Halamajowa zu erzählen wäre, wie der Buchtitel „Das Geheimnis meiner Mutter“ schon deutlich verrät, wenig aussagefähig gewesen, denn sie hätte sicher selbst niemals erzählt, wie sie auf die Gräueltaten der Nazis reagierte. Kein Wort wäre über ihre Lippen gekommen und so lässt die Autorin andere Menschen berichten, um auf diese besondere Art und Weise Zeugnis abzulegen.

Hierbei geht J.L. Witterick einen völlig eigenen Weg. Die Geschehnisse werden nicht chronologisch erzählt, sondern überschneiden sich je nach individueller Perspektive in immer wiederkehrenden Eckpunkten der Realität. Der Beginn, die Verfolgung, das Ghetto, die Ermordungen, die Lebensumstände und die unfassbare Todesangst vor der letzten Konsequenz der Verbrechen der Besatzer: dem Genozid, dem Völkermord, dem Holocaust.

Dieses Buch macht uns zu Zeugen der Verfolgung der jüdischen Bewohner von Kosal, Wir lernen sie kennen, die unschuldigen Menschen, die im Ghetto eingepfercht werden. Wir erleben ihre Sichtweisen und durchleben mit ihnen Todesängste. Wir fühlen ihre Machtlosigkeit. Und wir erleben eine Gemeinsamkeit. Der verzweifelte Weg auf der Suche nach Hilfe führt einige der jüdischen Familien in die „Straße unserer lieben Frau – Nummer 4“. Sie klopfen verzweifelt an… Und ein Wunder geschieht.

Das Geheimnis meiner Mutter von J.L. Witterick

Das Geheimnis meiner Mutter von J.L. Witterick – Helena und Franciszka

Franciszka Halamajowa überlegt nicht lange. Sie wägt nicht ab. Sie versteckt sich nicht hinter Ausreden. Sie öffnet die Tür zu ihrem kleinen Haus und beginnt Menschen zu verstecken. In einem per Hand ausgeschachteten Kellerverlies, im Schweinestall, auf dem Dachboden. Niemanden weist sie zurück und von niemandem erwartet sie eine Gegenleistung.

Sie vollbringt gemeinsam mit ihrer Tochter Helena wahrliche Meisterleistungen der Versorgung für die versteckten Juden. Medikamente, Nahrung und Wasser… all dies schleppt sie auf unerfindlichen Wegen heran. Diese Frau bewirkt tägliche Wunder und ihre Kraft scheint sich noch zu steigern, als ihr eigener Sohn Damian von den Nazis erschossen wird. Auch er hatte Widerstand geleistet.

Als dann auch noch ein desertierter Wehrmachtssoldat um Hilfe bittet, zeigt sich die wahre Größe dieser einfachen Frau. Auch er – ausgerechnet er – sogar er wird aufgenommen und versteckt. So beherbergen Franciszka Halamajowa und ihre Tochter in ihrem kleinen Haus schließlich sechzehn Menschen. Von sechstausend Juden in Kosal überleben nur dreißig den Holocaust. Die Hälfte von ihnen verdankt ihr Leben dem Mut einer einzigen Frau und ihrer Tochter.

Das Geheimnis meiner Mutter von J.L. Witterick - Gerettet

Das Geheimnis meiner Mutter von J.L. Witterick – Gerettet

Es ist wie die Geschichte von „Schindlers Liste“ im Kleinen, nur dass diese Frau keinerlei Mittel hatte, diese Rettung zu planen. Zwei Jahre lang hält sie durch. Und damit nicht alles umsonst ist, lädt sie gar den Deutschen Stadtkommandanten regelmäßig in ihr Haus zum Essen ein. Sie kocht für den Wolf im Wolfspelz und ist dabei nicht wirklich das Schaf, das jeder gerne in ihr sehen würde. Sie wird heute in Yad Vashem gemeinsam mit ihrer Tochter als „Gerechte der Völker“ geehrt und ihre Geschichte zeigt deutlich auf, was man wagen und bewegen kann.

Wer einen Menschen rettet, der rettet ein ganzes Volk. Diesen bedeutungsschweren Satz untermauert das Leben einer einfachen Polin in aller Deutlichkeit. Sie war selbst nicht in Gefahr, aber sie setzte sich bewusst dem Risiko aus, um anderen Menschen zu helfen. Sieht man die Überlebenden von damals, betrachtet man ihre Familien, Enkel und Urenkel, dann sieht man, wie sehr Franciszka Halamajowa die Geschichte beeinflusst hat. Sie hat Leben geschenkt. Viele.

