Die Seltsamen – Das Qualmzeitalter ruft

Die Seltsamen - Stefan Bachmann - Steampunk - Jugendbuch

Die Seltsamen – Stefan Bachmann – Steampunk – Jugendbuch – Fantasy

Herzlich willkommen im Qualmzeitalter. Entschuldigt bitte, wenn es hier an meinem Rezensenten-Schreibtisch gerade ein wenig unaufgeräumt ist, aber die Zeiten sind schwer und in Anbetracht der Ereignisse der letzten Tage hatte ich wenig Zeit, meine Notizen zu sortieren.

Die Ursachen liegen nicht im Verborgenen – absolut nicht. Ein Buch ist schuld. Ganz allein. Hätte ich es nicht aufgeschlagen, hätte ich mich nicht dem Schreibfluss der mehr als talentierten Autorenfeder anvertraut, es wäre nichts passiert. Gar nichts.

So allerdings findet ihr mich in einer Umgebung an, die immer noch Unbehagen verursacht. Ich fühle mich beim Schreiben beobachtet und weiß gar nicht, was ich euch alles anvertrauen darf, damit wenigstens ihr noch Ruhe findet. Ich sollte eigentlich schweigen… für immer, aber vielleicht verrate ich ein paar ganz kleine Winzigkeiten, damit ihr verstehen könnt, warum sich hier alles so seltsam anfühlt.

Die Seltsamen - Stefan Bachmann - Diogenes

Die Seltsamen – Stefan Bachmann – Diogenes

„Die Seltsamen“ heißt dieses Jugendbuch. Es kommt schon in auffälliger dunkelroter Signalfarbe daher und die Vita des Autors Stefan Bachmann lässt ebenso seltsame Gefühle aufkommen. Der 1993 geborene US-amerikanische Autor lebt in Zürich, ist auf dem Wege, Filmkomponist zu werden und schrieb mal eben im Alter von 16 Jahren seinen Debüt-Roman „The Peculiar“ – Die Seltsamen“ (Diogenes).

Hätte er nicht tun sollen. Wirklich nicht!

Jugendliches Geschreibsel hatte ich erwartet. Recht lustig anmutende „Steampunk-Fantasien“ und unausgereifte oberflächliche Charaktere. Ein paar lustig naive Ideen vielleicht und Traumbilder eines hochtalentierten Musikgenies – ja, das vielleicht auch. Tragfähig vielleicht für einen schmalen Roman… aber auch noch vollmundig eine Dilogie 2 Teile) in hoffnungsvolle Aussicht zu stellen, das schien mir als erfahrenem Fantasy-Leser sehr weit hergeholt. Einfach seltsam.

Mit genau diesen (zugegeben recht vorsichtigen, bis nicht vorhandenen) Erwartungen schlug ich es dann auf. Das Buch. Den ersten Teil. Die ersten Seiten. „Die Seltsamen“. Hätte ich nicht tun sollen… das sagte ich schon. Ich sagte allerdings nicht, warum…!

Die Seltsamen - Stefan Bachmann - Das Qualmzeitalter

Die Seltsamen – Stefan Bachmann – Das Qualmzeitalter

„Federn fielen vom Himmel. Gleich schwarzem Schnee schwebten sie auf eine alte Stadt namens Bath herab, taumelten über Dächer und sammelten sich in den Ecken und Winkeln der Gassen, bis alles dunkel und still war wie ein Wintertag.“

Wieder und immer wieder las ich diese ersten Sätze des Prologs und empfand ein seltsames Gefühl. Ich sah die Federn, ich fühlte, wie es sein musste, wenn eine alte englische Stadt in einem Meer aus schwarzen Federn versinkt. Und ich spürte eine Melodie im Text, die zu diesem Kopf-Kinobild den Rhythmus vorgab. Kopfschüttelnd vor Verwunderung atmete ich tief ein, las ich weiter und atmete genau 130 Seiten später erstmals wieder aus.

Die Luft anzuhalten hat noch niemals so viel Lesespaß bereitet. Ich wurde mit dem Sauerstoff eines faszinierenden Jugend-Fantasy-Romans beatmet und dadurch am Leben gehalten. Atemlos. Ich lernte ein England kennen, das ich noch jetzt so bildhaft vor Augen habe, wie es von Stefan Bachmann erfunden wurde. Das England am Ende der heiteren Kriege.

Das England des Qualmzeitalters, in dem sich alle uns bekannten Legendenwesen wie Gnome, Satyre, Irrwische und bösen Kobolde längst auf den Schlachtfeldern besiegt und unterworfen waren. Ein Zeitalter, in dem sich die magischen Wesen, wie Feen und Elfen geschlagen geben mussten. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich anzupassen und unter der Schmach der großen Niederlage ein bescheidenes Leben in einer gar nicht mehr magischen Umgebung zu fristen

Die Seltsamen - Stefan Bachmann - Glockenlärm

Die Seltsamen – Stefan Bachmann – Glockenlärm

Viele dieser Gestalten siedelten sich in Bath an und schufen mit New Bath einen ständigen Unruheherd im Königreich. Vertrauen brachten ihnen die Engländer nicht entgegen. Um auch den letzten Rest von Magie aus dem täglichen Leben zu verbannen läuteten sogar landesweit alle Glocken im 5-Minuten-Takt. Was für ein Lärm. Die gesamte Wissenschaft des Landes diente der Unterdrückung der einst so wirksamen Magie. Der Krieg war vorbei.

