Ein Wunderlicht erhellt das Firmament von AstroLibrium

Wunderlicht von Brian Selznick - Großes Kino...

Wunderlicht von Brian Selznick – Großes Kino…

Es leuchtet hell am Sternenhimmel von AstroLibrium. Ein gleißendes Licht schärft meine Sinne und richtet meine Aufmerksamkeit auf ein gebundenes Gesamtkunstwerk aus dem Hause CBJ. Brian Selznick, New York Times – Bestsellerautor und Schöpfer des weltbekannten All-Age-Romans „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ hat wieder geschrieben und illustriert.

Nach der filmischen Adaption des Romans im Oscar-prämierten Film „Hugo“ von Martin Scorsese geistert dieses einzigartige Buch durch die Medien. Hugo Cabret hat Maßstäbe gesetzt und durch die perfekte Kombination aus Wort und Bild eine literarische Dichte erzeugt, die das reine Wort in diesem Ausmaß oft nicht entstehen lassen kann.

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Er hat es wieder getan und AstroLibrium ist wie vom Blitz getroffen.

WUNDERLICHT

Bild- und wortgewaltig – so kenne ich Brian Selznick. Was er jedoch in seinem neuen Meisterwerk „Wunderlicht“ geschaffen hat, ist auch für den geübten Rezensenten schwer in Worte zu fassen. Gut, dass ich in meiner kleinen Dunkelkammer in der Lage bin, das Bild- und Kopfkino des Jugendbuchs zu visualisieren und so ein wenig zeigen zu können, wie sehr mich „Wunderlicht“ berührt hat.

Meisterlich verknüpft - zwei Lebenswege - Ben und Rose

Meisterlich verknüpft – zwei Lebenswege – Ben und Rose

Selznick wagt viel. Er erzählt eine Geschichte, die sich in zwei zeitversetzte Lebenswege verzweigt.

Ich begleite den jungen Ben im Jahr 1977 auf seiner Flucht nach vorne. Seine Mutter ist gerade ein paar Tage tot, seine Verwandten vermitteln ihm maximal das Gefühl, geduldet zu sein und in ihm keimt die Hoffnung, seinen verschwundenen Vater finden zu können. New York heißt sein Ziel – im Gepäck hat er nur die Trauer um seine Mutter, seine Leidenschaft, alles zu sammeln, was sammelnswert erscheint und ein einziges Buch namens „Wunderlicht“.

Jemand hat es seiner geliebten Mutter in Bens Geburtsjahr gewidmet…. Und die Unterschrift – sie muss – ja sie muss einfach die seines Vaters sein.

Von Geburt an auf einem Ohr gehörlos und nach einem Unfall nun vollends taub muss sich Ben auf die Sinne verlassen, die ihm geblieben sind – und die Welt der Gehörlosen ist viel zu frisch, um sich darin zurechtzufinden. Ein weiter Weg liegt vor ihm…

Auf nach New York…

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Diese Geschichte schreibt Selznick in wundervollen Sätzen und Worten nieder und vermittelt sprachlich virtuos Wärme, Sorge und Nähe zu Ben…. Ich folge ihm auf dem Weg nach New York und hoffe, dass er dort den einzigen Menschen finden wird, der ihm noch nahe stehen kann.

Ein Hilferuf aus tiefstem Herzen... Wunderlicht... Rose

Ein Hilferuf aus tiefstem Herzen… Wunderlicht… Rose

Gleichzeitig zeichnet Selznick eine zweite Geschichte.

1927 sehe ich das Leben des Mädchens Rose vor mir. Ihre Geschichte blättert sich langsam auf und ich erkenne in einzigartigen Skizzen und Illustrationen alles, was dieses Kind ausmacht. Verlassen und allein lebt sie in ihrer eigenen Welt. Gehörlos von Geburt an, erlebt sie die Veränderungen der goldenen 20er Jahre. Aus den Stummfilmen ihres Lebens werden nach und nach die ersten Tonfilme und das Fehlen der Texttafeln beraubt sie eines Fensters zur Welt.

Das Kino entfernt sich von Rose… ihr Handicap wird spürbarer als jemals zuvor…

An der Schwelle zum Tonfilm - Leben verändern sich - Wunderlicht...

