Klammroth – Isa Grimm – Lesen mit Tunnelblick

Klammroth von Isa Grimm - Tunnelblick

Klammroth von Isa Grimm – Tunnelblick

Habt Ihr schon mal von „Klammroth“ gehört? Ich denke nicht, denn der kleine Fleck auf der Landkarte steht eigentlich fast nur noch symbolisch für ein idyllisches kleines Städtchen, das für seinen Wein und seine schöne Lage auch bei Touristen beliebt war. Na, das jedoch gehört der Vergangenheit an und es nicht viel geblieben von der einstigen Idylle.

Alles ist in den Flammen einer Katastrophe aufgegangen. Die Zukunft verrauchte an einem einzigen Tag vor fast genau 17 Jahren, als das schreckliche Unglück geschah, das dem Ort fortan seinen tragischen Stempel aufdrücken sollte. Ein im wahrsten Sinne des Wortes gebrandmarktes Fleckchen Erde, dessen Narben bis heute nicht verheilt sind.

Der Tag, der fortan das Gestern vom Morgen durch ein Davor und Danach trennte, war der Tag der verbrannten Kinder. Vier Schulbusse, die kurz nach der Abfahrt zu einem Ausflug in einem Tunnel bei Klammroth miteinander kollidierten, in Flammen aufgingen und 89 Tote Jugendliche und Kinder in der Dunkelheit zurückließen. Alle bis zur völligen Unkenntlichkeit verbrannt. 200 Kinder waren an Bord der Busse. Fast die Hälfte tot. Die Überlebenden von schwersten Brandverletzungen für ihr Leben gezeichnet und vom Schmerz gepeinigt. Traumatisiert und der Zukunft beraubt. Vom Feuer ausgelöscht.

Klammroth von Isa Grimm - Feuriger Einstieg

Klammroth von Isa Grimm – Feuriger Einstieg

So muss man sich das Klammroth der heutigen Zeit vorstellen. Ausgebrannt. Die Opfer von einst haben ohne Schulabschlüsse und nach lange währenden Therapien den Sprung in eine andere Welt nicht geschafft und diese Welt hat sich von Klammroth abgewandt. Keine Touristen, keine Sehenswürdigkeiten. Ein im Tunnel verbrannter Ort, in dem es kaum eine Familie gibt, die keine Todesopfer oder Verletzten zu beklagen hat.

„Das Leben erwachte zum Sterben“… so lässt sich der traurige Tag des Unglücks beschreiben. Und doch gab es damals ein Mädchen, das glimpflicher davonkam, als alle anderen Opfer. Anais Schwarz verlor in der Flammenhölle ihre Haare und unter der Perücke, die sie heute trägt, finden sich die Narben von einst. Aber sie gilt als die „Glückliche“, die anschließend den Sprung aus Klammroth geschafft hat.

Inzwischen ist sie erfolgreiche Thriller-Autorin und hat sich ein scheinbar normales Leben aufgebaut, obwohl ihre Seele das Drama nie verarbeitet hat. Dass sie sich mit ihren Büchern, wie „Die Verbrannten“, in ihrer Heimat keine Freunde gemacht hat, kann man sich denken. Aus dem Unglück Profit geschlagen zu haben, wirft man ihr vor. Es hat die Falschen erwischt, sagt man im Ort, wenn man über sie spricht. Und nun holt sie ihre Vergangenheit mit einem erneuten Feuer ein. Brandgeruch wie einst… und der Tunnel ruft... und mit ihm die verzweifelten Kinderstimmen…

Klammroth von Isa Grimm - Der Tunnel wartet

Klammroth von Isa Grimm – Der Tunnel wartet

Der Tunnel wurde für die Menschen zum Sinnbild des Schreckens. Seine Eingänge sind mit schweren Eisentoren verschlossen und niemand nähert sich dem Ort des Dramas freiwillig. Der Tunnel erscheint in den Träumen der Opfer, er scheint zu rufen und auf neue Opfer zu warten. Er scheint, ein eigenes dunkles Leben zu führen, dessen einziger Sinn es zu sein scheint, Opfer zu fordern. So kommt es Anais jedenfalls vor, als sie nach Klammroth zurückkehrt.

Ihr Elternhaus ist abgebrannt und sie muss alles regeln. Fragen beantworten; Dinge regeln; ihren dementen Vater im Pflegeheim besuchen; den Tod ihrer Stiefmutter in den Flammen des Hauses aufklären helfen und dies alles vor dem Hintergrund der offenen und heimlichen Anfeindungen, die ihr von allen Seiten entgegen schlagen. Allein ist sie nicht. Ihre 14jährige Tochter Lily begleitet sie an den Ort ihrer Kindheit.

Anais sieht sich in Klammroth mit allem konfrontiert, was sie 17 Jahre lang erfolglos zu verdrängen oder zu bewältigen versuchte. Flammen; Schmerzen; Leid; die Gesichter der vernarbten Freunde von einst; Vorwürfe und Selbstanklagen; der täglichen Angst; den offenen Fragen um die mysteriöse Spezialklinik für Brandverletzte, die ihre Stiefmutter kurz nach der Katastrophe in Klammroth etablierte; mysteriöse nächtliche Anrufe ihres kranken Vaters und der magischen Anziehungskraft des Tunnels… Jenes Tunnels in dem alles endete und begann.