Für alle? Nein… nicht wirklich, denn die einst einflussreichen Hochelfen konnten sich nicht mit dem Verlust ihrer einstigen Macht abfinden. Sie passten sich an, unterwanderten gar die höchsten schichten des Landes und erreichten gar Macht und Einfluss als Politiker. Nur… das reichte ihnen lange nicht aus. Sie wollten mehr und ein einziges Wort würde ausreichen, das Pulverfass England zu zünden.

Keine leichte Zeit also. Die Luft atmet sich schwer, Maschinen und Qualm allenthalben und dann geschieht das Unfassbare. Kinder verschwinden. Und das nicht spurlos. Sie verschwinden kurz bevor sie wieder auftauchen. Tot und ausgehöhlt, als hätte man in ihrem Inneren etwas gesucht, aber nicht gefunden. Neun Morde in kurzer Zeit, neun verstümmelte Kinderleichen und doch scheint sich niemand für diese Verbrechen zu interessieren.

Die Seltsamen - Stefan Bachmann

Die Seltsamen – Stefan Bachmann

Vielleicht weil es nur neun Morde waren, vielleicht aber auch, weil es sich um „Die Seltsamen“ handelt, die hier abgeschlachtet werden. Mischlingskinder aus der Beziehung von Feenwesen mit normalen Menschen. Im ganzen Land kommt es immer wieder zu Übergriffen gegen diese Halbwesen. Da sind 9 Tote doch wirklich eine Bagatelle.

Für Hettie und Bartholomew sicherlich nicht. Sie sind „Seltsame“. Sie erleben täglich, was es heißt von allen verachtet zu werden, ausgegrenzt zu sein, unwertes Leben und Freiwild. Sie empfinden sich als hässlich und verbergen sich den ganzen Tag, zumeist in den Wohnungen ihrer menschlichen Mütter. Die magischen Väter… längst über alle Berge. Und genau in dem Moment, als ich voller Sympathie meinen neuen seltsamen Freund Bartholomew durch sein Leben begleite, seine Fürsorge für die kleine Schwester Hettie zu bewundern beginne und ihm lesend helfen mag, seinen Weg zu finden, entdecken wir gemeinsam in seinem Versteck eine Warnung.

Einen zerknüllten kleinen Brief – nur mit einer Zahl versehen. Nach neun toten Mischlingen die schlimmste Zahl, die man sich vorstellen kann. Bartholomew entfaltet die geheimnisvolle Nachricht und liest voller Schreck nur diese eine Zahl: 10. Seine einzige Rettung heißt Arthur Jelliby. Ein träger und fauler Politiker im englischen Parlament, der eigentlich so gar nicht für eine Heldenrolle taugt.

Die Seltsamen - Stefan Bachmann - 10

Die Seltsamen – Stefan Bachmann – 10

Er wird jedoch zum Helden wider Willen, auch wenn er dabei ein widerwilligen Held wird. Er findet die Verbindung zu den Morden. Er hat den Drahtzieher fest im Blick. Es ist der Außenminister des Königreiches. Mr. Lickeritz. Düstere Eminenz mit dunklem Geheimnis und mächtigen Gehilfen. Ein Hochelfe, der es bis ganz nach oben geschafft hat. Aus seiner Sicht jedoch nicht hoch genug.

Auf der Suche nach der letzten Antwort scheint er bisher neunmal nicht fündig geworden zu sein. Es muss gelingen… endlich muss es doch gelingen und ein zehntes Opfer hat er scheinbar schon im Auge. Scheinbar. Doch hat er schon genug die Macht, den Kampf gegen einen trägen Politiker und ein paar kindliche Halbwesen zu gewinnen? Kann ihm die geheimnisvolle Dame mit den zwei Gesichtern zum Erfolg verhelfen, oder ist alles ganz anders, als es auf den ersten Blick scheint?

Stefan Bachmann legt und mit Die Seltsamen ein wundervolles buntes, dunkles, spannendes, leichtes und tiefes Jugendbuch-Debüt in die feuchten Leserhände. Seine frischen Ideen sprühen in wilden Funken umher, aber er verliert im Funkenflug seiner Genialität nicht den Ursprung des zündenden Gedankens aus dem Auge.

Die Seltsamen - Stefan Bachmann - Hier geht es bald weiter...

Die Seltsamen – Stefan Bachmann – Hier geht es bald weiter…

Er erfindet formidable Figuren, knüpft einen spannungsfaden durch seine ganz eigene magische Szenerie und gestaltet von Kapitel zu Kapitel Cliffhanger, die es in sich haben. Ich dachte mich noch ganz leicht mit den Fingern an den Klippen halten zu können, bis ich sie sah. Die übergroßen Autorenstiefel, die mir dann auch noch auf die Fingerspitzen traten.

Doch kurz bevor man bodenlos fällt, reicht er seine Hand und deutet mit kleinen Worten an, dass er noch Großes plant. Er verleiht Flügel der Hoffnung und schafft das Vertrauen, dass Bartholomew nicht ganz verloren ist. Nur um im nächsten Moment, den Scheinwerfer seines Qualmzeitalters über einem anderen Gesicht aufflammen zu lassen.

Ich werde die Fortsetzung lesen, die im Herbst bei Diogenes erscheint. Ich kann es kaum erwarten und hoffe inständig, dass ich mich so lange an den Rand der Klippe klammern kann, an dem ich jetzt ganz atem- und bewegungslos rumhänge. Die Wedernoch wird mich mit anderen Erwartungen erfüllt erneut herausfordern. Bisher steht es 1 : 0 für Stefan Bachmann. Literarisch liege ich gerne zurück! Ehrlich.

Ob er den knappen Vorsprung ins Ziel bringt, wird sich bald in Frankfurt zeigen. Ein Interview steht auf dem Buchmesseplan und ich bin schon sehr gespannt…

die seltsamen stefan bachmann spacer

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