1914 – Ein Maler zieht in den Krieg [Der Blaue Reiter vor Verdun]

1914 - Ein Maler zieht in den Krieg - Mehr als Lesen

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg – Mehr als Lesen

Ich bin im eigentlichen Wortsinn kein Bildermensch. Ich lebe in Büchern, schwelge in und zwischen den Zeilen und genieße das Kopfkino, das sich beim Lesen langsam entwickelt. In Galerien stehe ich zumeist hilflos vor modernen Gemälden und es fällt mir schwer zu erkennen, zu deuten oder gar zu interpretieren.

Und doch muss ich Donna Tartt zustimmen, die in ihrem grandiosen Roman „Der Distelfink“ schreibt, dass jeder Mensch sein ganz besonderes Lebensbild hat. Ein Gemälde, zu dem er eine mehr als innige Beziehung hegt – fernab aller Deutungshoheit oder Erklärungswut. Ein Bild des Herzens, das einen nie wieder los lässt.

„Pst. Du da. Hey Junge. Ja Du. Deins. Deins. Für dich bin ich gemalt worden.“ (Der Distelfink)

Ja – auch ich habe ein solches Bild meines Lebens. Ein einzigartiges Gemälde, das ich regelmäßig besuche und zu dem ich im Laufe der Zeit eine mehr als emotionale Beziehung aufgebaut habe. Ja – ich habe das Gefühl, dass es nur für mich allein gemalt wurde. Ich möchte von dieser Bindung erzählen, aber eben auch ein aktuelles Buch vorstellen, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Es ist wie ein echtes Geschenk des Bücherhimmels für mich. Ein wertvolles.

1914 - Ein Maler zieht in den Krieg - Unterwegs in München

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg – Unterwegs in München

Eigentlich begann alles mit Florian Illies und seinem literarischen Meisterwerk „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“. Er erzählt von großen und kleinen Leuten, Dichtern, Schriftstellern, von Menschen wie dir und mir, aber auch ganz besonders von Künstlern, die dem Jahr 1913 ihren leuchtenden Stempel aufgedrückt haben, bevor das Jahrhundert mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Kälte und Dunkelheit versank. Und doch überdauerten Worte und Bilder die Zeit – sie legen heute Zeugnis ab über die Menschen von einst, ihre Gefühle, Sehnsüchte und Talente.

Literatwo hat sich mit diesem Buch damals auf eine Zeitreise begeben und wir ließen uns gemeinsam inspirieren und entführen. So lernten wir Franz Marc kennen, jenen Maler, der sich mit einigen guten Freunden zum „Blauen Reiter“ aufschwang und Bilder entstehen ließ, die eine völlig neue Epoche der Kunst einläuteten. Wir lernten Franz Marc ganz privat kennen, blickten äußerst vorsichtig hinter seine Staffelei und konnten an seinem magischen Briefwechsel mit Else Lasker-Schüler teilhaben. Und wir sahen ihm zu, wie er seinem berühmten „Blauen Pferd“ Farbe und Leben einhauchte.

Und wenige Tage nachdem die letzte Seite des Buches gelesen war, öffnete das Lenbachhaus in München seine gut bewachten Tore nach mehrjähriger Schließung mit der Sonderausstellung zu Franz Marcs „Blauem Pferd“. Ich besuchte die Ausstellung, das Buch in der Hand und das Bild im Herzen. Doch als ich ihm zum ersten Mal Auge in Auge gegenüber stand, passierte etwas in mir, das ich niemals vergessen werde. Die Worte von damals haben zeitlos Bestand:

1914 - Ein Maler zieht in den Krieg - Besuch beim Blauen Pferd

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg – Besuch beim Blauen Pferd

Eine Tür noch – eine einzige! 