An der Schwelle zum Tonfilm – Leben verändern sich – Wunderlicht…

Auch Rose ist eine Suchende – schließlich verlässt auch sie ihr Heim. Sie wünscht sich nichts mehr, als irgendwo hingehören zu dürfen. Eine Suche nach einem Nest und der Wärme, die ihr doch eigentlich nur ihre Mutter geben könnte.

Könnte – wohlgemerkt… könnte.

Der gefeierte Film- und Theaterstar hat nichts mit dem tauben kleinen Mädchen im Sinn und so sucht und findet Rose schließlich Unterschlupf bei ihrem Bruder in New York – und dieser entfacht ihre Leidenschaft für die großen Museen der Welt, indem er ihr ein kleines Buch mit dem Titel „Wunderlicht“ schenkt.

New York… 1927!

Wunderlicht verbindet

Wunderlicht verbindet

Zwei Lebenswege – zwei Suchende und eine Reise zu den Wurzeln der eigenen Vergangenheit und einer lebenswerten Zukunft in einer hörenden Welt. Getrennt durch genau 50 Jahre in der Geschichte –  durch Wort und Bild im Roman. Und doch fühlt der lesende Betrachter, dass die Wege sich ähneln und zwei einsame Menschen die gleichen Orte und Gebäude betreten haben, während sie auf der Suche waren. Die Geschichten gehen ihre Wege und zwei Menschen werden im Mahlstrom der Ereignisse hin- und hergetrieben.

Aber ziellos werden sie nie – sie vermögen zu kämpfen und sich allen Unwettern zu stellen, so heftig sie auch toben. Sie sind miteinander verbunden, ohne dass jemals die Chance für sie besteht, dies zu erkennen. Dieses Privileg räumt Brian Selznick nur seinen Lesern ein.

An einer Stelle im Buch endet das Wort dort, wo das Bild beginnt – 50 Jahre zeitversetzt und doch nimmt genau hier eine unglaubliche Geschichte Fahrt auf. „Wunderlicht“ weist zwei Menschen einen magischen Weg. „Wunderlicht“ leuchtet hell und magisch und „Wunderlicht“ lässt keine Dunkelheit zu.

Wunderlicht ist bei Literatwo eingeschlagen wie ein Blitz...

Wunderlicht ist eingeschlagen wie ein Blitz…

Man hält inne beim Lesen – ich überlege für mich selbst, wer wohl vor 50 Jahren meine Wege gegangen ist – wer vor 50 Jahren in meiner magischen Wunderkammer seine Spuren hinterließ. Jener im Roman beschriebenen kleinen Kammer, die das Gedächtnis eines Lebens bewahrt – das erste Museum, das man sich selbst errichtet. Gefüllt mit den Lebensschätzen und Erinnerungen eines eigenen Weges. Greifbare und imaginäre Erinnerungen.

Brian Selznick hat mit „Wunderlicht“ das Imaginäre greifbar gemacht. Folgt ihm auf seinem Weg – dieses Buch ist ein Ereignis in Wort und Bild!

Und dabei öffnet er seinen Lesern eine bisher nahezu verschlossene Tür in die sinnliche Erlebniswelt gehörloser Menschen, weckt Verständnis und Empathie und verdeutlicht in Wort und Bild, dass wir uns bemühen müssen, Zugang zu dieser besonderen Welt zu finden. Ein großes Buch unter dem Gedanken der Inklusion… Diese Welt gehört uns allen… Sehenden, Blinden, Hörenden, Gehörlosen – wir müssen sie miteinander und füreinander gestalten und erlebbar machen!

Ein Traum im Schuber - die US-Sammlerausgabe für 300 $...

Ein Traum im Schuber – die US-Sammlerausgabe für 300 $…

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Ein Gedanke zu „Ein Wunderlicht erhellt das Firmament von AstroLibrium

  1. Ich selbst höre nur wenig von meiner Umwelt. Ein Rest Hörvermögen ist noch da. Es ist wundervoll zu lesen, dass es ein Buch gibt, das so warm und liebevoll mit dieser Erkrankung umgeht. Deine Worte von der gemeinsamen Welt haben mich berührt. Danke für diesen Lichtblick. Stefanie

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