Als sie den einen entscheidenden Schritt macht… Den Schritt hinein in den Tunnel des Grauens, beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen – drinnen und draußen…

Klammroth von Isa Grimm - Verbrannte Kinder

Klammroth von Isa Grimm – Verbrannte Kinder

Isa Grimm entwirft mit „Klammroth“ (Lübbe Verlag) ein Szenario, das ebenso einzigartig wie spannungsgeladen ist. Das zentrale Element der Handlung ist der Tunnel, der zur Metapher für allen Schrecken, die Ängste, die Schuld und die Schlaflosigkeit der vergangenen Jahre wird. Von ihm geht eine spürbare, pulsierende und atemraubende Bedrohung aus, die sich von Seite zu Seite des Romans schubweise steigert.

Isa Grimm scheint mitten im Tunnel zu stehen, und aus unzählig vielen Zutaten einen feurigen Eintopf für ihre Leser zu kochen, der in seinen Geschmacksrichtungen nicht vorhersehbar ist. Eine Prise Schuld; ein großes Bündel Schmerz; ein paar hundert Gramm wirtschaftliche Interessen; ein Pfund Psychose, 100 Jahre des Lebens eines geheimnisvollen Patienten in der Klinik, eine Tonne Seelenqual einer verlorenen Generation und vier Esslöffel Angst um das eigene Leben machen aus diesem Höllen-Mix eine tödliche Lesemischung.

Und wenn man sich dann genüsslich über die brodelnde Angstsuppe hermacht und hofft, dass sich alles auf der Ebene der Psyche abspielt, dann lässt die Autorin ganz beiläufig ein Messer in den Topf fallen. Eine Waffe, die nicht nur den Geist zu zerfetzen vermag. Isa Grimm ist unkalkulierbar und doch sehr plausibel in ihrem Schreiben. Ihre Charaktere leben und strahlen eine vitale Verletzbarkeit aus. Und Isa Grimm scheut nicht davor zurück, zu verletzen. Sie zieht Endlosschleifen der Angst durch ihren Feuertopf… Er kocht über und nur feuerfeste Leser werden das Ende des Romans erleben!

Klammroth von Isa Grimm - Sprachkunst

Klammroth von Isa Grimm – Sprachkunst

Dabei überrascht Tiefgründiges zwischen den Zeilen:

„Das ehemalige Hotel der Teusners… Es war nicht groß – nur acht oder zehn Fremdenzimmer, wie das hier in Klammroth auch heute noch hieß. Als wollte man keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass Gäste nur geduldet waren.“

Ich liebe Wortkunst ganz besonders dann, wenn sie so anscheinend unscheinbar und beiläufig in einem kleinen Satz versteckt ist, und man noch viele Seiten später immer wieder zurückblättert, weil das Denken außerhalb des Buches beginnt. In „Klammroth“ blättert man sehr oft zurück. Atemlos und gebannt. Man ist auf der Suche nach dem Licht am Ende des Tunnels und muss doch erkennen, dass Isa Gimm eine Zutat in ihrem Rezept verborgen hat, das man nur kennt, wenn man ihre Autoren-Vita beachtet… Sie promovierte über ein Buch, das die Existenz von Gespenstern und Quälgeistern beweisen sollte.

Diese gespenstische Zutat muss man ihr zubilligen…Sie verleiht dem Ganzen die Würze einer außergewöhnlichen und unvergesslichen Lesereise, die unsere Nerven auf Äußerste anspannt…. Und nun empfehle ich: Tunnelblick an und auf nach Klammroth. Aber Ihr müsst durch den Tunnel gehen… Es gibt keinen anderen Weg.

Klammroth von Isa Grimm - Licht am Ende des Tunnels?

Klammroth von Isa Grimm – Licht am Ende des Tunnels?

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6 Gedanken zu „Klammroth – Isa Grimm – Lesen mit Tunnelblick

    • Rezensionen sollen Empfehlungen sein und eben auch zeigen, ob das entsprechende Buch in die eigene Leseseele passt.

      Und insofern ist die Erkenntnis, das Buch ggf. nicht zu lesen besser, als ungezielt zuzugreifen.

      Opfer muss nicht sein 😉

  1. Ich sehe auf jeden Fall ein Licht… mein Leselicht, wenn ich mich vom Tunnel mitreißen lasse…ich kann quasi den Brandgeruch schon wahrnehmen!!!

    Ich wusste einfach, auch wenn ich eh schon ziemlich angesteckt war, vom Klammroth-Virus, dass Deine Rezension mir absolut den Rest gibt!!! Das wird bestellt…

    Liebste Grüße
    Bine

  2. Genau meine Kragenweite. Gegen einen guten Schuss Msytery in Thrillern habe ich nichts einzuwenden. Er rundet das Ganze für mich nur noch ab. Und nun zum buchhändler mit der Empfehlung. Danke.

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