Ich schritt hindurch… ein tageslichtheller Raum… ein schwarzer Holzrahmen… und ein majestätisch wirkendes, in den schillerndsten Blautönen strahlendes, futuristisch verformt gemaltes Blaues Pferd erhob sich mir gegenüber. Den Blick zur Seite gewandt, mich mit einem Auge fixierend schien es zu sagen: „Wird aber auch Zeit – ich habe mehr als hundert Jahre darauf gewartet.“ 

Ich besuchte das Lenbachhaus nicht nur mit meinen Augen. Der Artikel aus dem Mai 2013, also genau 100 Jahre nach dem Sommer des Jahrhunderts, legt Zeugnis über meine Gefühle ab. Ich besuchte das „Blaue Pferd“ in Gedanken mit und für Bianca (so, wie ich es heute noch zu tun pflege). Ich werde diesen Moment mein Leben lang nicht vergessen. Und doch blieben am Ende des Lesens Fragen offen. Illies schließt seinen Sommer des Jahrhunderts am Ende des Jahres 1913, die unfassbare Dramatik im Leben des Franz Marc sollte sich jedoch erst ereignen.

Auch er würde in die Wirren des Ersten Weltenbrandes geraten und gerade er, der in Blauen Pferden dachte und malte, sollte beritten in die erbarmungslosen Schlachten ziehen. Oder besser… in DAS Schlachten. Darüber finden sich viele Biographien und Hinweise. Ja – zugegeben, aber ein Buch, das dieser Tragödie gerecht wird, habe ich nicht gefunden. Bis vor wenigen Tagen.

1914 - Ein Maler zieht in den Krieg - Aladin Verlag

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg – Aladin Verlag

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg aus dem Aladin-Verlag zog meinen Blick auf sich. Es wird doch wohl nicht… fragte ich mich… es kann doch unmöglich…, beruhigte ich mich selbst. Hoffend und unruhig zugleich öffnete ich das großformatige Werk und alle aufgestauten Emotionen befreiten sich in einem lauten „Ich glaub` das jetzt nicht!“. 

Ich betrachtete die wundervollen Illustrationen, las die ersten Zeilen und erkannte sofort Franz Marc. Ich konnte es kaum glauben, dass es nun wirklich ein Buch geben sollte, das ihn auf seinem vorgezeichneten letzten Weg in den Ersten Weltenbrand begleitet. Mit riesigen Erwartungen machte ich dieses Werk zu meinem Wegbegleiter und dem Lustkauf folgte ein optisch inhaltliches Leseabenteuer der Extraklasse.

Reinhard Osteroth schreibt einfach. Hört sich das jetzt negativ an? Sollte es nicht… es ist ein tief empfundenes Kompliment, da er sich für einen bildhaft erzählenden Weg entschieden hat, der es Lesern jeden Alters ermöglicht, sich dem Menschen Franz Marc zu nähern. Osteroth schreibt nun wirklich nicht sachlich (auch wenn das Buch mit dem Emys Sachbuchpreis ausgezeichnet wurde). Er schreibt so, als hätte er Franz Marc persönlich gekannt, verweigert sich aber standhaft dem Genre Biographie. Er schreibt uns Franz Marc ins Herz und dabei vermittelt er mehr Wissen und Gefühl, als ich es für möglich gehalten hätte.

1914 - Ein Maler zieht in den Krieg - Wort und Bild - Hand in Hand

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg – Wort und Bild – Hand in Hand

Osteroth erzählt von der künstlerischen Vision Franz Marcs, von seinem Traum neue Wege einzuschlagen. Er beleuchtet Weggefährten und Gegner der Blauen Reiter. Er beschreibt die Stimmung der Augusttage, in denen das deutsche Kaiserreich mit unterschiedlichen Gefühlslagen in den Krieg zog und er lässt Franz Marc selbst zu Wort kommen. Zitate aus seinen Briefwechsel machen sehr deutlich, warum gerade er sich freiwillig melden musste.

Nichts bleibt verborgen in diesem Buch. Alles Hoffen und Bangen, der Schrecken des Krieges, das Gefühl der Unbesiegbarkeit und die Veränderungen, die Franz Marc so sehr prägten. Nach dem Krieg wollte er andere Bilder malen… nach dem Krieg wollte er so vieles… Seine tiefen Briefe an Else Lasker-Schüler erlangen in diesem Buch eine neue Dimension und Franz Marc selbst wird in empathischen Wortfarben gezeichnet, ohne ihn dabei zu überhöhen. Liebevoll… so möchte ich es dem Autor unterstellen… liebevoll und respektvoll bis zum letzten Atemzug Franz Marcs. So liebevoll wie Franz Marc selbst in seinem bewegenden Nachruf auf seinen Künstlerfreund August Macke, der bereits 1914 dem Weltenbrand zum Opfer fiel. Ein Fingerzeig vielleicht? Eine Warnung?