Die Schriftstellerin J.L. Witterick wurde durch einen in Deutschland völlig unbekannten Dokumentarfilm zu diesem Buch inspiriert (siehe Editorial am Ende des Artikels). No 4 – Street of our Lady begibt sich auf die Spur der Geretteten und führt seine Betrachter in das Kosal unserer heutigen Zeit. Er schließt den Kreis zu den dramatischen Geschehnissen von einst und zeigt, wozu Franciszka fähig war. Auch nach dem Krieg hat sie sich darum bemüht, den weiteren Lebensweg der von ihr Geretteten gut im Auge zu behalten. Sogar den des Deutschen Fahnenflüchtigen.

Die Inspiration zum Buch - Eine preisgekrönte US-Dokumentation

Die Inspiration zum Buch – Eine preisgekrönte US-Dokumentation

Die Ängste der Versteckten werden im Roman greifbar. Er orientiert sich an der wahren Begebenheit, bleibt aber in den Charakteren aller Geretteten fiktiv, um die Möglichkeit zu bieten ihre Geschichte auch aus ihrer Perspektive erzählen zu können. In der Dokumentation sieht man, wie nah der Text an der Realität ist. „Das Geheimnis meiner Mutter“ sollte kein Geheimnis bleiben. Sich der realen Geschichte mit allem Respekt zu nähern ist Voraussetzung für die eine Frage, die am Ende bleibt:

„Hätte ich diesen Mut gehabt?“ Das Vergissmeinnicht gibt vielleicht Antworten,

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Editorial: Die verwendeten Fotografien stammen aus dem frei zugänglichen Presse-Download-Bereich der US Dokumentation: No 4 – Street of our Ladyvon Barbara Bird. Der herausragende Film ist nicht in Deutschland erschienen und derzeit als DVD nur über Import zu erhalten. Alternativ dazu kann die Doku bei Amazon kostenpflichtig gestreamt werden. Hier zum Angebot.

Einen Hinweis auf den Dokumentarfilm sucht man im Roman vergebens. In Interviews hat die Autorin allerdings mehrfach darauf aufmerksam gemacht, vom Film inspiriert worden zu sein. Ich musste lange recherchieren, um auf diese „eigentliche“ Quelle zu stoßen, die auf Tagebüchern von Überlebenden basiert. Inzwischen streiten Gerichte darüber, ob sich J.L. Witterick weite Teile ihres Romans „angeeignet“ hat. Einen mehr als interessanten Artikel zum Thema findet man hier! (21.07.2014)

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6 Gedanken zu „Das Geheimnis meiner Mutter von J.L. Witterick

  1. Wahnsinn was diese Frau geleistet hat. Danke für diese einfühlsame Rezension….das Buch muss gleich mal auf meine Liste 🙂

    • Es ist für mich so unglaublich, weil es für sie so selbstverständlich war…. einfach das Richtige tun… und ich hätte diesen Mut wohl nicht….

      Was für eine große Frau….

  2. Ich finde diesen Bericht auch noch aus einem anderen Grund bemerkenswert. Ich habe schon sehr viel über Antisemitismus in Polen während der deutschen Besatzungszeit gelesen. Denunziationen waren an der Tagesordnung (siehe Erinnerungen von Reich-Ranicki). Zuletzt gab es ja auch diese umstrittene Fernsehserie „Unsere Mütter, unsere Väter“, in der polnischer Antisemitismus thematisiert wurde, was auf heftigen Protest von Polen stieß. Umso beeindruckender ist für mich das Verhalten dieser einfachen Frau, für die es offensichtlich nicht infrage stand, in dieser auch für die polnische Bevölkerung schrecklichen Zeit, ihre Menschlichkeit zu bewahren.

    • Das ist völlig richtig, aber das Buch blendet auch diesen existierenden Antisemitismus nicht aus.

      Kosal liegt in einer Grenzregion und Polen und Ukrainer kamen schon kaum miteinander zurecht, gemeinsam hatten sie aber (auch gemäß Buch) die Juden als Sündenböcke ausgemacht.

      Nach der Befreiung galt es auf die Versteckten aufzupassen, da sie auch ohne Deutsche Besatzer nicht in Sicherheit waren.

      Juden, die von der Roten Armee befreit wurden erhielten sofort einen neuen Ausweis, in dem das Wort Jude erneut in großen Buchstaben prangte.

      Antisemitismus ist kein Deutsches Phänomen… der Holocaust ist in seiner Dimension ein rein Deutsches Thema…

      Danke für deinen wichtigen Beitrag…

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