Ironie des Schicksals. Der Blaue Reiter, der Schöpfer meines Blauen Pferdes fiel vor Verdun. 1916, gänzlich ins Feldgrau gehüllt, getroffen von einem fatalen Zufallsschuss. Vom Rücken eines Pferdes in den Matsch der Geschichte geschmettert. Der Blaue Reiter starb als Grauer Reiter. Und mit ihm starb die Vision eines neuen blauen Landes nach seiner Heimkehr.

1914 - Ein Maler zieht in den Krieg - Der Kriegskomet Delavan

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg – Der Kriegskomet Delavan

Osteroth erzählt mit Worten, die haften bleiben und da wo seine Worte absichtlich Raum zum Träumen lassen, begegnen sie den Illustrationen von Reinhard Kleist, die zeigen, was Worte manchmal schwer beschreiben können oder wollen. Eine geniale Ergänzung zum Text. Wort und Bild auch hier Hand in Hand – auch hier eine Spur „Gegen das Vergessen“.

Ein zutiefst menschenfreundliches Buch über eine unmenschliche Zeit.

Ein Buch für jeden Kunstliebhaber; ein Buch für alle Büchermenschen; ein Buch für Groß und Klein; ein Buch für Herzensleser; ein Buch für kreative Geister und verwandte Seelen; ein Buch für alle Liebhaber von Kunstausstellungen, in denen die Gemälde von Franz Marc in ihrer zeitlosen Farbenfreude faszinieren. Ich habe viel gelernt in „1914 – Ein Maler zieht in den Krieg“. Ich habe viel gefühlt und letztlich habe ich persönliche Tränen vergossen…

Der letzte Freundschaftsdienst von Paul Klee; das letzte Gedicht von Else Lasker-Schüler an ihren gefallenen Blauen Reiter; die Gefühle von Maria Marc im Angesicht der beiden letzten Briefe ihres Mannes, die erst nach seinem Tod die Heimat erreichten.. all dies ist im Buch zu erlesen, erfühlen, erweinen und zu erblicken.

„Sorge dich nicht, ich komm schon durch. Franz“ 

1914 - Ein Maler zieht in den Krieg - Eine Lesereise

1914 – Ein Maler zieht in den Krieg – Eine Lesereise

Danke für dieses Buch. Es ist für mich eines der wichtigsten Geschenke meines literarischen Lebens. Ich weiß dieses Kunstwerk in Dresden – ich weiß es bei Bianca. Es mit eigenen Augen sehen zu können, was ich hier nur mit anderen Augen sah – das war und ist mir wichtig. Ich ließ es zu Dir reiten. Flieg mit ihm im gestreckten Galopp.

„Der Blaue Reiter ist gefallen, ein Großbiblischer, an dem der Duft Edens hing. Über die Landschaft warf er einen blauen Schatten… wo der Blaue Reiter ging, schenkte er Himmel.“ (Else Lasker-Schüler)

AstroLibrium - Unterwegs in Sachen Literatur

AstroLibrium – Mr. Rail unterwegs in Sachen Literatur

Es endet nie…“Mein Lenbachhaus“ – Bilder einer Ausstellung:

Klee - Kandinsky und Marc - und mein pferd

Klee – Kandinsky und Marc – und mein pferd

Es geht weiter im Lenbachhaus. Diesmal unter der Überschrift „Kraftraum meines Geistes„. Ganz neu ausgestattet mit Jahreskarte und im tiefen Dialog mit meinem Blauen Pferd.

Das Lenbachhaus - Der Kraftraum meines Geistes

Das Lenbachhaus – Der Kraftraum meines Geistes

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4 Gedanken zu „1914 – Ein Maler zieht in den Krieg [Der Blaue Reiter vor Verdun]

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